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"Angriff auf die Freiheit", anthropologisch angesehen

Sonntagsmorgens, wenn andere sich noch in den Betten wälzen, frühstücken oder in die Kirche gehen, habe ich gerne Bildungsfernsehen. Ziemlich zuverlässig kommen die Tele-Akademie (heute das Thema, was Mathematik alles so sein kann). Dann auch die "Sternstunde Philosophie" auf 3sat. Da war nun das Thema Sicherheit und Überwachung, und das Gespräch fand mit den klug-sympathischen Menschen Juli Zeh und Ilija Trojanow statt. Ihr aktuelles Buch: "Angriff auf die Freiheit".
So sehen die beiden Autoren den langfristigen Trend zur Totalüberwachung einschließlich Debatte über den sog. "Nacktscanner". Von mir aus gesehen wahrscheinlich eine Erfindung von Männern, denen es nicht gelungen ist, mit anderen Methoden Pimmelgrößenvergleiche anzustellen oder unter die Röcke von Frauen zu kommen (vgl. Günter Grass).
Zwei Schwachstellen der Argumentation: Juli Zeh erwartet sich noch etwas von der Kontrollfunktion der "Öffentlichkeit" und bemerkt nicht, dass es sich dabei um eine ähnliche "Nebelbank" (Kant) handelt wie bei "Demokratie". Zweitens: Eine mögliche Umkehr erwartet sie sich von einem anderen "Menschenbild". Wer das Böse unterstellt, kann nur "verschärfen". Wer das Gute, der kann zivilisiert aushandeln und Freiheit verteidigen wollen.
Gestern habe ich eine treffliche Argumentation dafür gefunden, dass dies nicht hinreichen kann. Sloterdijk hat in "Zorn und Zeit" dem Eros (s. Freud: Libido) den Thymos (also etwa Stolz, Zorn, 'positiver' Behauptungswille) gegenübergestellt. Jan Assmann hat vorgeschlagen, das "Phobische" hinzuzufügen. Es ist wirklich anstachelnd zu sehen, wie er anhand der ägyptischen Königskonzeption ein über die Zeiten wirkendes Prinzip der Welt- (in der) und Menschen-Angst (gegeneinander) beschreibt, das die Beherrschungs-Oberbehauptungen rechtfertigen kann. Der Herrscher wird die Menschen vor sich selbst beschützen müssen, weil sie sich gegenseitig zerfleischen und die heiligsten Dinge schänden werden. Dies wirkt in der christlichen und hobbes'schen Übersetzung weiter (Der Mensch als des Menschen Wolf). "Aus der Fiktion eines chaotischen Naturzustands ergibt sich eine umfassende Ermächtigung zum Gewaltgebrauch und zur Aggressivität. In der abendländischen-christlichen Tradition wird die pessimistische Anthropologie [vgl. Juli Zeh: negatives Menschenbild] seit Agustinus mit der Doktrin der Erbsünde begründet. So taucht das indische Bild vom 'Gesetz der Fische' (matsya-nyaya) auch in der mittelalterlichen Staatslehre auf: 'Überall unterdrücken die Starken die Schwachen und die Menschen sind wie Fische im Meer, die sich gegenseitig verschlingen.'" (Da greift nach Assmann sogar der Begriff der Fremdenfeindlichkeit, "Xenophobie", zu flach.) Und das ist natürlich die Begründung selbst der demokratischen Oberhäupter, die Menschen vor sich selbst schützen zu müssen. (Und zusätzlich macht das eine überwiegende Zustimmung der Verängstigten verständlich.) (Zum Nachlesen: Jan Assmann, Das Phobische, in: Jongen/van Tuinen/ Hemelsoet (Hg.): Die Vermessung des Ungeheuren. Philosophie nach Peter Sloterdijk. München: Fink, S. 444–455)

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Kommentare

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Anonym am :

"ein über die Zeiten wirkendes Prinzip der Welt- (in der) und Menschen-Angst (gegeneinander) beschreibt, das die Beherrschungs-Oberbehauptungen rechtfertigen kann"

Muss man solche Sätze verstehen können sollen?

Martin Reuter am :

Abermals und immer wieder: definitiv nein! Niemand muss müssen.

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