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Lidl, Vernunft und Gnadenlosigkeit

Die Vorgänge sind seit einiger Zeit reichlich bekannt: Der sog. Discounter – worauf gibt’s jetzt eigentlich den Discount? – ließ mit Kameras und Detektiven Mitarbeiter bespitzeln. Sozusagen Betriebs-Stasi. „Seither ist die Öffentlichkeit schockiert“, wie man so sagt, und da entschuldigte sich der Konzern tränenreich in teuren Anzeigen und Flugblättern. Interessant sind aber weniger die Skandalitäten, die man jeden Tag so braucht und die auch in den blogs kochen, sondern interessant und wirklich lehrreich ist das Gesamtpaket.
Hatten wir uns mit Schily und Schäuble nicht schon ein wenig an Überwachungskameras gewöhnt? In jeder größeren Kaufboutike hängen sie, und die Kaufhausdetektive vorne im Gewühl oder hintendran. Das Detektivische kam eher jämmerlich daher, wie in einer schmierigen TV-Serie: Welche Tätowierungen Frau X wo auch immer trägt, was sie am Telefon fürs Abendessen mit ihrem Mann verabredet, wie zwei Verkäuferinnen dazu kommen, sich „auf Polnisch“ vor den Kunden zu unterhalten: Wen soll das interessieren, außer zuhörenden Polen?
Die Begründung ging eher unter: 80 Millionen Inventurverlust im letzten Geschäftsjahr. Der Blogger rechnet unter „Pannen und Patzer aus Politik und Gesellschaft“ vor, dass solche Summen bei einem „stolzen“ Umsatz von 13 Milliarden bloße 0,6 Prozent und damit peanuts seien. (Sozusagen ein pervertiertes Deutsche-Bank-Argument) Interessante Auffassung, dass mögliche kriminelle Handlungen mit Hinweis auf den Umsatz eines Unternehmens bagatellisiert werden können. Apropos möglich: Einen Inventurverlust von 80 Millionen ausschließlich bei den Mitarbeiterinnen zu suchen, ist natürlich schon kriminelles Fehldenken. Aber das wird ja in der Regel nicht bestraft. (In einem Anne-Will-Interview behauptet Konzernmitarbeiter Jürgen Kisseberth, das seien 40%. Wie kommt er zu dieser Zahl, und was ist mit einfachem Käuferklau, Abrechnungs- und Logistikfehlern oder Anlieferungskriminalität?)
Veronika Baier und andere kritische Kräfte haben in Lidl ihren prominenten Raubtierkapitalisten gefunden. In der Tat: Auf 2900 Filialen „stolze“ sechs Betriebsräte – die bei uns bisher ja noch als Arbeitnehmervertreter gelten, so lange sie sich nicht Damenbegleitungen o.Ä. spendieren lassen. Da fragt man sich schon realistisch, ob hier der „autoritäre Kapitalismus“ des tibetunterdrückerischen Chinesen bereits angekommen ist. Der Chinese hatte immer schon so was Schlitzäugiges! SchlitzLidl! Kategorie greifbare Großschuldige. Filialleiterin Ulrike Schramm-de Robertis berichtet bei Krankenschwester Anne aber auch zarte Aufschwünge: „Nein, die Kameras hätten sie nicht überrascht, das sei bekannt gewesen, sagt sie. Die Mitarbeiter lebten eigentlich immer schon in Angst und Unterdrückung. Insgesamt sei Lidl jedoch auf einem guten Weg. Vor ein paar Jahren ‚sah das noch anders aus’.“ Schaunwermal.
Aufregend und praktisch kriminell erscheint der Medienwelt natürlich auch die Medienabstinenz von Lidl. Bekanntlich lassen sich die Führer dieses Unternehmens nicht filmen und interviewen. Das mag dem Journalisten und dem TV-Geiler schon ausreichen: Die lassen sich nicht in die Karten schauen, die haben was zu verbergen…
Nun kommen noch die PR-Profis ins Spiel. Online räkelt sich das Handelsblatt aus über die Kommunikationsstrategie des Unternehmens. Mehrere Beratungs- und PR-Unternehmer bemängeln die frühere Medienenthaltung. Nun aber sei ein Fortschritt zu verzeichnen. Man habe praktisch keinen Fehler in der Krisen-Kommunikation gemacht. Das zahle sich nun aus: „Die Aktion scheint zu fruchten. Laut den Kölner Marktforschern von Psychonomics, die täglich die Konsumentenwahrnehmung von 550 Marken messen, ist die Talfahrt des Lidl-Images gestoppt. Von einem guten Indexwert 29 war das Unternehmen am vergangenen Freitag auf minus elf abgerutscht. Gestern kletterte der Gesamtimagewert wieder auf minus sechs. ‚Ich vermute, dass die Zeitungsanzeigen einen Effekt darauf haben’, sagt Holger Geißler, Vorstandsmitglied von Psychonomics.“ (Handelsblatt)

Als das eigentlich Skandalöse empfinde ich die Totalverpeilung der Gesamtpaket-Szene. Die Kritiker des gegenwärtigen Wirtschaftens glauben, mit moralischen Beschwörungsformeln und Bereichskonfusionen eine „andere Welt“ machen zu können. Nur ein PR-Manager kann im Verein mit Moralisten behaupten: „Jedes unternehmerische Handeln ist öffentlich.“ (Klenk, Handelsblatt) Es handelt sich bis auf Weiteres um ein privatwirtschaftliches Modell, in dem Geld immer noch nicht stinkt – wie auch immer man es verdient – und in dem es keine Gnade gibt. Wer das anders haben möchte, sollte realisieren, dass der erste postmoderne kategorische Imperativ lautet: Konsumiere! Und in der westlichen Komfortzone tun wir das gerne. Nur auf unterschiedlichen Etagen. Denn eine Wette gilt: Die Lidl-Empörtesten sind Journalisten und Mittelständler, die nicht unter solchen Umständen arbeiten und sich auf diesen Grabbeltischen des niederen Konsums die Finger auch nicht schmutzig machen. Wie sagt doch der Herr Wirtschaftsminister Glos bei Krankenschwester Anne: „Ich habe noch nicht oft bei Lidl eingekauft.“ Wahrscheinlich war’s der Fahrer. Das wäre vielleicht einer, dem die Ausspionierung seiner Kreditkarten-Pin per Kamera annähernd hätte Probleme bereiten können.

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Kommentare

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Schwester Gertrud am :

Lidl hat dasselbe Schweinsystem wie Schlecker. Schlecker ist noch ein wenig fortgeschrittener in der Terrorisierung seiner Mitarbeiter. Das ist nicht Versehen, das ist Methode. Dass da Schwund einzurechnen ist, wundert mich nicht. Schwund ist die Rache des kleinen Mannes.

mädchen am :

der kleinen Frau?

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