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Mit einem Mini-Programm soll mehr Stadtgrün in die City kommen. Oder um es mit Jacques Herzog zu sagen: „… der ‚Star‘ in der Architektur sollen die Freiräume sein, allen voran der Grünraum.

Mit einer 19.999 Euro Initiative je Grundstück macht sich die Stadt auf, dem in Zukunft noch zunehmenden Hitzestress in der City entgegenzuwirken. Im Wesentlichen bezieht sich das Vorhaben mit dieser kleinen Finanzspritze auf das Innenstadtgebiet, die Frankfurter Straße und den Schönfelder Park. Im Kern jedoch, das ist klar, geht es um die mikroklimatisch hochbelastete Innenstadt, die – vom Luther- und Friedrichsplatz mal abgesehen – zu annähernd 100 Prozent versiegelt, zubetoniert und asphaltiert ist.

Dass etwas getan werden muss, um für Entlastung zu sorgen, haben die heißen Sommertage nicht nur in diesem Jahr überdeutlich gezeigt. Auch auf diesem Feld bedarf es also einer raschen Wende. Das wissen alle: Fachleute, Ökologen, Mediziner und die Klimaexperten sowieso.


Um das „sowieso“ ein bisschen zu ‚bebildern‘, soll ein kleines historisches Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit dienen: In den Achtzigern sind in der Kasseler Innenstadt mit Städtebauförderungsmitteln eine ganze Reihe von Maßnahmen durchgeführt und vom Bund entsprechend gefördert worden. Hierzu gehörten u.a. die Aufstockungen vieler Häuser in der Oberen Königsstraße (die damals noch als Relikte der Kriegszerstörung schmerzhaft sichtbar waren), der Bau der Tiefgarage unter dem Friedrichplatz, der eine oder andere Platzumbau, der Umbau der Garnisonskirche etc.. Ob der Löwenanteil dieser Mittel, der nun in der gigantischen Tiefgarage begraben liegt, verkehrspolitisch sinnvoll war, sei dahin gestellt. Aus heutiger Sicht bestimmt nicht. Es gab auch damals schon heftige Kritik daran. 1983 haben die mit der Aufgabe betrauten städtischen Planer und Organisatoren dem Bund gegenüber zu erkennen gegeben, dass die Stadt bereit und auch willens war, ökologisch wirksame Maßnahmen zu ergreifen, weil auch damals schon Erkenntnisse darüber vorlagen, dass die bioklimatische Situation in Kassels City kritisch war. Um nachzuweisen, dass ökologische Entlastungsmaßnahmen dringend nötig sind, ist ein Klimagutachten – in Zusammenarbeit mit der Universität – erstellt worden. Die Erhebungen und Messungen wiesen das Augenfällige nach: Der Untersuchungsraum Innenstadt stellte sich als hochgradig versiegelt, bebaut und zubetoniert dar und hatte folglich in den Sommermonaten ein bioklimatisch ausgesprochen belastendes Mikroklima. Bis auf wenige grüne Minioasen in dem einen oder anderen Innenhof, die wenigen Straßenbäume, das Grün auf dem Luther- und dem Friedrichsplatz (dort spenden bis heute die Linden am Rand der Platzes Verdunstungskälte und Schatten) gab es kaum etwas, das die Bewohner vor Hitzestress schützte ...

Insofern, da sich ja innerstädtisch seitdem kaum etwas zum Positiven verändert hat und die Sommer inzwischen noch heißer und trockener geworden sind, kann man ganz ohne Übertreibung von einer spürbaren Zuspitzung sprechen. Der Wärmeinseleffekt der Innenstadt hat sich verschärft und damit die gesundheitlichen Beeinträchtigungen für die hier Wohnenden und Arbeitenden. Jeder spürt das selbst.

Insofern kann die Initiative der Stadt Kassel mit der Förderung von „Stadtgrün“ nur begrüßt werden. Dass die Fördersumme und die Freiwilligkeit im Verhältnis zu dem, was es an Initiative und an Investitionen für Entsiegelungen, vertikale und horizontale Begrünung, für Baum- und Strauchpflanzungen, für Maßnahmen zur Wasserspeicherung, zum Bau von Teichen und offenen Wasserflächen etc. bräuchte, viel zu klein ist, muss man nicht betonen. Es ist dennoch gut, in diese Richtung zu gehen, aber nach den vielen tatenlosen Jahrzehnten viel zu spät und viel zu zaghaft. Wer da etwas erreichen will, muss zupackender handeln. Aber davon muss man in dieser Stadt vorerst weiter träumen, denn so wie Kopenhagen für die hiesigen Radfahrer eine Fata Morgana, so wird auch die Nachbegrünung der Innenstadt in Kassel noch für lange Zeit eine Schimäre bleiben …

Im Übrigen: Der Instrumentenkasten für die vielfältigen Maßnahmen zur urbanen Nachbegrünung ist längst vorhanden und gut bestückt. Außerdem bestens erprobt, ausgesprochen leicht umsetzbar und abgesichert in Bezug auf die zahlreichen positiven Auswirkungen. Es bedarf also keiner großangelegten Experimente mehr. Es muss und könnte sofort gehandelt werden. Aber bis auf diese Mini-Initiative des Baudezernats wird’s erst mal nix geben. Auch wenn die Richtung stimmt, so erinnert das Progrämmchen doch sehr an den an dieser Stelle von mir schon vor zwei Jahren deutlich kritisierten Anlauf zur Lärmberuhigung an den Hauptverkehrsstraßen. Erinnern Sie sich noch an die sogenannte „RUHEOASE“? Eine der ganz prominenten Nolda’schen Nebelkerzen? Hier der Link dazu

Damals, Frühjahr/Sommer 2020, sollten Ruheoasen geplant und realisiert werden, statt einfach Tempo 30 für vielbefahrenen Straßen kommunalpolitisch zu verordnen, was sofort Verbesserungen für die dort Wohnenden gebracht hätte. Tempo 30 hätte neben sofortiger Lärmminderung auch zu Luftverbesserung und CO2 Einsparungen geführt. Das aber traute man sich nicht. So hat man den lärmgeplagten Bürger*innen Ruheoasen versprochen, viele hundert Meter von den überlauten Hauptverkehrsstraßen entfernt. Ein Witz natürlich und gegen Lärm absolut wirkungsfrei. Ähnlich verhält es sich nun mit der neuen Initiative für mehr Grün in der Innenstadt. Hier stimmt wenigstens die Stoßrichtung, dennoch ist die Halbherzigkeit auch hier zu kritisieren.

Statt Nägel mit Köpfen zu machen, Geld in die Hand zu nehmen und mit den Eigentümern in ein offensives Gespräch zu gehen, wobei natürlich auch Druck ausgeübt und die Eigentümer dazu gebracht werden müssen, selbst in die Zukunft der Stadt und damit die Werthaltigkeit ihrer Immobilie zu investieren, wird mit ein bisschen mit Geld gewunken. Das ist zu wenig. Es hilft vielleicht, im anstehenden Wahlkampf die notwendigen Broschüren der GRÜNEN aufzuhübschen. Mehr aber auch nicht.

Die einfache Erklärung für dieses immer wieder zögerliche, halbherzige Verhalten von GRÜNEN und SPD ist die Angst vor den Autofahrern und deren Lobby! Das gilt für die verweigerte Tempo 30 Verordnung auf Hauptverkehrsstraßen und dem daraus folgenden Hintertreppenwitz mit den Ruheoasen genauso wie für die halbherzige Mini-Initiative für mehr Grün in der City. Denn es ist klar: Wer die Innenhöfe entsiegeln und viele Bäume pflanzen möchte, wo die Innenstadt doch buchstäblich zugestellt ist mit Autos (trotz der riesigen Tiefgarage!), der muss in eine harte Auseinandersetzung gehen. Die jedoch scheuen die SPD wie die Grünen gleichermaßen und immer noch, obwohl allüberall viele Städte beispielhaft vorangehen …

Also: Machen Sie sich keine Hoffnung. Mit dieser Kasseler SPD und den hiesigen unmutigen Grünen, letztere mehr oder weniger im Schlepptau der immer noch dominanten, ultra-konservativen SPD, wird es in Kassel mit solchen Programmen nichts werden. Alles, was man bräuchte, um die oben angedeuteten grünen Maßnahmen zur Rettung der Städte durchzusetzen, um sie wieder sommertauglich und widerstandfähig gegen die Überhitzungstendenzen im Sommer zu machen, wird es hier in Kassel nicht geben. Wenn doch, dann nur in homöopathischer Dosis.

Und um kurz noch einmal auf die Überschrift zurück zu kommen: Wenn ein Architekt wie Jacques Herzog, also einer der ganz Großen, den Grünraum als das identifiziert und erkennt, was in Zukunft die Qualität einer Stadt prägt, dann muss was dran sein an der Notwendigkeit für eine Wende hin zur grünen Stadt. Ein Mann, der sich mit den von ihm geschaffenen Monumenten wie der Elbphilharmonie in Hamburg, der Tate Gallery in London oder dem Olympia Stadion in Peking zum einen unsterblich gemacht hat und zum anderen trotzdem so zurücknimmt, darf durchaus als Kronzeuge herangezogen werden dafür, dass es Zeit wird, den überfälligen Wandel zur grünen Stadt hin nun kraftvoll und ideenreich anzugehen.

Dieser Wandel wird wesentlich zum Überleben der Menschheit beitragen, wenn er denn gelingt. Wenn nicht, werden wir als Spezies vielleicht nicht überleben. Aber auch wenn das offen bleibt, so stehen dennoch zwei Dinge schon heute fest: Erstens wird dieser Wandel nicht in Kassel seinen Ausgang nehmen und Kassel wird sich daran auch nicht kreativ-offensiv beteiligen. Man ist hier zu ängstlich, zu zaghaft, zu phantasielos, zu autohörig, zu provinziell. Zweitens wird dieser Prozess – weltweit gesehen – die Städte² in einem Ausmaß verwandeln, wie es sich die meisten in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können: Wer in vielleicht 100 Jahren aus dem Weltraum auf die Erde blickt, wird hoffentlich noch viele großflächige Urwälder erkennen können, aber eben auch – und das ist die große Hoffnung – riesige urbane und vollkommen durchgrünte Zonen. Kaum unterscheidbar von naturnahen Arealen daneben, weil alle Dächer grün und „bewaldet“ sind. Diese Zonen werden von Wasseradern und Teichen durchsetzt sein und durchzogen von Verbindungstrassen, die mit den Asphalt und Betonwüsten von heute nichts mehr gemein haben. Die Mobilität hat sich derart gewandelt, dass Vieles davon sich in die Luft oder unter die Erde verlagert hat. Die Freiräume oder eben die Herzog’schen Grünräume aus der Überschrift sind nicht nur komplett grün (nomen est omen), sie haben sich vielmehr in einen der Gesundheit und der Bildung dienenden Bewegungs- und Lern-Raum verwandelt, der einen weltumspannenden Urlaubs- und Erholungstourismus wie heute tendenziell überflüssig macht. Denn die urbanen Zonen anderer Kontinente sehen recht ähnlich aus, auch wenn sie aufgrund der klimatischen und sonstigen Differenziertheiten natürlich unterschiedliche gesellschaftliche Ordnungen und eine divergierende Flora und Fauna zu bieten haben werden ...

¹ Interview mit J. Herzog in der Süddeutschen Zeitung vom 01.07.2022
² Wissensmagazin scinexx, Juli 2020: „Drei Viertel der Weltbevölkerung leben inzwischen in Städten – dies entspricht 5,6 Milliarden Menschen weltweit, wie der aktuelle „Atlas of the Human Planet“ der EU zeigt. Seit 1975 hat sich zudem die Zahl der urbanen Zentren verdoppelt, die der Millionenstädte und Megacities sogar verdreifacht. Inzwischen lebt jeder achte Mensch in einer dieser Großballungsräume. Besonders stark hat die Urbanisierung dabei in Asien zugenommen ...“

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