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Mit Monika Kraus sprechen

Mein Kind ruft völlig aufgelöst bei mir an. Sie schreit und schluchzt ins Telefon, sie habe etwas Schreckliches getan."Ich habe eine Frau angefahren, sie ist tot. Ich bin eine Mörderin."
Ich beginne zu zittern, versuche mein Kind zu beruhigen."Das hast Du nicht extra gemacht, das ist schrecklich, ganz schrecklich, aber Du bist keine Mörderin." Während dessen durchläuft mich die Vorstellung, dass das mein Kind nicht verkraften wird, dass das überhaupt nicht zu verkraften ist und dass das ihr Leben für immer verändern wird. "Mama, kannst Du mit der Kommissarin sprechen, ich habe nur zwei Anrufe, die ich machen darf." Ich lasse mich an die Kommissarin weiterreichen. In einem barschen Tonfall meldet sich: "Monika Kraus, Kriminalpolizei". Immer noch zitternd ploppt bei mir die Frage auf, warum nur zwei Anrufe und warum Kriminalpolizei, das ist doch eine Verkehrssache? Dass mein Kind mit ihrem VW-Bus absichtlich eine Frau tot fährt, ist völlig ausgeschlossen. "Ich brauche erst einmal Ihre Daten, um sicher zu sein, dass Sie die Mutter sind." Ich gebe bereitwillig meine Daten bekannt, Name, Wohnort, Geburtsdatum, auch die meines Kindes und ihres Vaters. Im Nebensatz erwähne ich, dass wir das ein Jahr vorher selbst erlebt haben, mein Mann sei angefahren und lebensgefährlich verletzt worden. Inzwischen laufe ich wie eine Tigerin im Käfig auf und ab, versuche mich und meinen Atem zu beruhigen, das Zittern will nicht aufhören. Als sie mich nach meiner Wohnsituation fragt und die Namen meiner Mitbewohner wissen will, gestatte ich mir die Gegenfrage, was denn das mit dem Unfall zu schaffen habe? Das Gespräch wird unterbrochen. Was machen, was machen? Ich rufe meine Tochter an, sie meldet sich nicht, ohne Hoffnung spreche ich auf die Mailbox. Ich rufe bei der Kriminalpolizei Hamburg an, um Frau Monika Kraus zu sprechen. Es gibt keine Monika Kraus bei der Kriminalpolizei Hamburg, parallel dazu klingelt das Handy. Meine Tochter ist heiter und vergnügt am Telefon:"Hallo Mama!" Die Beamtin aus Hamburg hört mit. Ich gebe Entwarnung. Aufatmen und weinen. Später erkundige ich mich in Hamburg, was ich noch unternehmen soll. Ich habe dieser Person ziemlich viel Informationen geliefert. "Nichts", ist die Auskunft. Das seien Trickbetrüger, die könnten mit den Daten nichts anfangen. Und übrigens sei für Verkehrsdelikte nicht die Kriminalpolizei zuständig und es sei in Deutschland auch nicht üblich, dass man nur zwei Anrufe frei habe, man habe das Recht, jeden anzurufen, unbegrenzt.
Nun folgt die zweite Phase, die Phase der Selbstbeschuldigung. Wie kann man nur so blöd sein, auf so etwas hereinzufallen? Bin ich denn bereits so alt, dass ich das nicht raffe? Warum hat mein Verstand so völlig ausgesetzt, obwohl ich es besser weiß?
Ich bastele mir eine Erklärung zusammen: Das war das Weinen, das Schreien, das Schluchzen, die Not meines angeblichen Kindes, die mich hirnlos machte. Ich bin verblüfft, dass ich ohne Zweifel meine Tochter gehört habe. Ich war absolut sicher, jede Modulation stimmte. Wie schaffen die das bloß? Oder hört sich weibliches Weinen, wenn es in Verzweiflung umschlägt, immer gleich an? Ich stelle mir vor, wie Frau Krause das Weinen und Schreien geübt hat und dann am Telefon abspult. Viel später komme ich darauf, dass man weibliches Weinen als Soundeffekt im Netz runterladen kann. Und weil Frauen deutlich mehr weinen als Männer, haben sie sich wohl auf Töchter spezialisiert. Ein Versuch kann es wert sein, bis zu 35.000 €, lese ich im Netz. Bei Kinderlosen oder Tochterlosen wär Frau Krause nicht weit gekommen.
Erst einmal erzähle ich meiner Mitbewohnerin, was mir gerade passiert ist. Ihre Freundin sitzt mit am Tisch. "Mein Vater hat das auch erlebt. Der wollte schon mit denen im Taxi zur Bank und mit dem Geld zum Landgericht fahren, als ihm auffiel, dass die dauernd vom Landesgericht sprechen. Und weil er damit beruflich zu tun hat, dämmerte ihm, dass da was nicht stimmen konnte." Ihr Vater ist übrigens deutlich jünger als ich und heißt Christian, das ist ein Vornamen, der 1957 modern wurde, meiner hat bereits 1938 ziemlich unten in der Hitliste gestanden und ergatterte 1950 immerhin noch Platz 121, bevor er ganz von den Listen verschwand. Am Namen kann es nicht liegen. Oder doch? "Die falschen Polizisten haben es vor allem auf ältere Menschen abgesehen. Denn die haben oft großen Respekt vor der Polizei. Systematisch durchsuchen die Trickbetrüger Telefonbücher nach alt klingenden Vornamen und rufen die älteren Menschen gezielt an. Dabei arbeiten sie oft systematisch Orte und einzelne Straßenzüge ab. Das habe auch logistische Gründe, erklärt Steffen Büntjen von der Polizeidirektion Bad Segeberg: Sie können die Beute gebündelt abtransportieren, zum Beispiel in Lieferwagen." Ich und Respekt vor der Polizei, interessant, interessant. Aber dass noch jemand darauf reingefallen ist, das hat mich doch getröstet.

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VB am :

Vor zwei Jahren bin ich einem Trickbetrüger nur dadurch entkommen, dass Moneygram im Hauptbahnhof geschlossen hatte.

Mein (reisefreudiger) Bruder hatte mir Ukraine eine Mail geschickt:

„Ich bin derzeit in Ukraine und ich brauche dringend deine Hilfe. Ich wurde gestern Nacht auf meinem Weg zum Hotel ausgeraubt. Mein Tasche mitsamt Reisepass und Kreditkarte wurde geklaut. Die Botschaft ist bereit, mich ohne meinen Pass fliegen zu lassen. Ich muss nur noch für mein flugticket und die hotelrechnung zu bezahlen. Leider habe ich kein Geld dabei, meine Kreditkarte könnte helfen aber die ist auch in der Tasche. Ich brauche dich, um mir € xxxx zu leihen.“

Vornamen, Geburtsdatum meines Bruders – alles hat gestimmt.

Ich bin sofort gesprungen. Das Geld sollte ich via Moneygram an eine Adresse in Donetska schicken. Wie gesagt, der Moneygram-Laden im Hauptbahnhof war zu, und ich konnte an diesem Abend nichts mehr machen. Meine Schwester hatte mir geraten, vorsichtshalber von meinem Bruder etwas Familiäres abzufragen, das nur er wissen konnte. Außerdem habe ich am nächsten Morgen bei seiner Arbeitsstelle angerufen, und siehe da: er war keineswegs verreist!
Auf meine Abfrage nach ‚Familiengeheimnissen‘ erhielt ich übrigens keine Antwort.

Der Emailabsender hatte die Mailadresse meines Bruders minimal verändert, so dass es mir nicht aufgefallen war.

Dieser Trick war viel simpler als bei Dir; anscheinend setzt das Hirn so oder so leicht aus, wenn es um Menschen geht, die einem nahestehen.

Wolfgang am :

Gertud Margot: Als Lena Sarah wäre dir das nicht passiert! :))

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