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Auf die Kanzlerin hören

Die unser aller Kanzlerin soll gesagt haben, man soll die Dinge vom Ende her denken. Hätte ich nur mal auf sie gehört. Dann hätte ich mir vorher überlegt, wie ein Senfkörnerwickel auch wieder von der Brust runter kommt.
Meine Schwester riet mir, doch einen Senfmehlwickel auf meine strapazierten Lungen zu legen, vorne und hinten. Das hätte unserer Freundin und Wahlschwester sehr geholfen, als sie ohne Antibiotika durch eine schwere Lungenentzündung kommen wollte. Sie hätte das geschafft, was ich bestätigen kann, weil ich sie noch nicht lange her fidel und wohlbehalten am Bodensee angetroffen habe. Man könne auch Senfkörner fein mahlen mit der Kaffeemühle. "Und mach den Wickel nicht zu heiß, das Senfmehl entwickelt enorme Wärme."
Seit der letzten Entrümpelungsaktion finde ich meine himmelblaue Kaffeemühle aus den 50ziger nicht mehr, ein Erbstück aus dem Haushalt meiner Mutter. Dafür finde ich im Gewürzschrank Senfkörner, die ich noch nie benutzt habe. Kleinmörsern hätte Stunden gedauert, also breche ich sie ein wenig mit dem Stößel auf, streue sie auf ein Geschirrtuch, schütte gut heißes Wasser drauf, wringe es aus, schlurfe ins Bad, hole ein großes Badetuch und sinke entkräftet ins Kissen. Spätestens dann hätte ich vom Ende her denken sollen. Ich lege mir die Senfkörner samt gut warmem Geschirrtuch auf die Brust und schlafe auf der Stelle ein. Eine Stunde später werde ich wach, weil es auf meiner Brust brutzelt. Die halb aufgebrochenen Senfkörner sind es, die vor sich hin köcheln. Oh, das ist angenehm und unangenehm zugleich. Ich richte mich auf und ein Teil der Körnchen kullert direkt in mein Bett und der andere Teil klebt fest. Ich versuche sie abzustreifen, aber sie haben sich so gut eingefressen, sie wollen lieber bei mir bleiben. Nun werde ich energisch, packe das Tuch, werfe es von mir und nehme das Badetuch, um den Senf abzureiben. Überall kullert es, im Bett, am Bett, unterm Bett und auf dem Boden. Die Brust brennt wie Teufel und ich bin schon wieder so müde, dass ich vorerst den Kampf aufgebe. Später habe ich mehr Erfolg.
Nach einer gewissen Zeit scheint mir, dass die Senfkörner geholfen haben, ich atme freier und das Brutzeln ist auch nicht so übel. Am nächsten Morgen entdecke ich, dass die ganze Brust gesprenkelt ist, kleine Erhebungen, fast wie bei Windpocken. Es brennt immer noch und wird auch noch weiter brennen. Mittlerweile - nach drei Wochen- sind sie wenigstens nicht mehr so feuerrot, die Sprengsel. Hätte ich rechtzeitig vom Ende her gedacht, hätte ich mir überlegt, wie ich den Wickel entsorge und dann wäre ich vielleicht auf die Idee gekommen, die Körner in das Geschirrtuch einzuschlagen, weil Körner ja diese Kullereigenschaft haben, statt sie direkt auf die Haut zu klatschen. Plusquamperfekt-Konjunktiv II, Dich habe ich schon immer gehasst oder ist das jetzt ein Präteritum-Konjunktiv-II? Besser wissen, wenn's zu spät ist, das ist das Einzige, was das/der kann. Am nächsten Tag habe ich mir Senfmehl gekauft, in eine leicht feuchten Waschlappen gestreut, heiß gemacht und draufgelegt. Die Zinksalbe auf der Brust hätte ich mir besser gespart. Senfmehl ist klasse, ich muss gestehen, direkt auf der Haut noch effektiver, wenn man nichts dagegen hat, über Wochen wie ein Streuselkuchen auszusehen.

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