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Aus der Distanz von 1,5 m betrachtet

Die klassische Einleitung der üblichen Aufrufe von NGOs, Politikern, Spendensammlern etc. ist derzeit „In diesen schwierigen Zeiten...“ Dann folgt der Spendenaufruf, die Ermutigung, zuhause zu bleiben, die Warnung vor der unausweichlichen Zunahme häuslicher Gewalttaten, oder der Dank an die Adresse derer, die durchhalten und „es schaffen“, die beglückende Erfahrung der neuen Nähe zwischen den Menschen – trotz Abstandsregelung, und der Wunsch „bleiben Sie gesund!“

Letzteres eigentlich mehr ein Befehl, dem man auch gern folgen möchte.

Der Vorrat an für unsere aktuelle Situation geeigneten Plattitüden ist also nicht so groß. Und keiner unserer Redakteure, Kommentatoren oder Lohnschreiber in den PR-Agenturen hält sich an die Binsenweisheit, dass man einen guten Text keinesfalls nach dem Schema „Wir wir alle wissen, ...“ einleiten sollte. Denn er erklärt das noch zu Sagende von Anfang an als redundant und damit unwichtig.

So weit meine erste Beobachtung in den Wochen des Ausnahmezustands. Zu ergänzen wäre noch die traurige Erkenntnis, dass bei den jüngeren Kollegen der schreibenden Zunft eine bedauernswerte Unkenntnis der Zeichensetzung und der Bedeutung von Fremdwörtern auffällt. So ist ein Corona-Patient ohne Krankheitssymptome nicht asymptotisch, sondern asymptomatisch. Aber diese Defizite beklagen wir Älteren schon seit Jahren.

Es ist halt nur besonders nervig, wenn gerade ein Thema, das (zu Recht?) alle Medien beherrscht, dann auch noch durch fehlende Kommata und den inflationären Gebrauch abgelutschter Floskeln banalisiert wird.

Was fällt sonst noch auf?

Wirklich penetrant ist die ständige Beschwörung der Belastung der Menschen durch die Isolation, durch den Mangel an Kontakten – physisch und psychisch. Ganz sicher gibt es diese Belastungen. Aber müssen sie durch fette Lettern und tägliche Sondersendungen auch noch herbei geredet werden?

Dann die unsägliche Diskussion um den „Schutz der Risikogruppen“, insbesondere der Alten. Ich kann mir als über 70-Jähriger ein Stück weit einreden, dass das gut gemeint sei. Ich kann auch einsehen, dass es in meiner Altersgruppe viele Menschen gibt, die durch die Pandemie-bedingte Ausnahmesituation sehr verunsichert sind oder Angst haben. Aber auch hier wird das Problem förmlich herbei geredet. Die große Mehrzahl der Betagten und Hochbetagten kommt nach meiner Beobachtung besser mit der Krise klar als die Jüngeren. Lebenserfahrung macht gelassener! Echt schade ist natürlich, dass wir jetzt wenig Möglichkeiten haben, diese Haltung unseren Nachkommen zu vermitteln und ihnen zu helfen.

Überhaupt: „Ängste“! Vor einem Jahr waren es die Ängste der vermeintlich Abgehängten in der Unterschicht, die den Nazis den Zutritt in die Parlamente ermöglicht haben. Jetzt sind es die Ängste vor – ja vor was eigentlich? Vor dem unsichtbaren Virus, dem Mangel an Klopapier, der Kontaktsperre zu dem ohnehin verhassten Nachbarn, vor dem zuhause essen müssen, weil die Kneipen zu sind? Manche Beschwerden sind so schräg, dass sie nicht mal als Plot für eine Kabarettnummer gekauft würden. Dabei sind sie das reale Leben.

Fassen wir zusammen: Der beklagte Mangel bezieht sich überwiegend auf Optionen, die wir normalerweise ohnehin nicht oder nur wenig nutzen. Aber schrecklich isses schon, dass die Gemäldegalerie und das Theater geschlossen haben, oder?

Das Wetter ist gut, wir können und sollten jeden Tag eine oder zwei Stunden an der frischen Luft verbringen. Dabei kann man problemlos anderen Menschen aus dem Wege gehen. Wir können einkaufen gehen – mit Mundschutz – oder einkaufen lassen, sehr bequem. Wir können mit dem Partner reden. Ja, das geht! Oder wir können weiter friedlich zusammenleben, wie wir es die letzten 20+ Ehejahre auch gemacht haben.

Es fehlen ein paar Dinge, und die vermisst jeder. Sportstudio, Doppelkopfrunde, Zoobesuch, Kaffeetrinken bei Oma, das Stammlokal. Aber auch hier jammern wir auf hohem Niveau. Es gibt Menschen unter uns, die haben all das sowieso nicht, aus verschiedenen Gründen. Welches Medium beklagt deren Ängste und Nöte mit Sondersendungen und großen Headlines?

Also: Was gibt’s eigentlich zu jammern?

PS: Was überhaupt nicht fehlt, ist das ständige Bussi-Bussi!

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Kommentare

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MR am :

Lieber Freund, ich empfehle Dir, Dein Schlussmotto auf Dich selbst anzuwenden:
"Also: Was gibt’s eigentlich zu jammern?"

Anonym am :

Nichts, wie der verständige Leser meinen Zeilen entnehmen kann.

MR am :

Wenn es den ("verständigen Leser") gäbe, müsste man sich ins 18. Jh. (Kant, Aufklärung) zurückkatapultieren. Oder meinetwegen in Habermasens "Strukturwandel der Öffentlichkeit". Ein Scheibchen Bildung kann doch selbst in Zeiten des mikrobiologischen Angriffs der "Natur" nicht schaden?

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