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Widerstand und Neuanfang 1933-1948 - documenta-Halle

Druckfehler? Irrtum? 1948: Kassel war noch weitestgehend von Trümmern gezeichnet. Gerüchte über eine Währungsreform machen zwar die Runde, aber die Wirtschaft liegt noch am Boden, die Ernährungslage ist noch kritisch und die emotionalen und gesellschaftlichen Wunden sind zwar in der Rekonvaleszenz, aber weit von Heilung entfernt.
In den frühen Tagen des Jahres 1948 richten Jehovas Zeugen Anfragen an die Verantwortlichen der Stadt Kassel, mit der Bitte die Möglichkeiten zu eruieren, einen Kongress für 20.000 Teilnehmer in unserer Stadt organisieren zu können. Nicht 1955 oder 1958, nein noch im selben Jahr! Welche Halle? Halle? Open-Air!
Jehovas Zeugen? Da war doch was? Wie Tausende Zeugen Jehovas im ganzen Land waren auch die Mitglieder der kleinen Kasseler Gemeinde während der nationalsozialistischen Herrschaft Repressalien und Schikanen, bis hin zu Haft und Konzentrationslager, ausgesetzt: Einige erlebten das Ende des Schreckens nicht mehr.
Und nun diese Herausforderung? Ohne den „Phönix aus der Asche“ überzustrapazieren, wie sollte das 1948 überhaupt realisiert werden? Die Stadtoberen erkannten sofort die einzigartige Chance, Kassel als zupackende, gastfreundliche, optimistische Kongressstadt aufleben zu lassen. Nur wohin mit den Tausenden?
Friedrichsplatz? Karlswiese? Zum Erstaunen (oder zum Entsetzen?) vieler wird die Karlsweise vor der Orangerie avisiert: die mit den mehr als 60 Bombentrichtern! Dort soll nun „Zündung“ eine ganz neue Bedeutung annehmen, für Kassel und die Religionsgemeinschaft im Nachkriegs-Verfolgungs-Deutschland.
Zum 70. Jahrestag des Ereignisses findet vom 5.-15. Juli eine Ausstellung in der documenta-Halle statt . Am 4.7. um 17:00 Eröffnungsveranstaltung: siehe Web www.kassel48.de
Kongressgelände Karlswiese im Juli 1948 nach wochenlangen schwierigen Vorbereitungsarbeiten

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Kommentare

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Klaus Baum am :

danke

Marlis Cavallaro am :

Danke für die Information!
Das berührt die Geschichte meiner Familie väterlicherseits. Mein Großvater, Rudolf Schirmacher, wurde Anfang der 1920er Jahre als kleiner Bahnangestellter von Tilsit/Ostpreußen nach Kassel versetzt und konvertierte hier zu den "Bibelforscher" genannten Zeugen Jehovas. Als Kasseler "Bibelforscher" und Hitler-Gegner kam er in der Nazizeit ins KZ Buchenwald - zwar überlebte er und hat möglicherweise mit meiner Großmutter Grete an dem großen Treffen 1948 teilgenommen, doch erholte er sich nie von den schweren gesundheitlichen Schäden und starb an ihren Folgen schon 1955. Mein Vater, Lothar Schirmacher,wurde als 18jähriger junger Gewerkschafter und Arbeitsdienstler bei Henschel wegen Flugblattverteilung für die "Bibelforscher" und Verweigerung des "Deutschen Grußes" (= Arm hochreißen und "Heil Hitler" rufen) von der Werkbank weg durch Hitlers Gestapo verhaftet, schwer gefoltert und zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt. Er durfte nach seiner Entlassung in Berlin während der Nazizeit nicht nach Kassel zurückkehren, wo er aufgewachsen war.
Dass seine Tochter, also ich, vor seiner Rückkehr 1951 nach Kassel als Kind einer Berlinerin in Berlin geboren wurde, war also z.T. Konsequenz seiner Verfolgung durch die Faschisten.
Verwandte und Freunde bei den Zeugen Jehova gerieten nicht in die Hände der Verfolger, weil Verhaftete, wie mein Vater , trotz Folter keine Namen genannt hatten. Manche von ihnen -so sie denn die Bombennächte überlebten - werden gewiss an dem großen Treffen auf der Karlswiese teilgenommen haben.
Lothar Schirmacher und eine seiner Schwestern wurden später enterbt (sie hätten sonst auf kleinen Parzellen des Familiengrundstückes ein Häuschen gebaut) mit der Begründung, dass sie nicht Zeugen Jehovas geblieben waren.
Nach Weiterbildung, viel Diskussion und Reflektion der Kriegsgreuel waren sie zu einer differierenden politischen Weltanschauung gelangt.Auch hatten diese beiden Geschwister die Bekehrung der Eltern als kleine Sechs- und Siebenjährige als Trauma erlebt - plötzlich gab es, für sie unbegreiflich, keinen Weihnachtsbaum, keine Geburtstagsfeier, keinen Osterhasen mehr....aber (noch) mehr Prügel als vorher...

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