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Oguibe, der Obelisk und kein Ende

Wie hoch ist der Idioten-Index in Kassel? Vermutlich sehr hoch.

Um diese Behauptung zu verstehen, ist es unerlässlich, den folgenden Artikel in der Zeitschrift MONOPOL gelesen zu haben: https://www.monopol-magazin.de/documenta-kassel-streit-um-oguibe-obelisk

Es geht um das Ansinnen der Stadt Kassel, den Obelisken, der derzeit noch auf dem Königsplatz steht, auf den Holländischen Platz zu verfrachten. Um dem Künstler dieses Ansinnen schmackhaft zu machen, versprach man ihm, dass täglich 27.000 Studenten den Holländischen Platz passieren. In der Zeitschrift MONOPOL ist dazu folgendes zu lesen:


>>Olu Oguibe berichtet, dass ihn die Argumente des Magistrats nicht überzeugen: "Man hat mir versichert, dass 27.000 Studenten den Obelisken am Holländischen Platz sehen würden", sagt er. "Aber wenn ich eine Skulptur für Studenten gewollt hätte, hätte ich eine gemacht. Der Obelisk ist für alle, nicht nur für die Outsider in der Nordstadt."<<

Frank Thonicke von der HNA greift das zweite Zitat auf ("Aber wenn ich .... Nordstadt.), und da offenbar die meisten in Kassel an der in den PISA-Studien oft gerügten Leseschwäche leiden (einschießlich der Kulturdezernentin), startet ein "shitstorm". Man versteht: Oguibe setze die Bewohner der Nordstadt herab, und die Meute der Menschenfreunde fängt an, ihr Gift auf den Künstler zu speien. Im Kontext seiner Äußerung ist allerdings nicht von den Bewohnern der Nordstadt, sondern eindeutig von Studenten die Rede. Das geht schon aus der immanenten Logik seines Satzes hervor.

„Wenn ich eine Skulptur für Studenten gewollt hätte, hätte ich eine gemacht. Der Obelisk ist für alle, nicht nur für die Outsider in der Nordstadt.“

Der Logik des Satzes nach setzt Oguibe den Studenten "alle" gegenüber. Demzufolge wäre das Gegenteil zu "alle" einige (wenige), ein Teil, eine Minderheit. Nicht nur eine Minderheit, die Studenten, sondern alle sollen den Obelisken sehen - und der Holländische Platz ist nun ein Verkehrsknotenpunkt fast aller Unibesucher, aber nicht aller Menschen in Kassel. Statt den Begriff "Outsider" zu wählen, wäre der Begriff der "Minderheit" angemessener gewesen, trotz der hohen Zahl studentischer Passanten von 27.000. Offenbar hat sich keiner die Mühe gemacht, einmal zu fragen, wie gut Oguibe die deutsche Sprache beherrscht? Selbst die Kulturdezernentin unterstellt ihm, er hätte abschätzig über die Bewohner der Nordstadt gesprochen. Hagen Rether, der Kabarettist am Klavier, würde an dieser Stelle sagen: "Geht's noch?"

Diese Art der Auseinandersetzung ist einer Stadt, die sich gern als Kulturhauptstadt sähe, unwürdig -  Leute, die dem Künstler das Wort im Mund umdrehen, geben den Ton an. Hier regiert ein altes Muster: Man schlägt auf seine eigenen Projektionen ein, man verwechselt sein Missverständnis mit Verstehen und hält sich - im Falle Oguibes - für einen Humanisten, der sich zu recht empört.

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Kommentare

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Klaus Baum am :

Was die Entscheidungsträger der Stadt Kassel nicht verstehen, ist offenbar ein essentielles Kriterium in der Kunst: das ortsspezifische Kunstwerk oder the-site-specific-work. Es zeugt von geringem Respekt seitens der Politk gegenüber dem Künstler, den site-specific Aspekt nicht zu akzeptieren.
Und was das Statement des AfD-Abgeordneten betrifft, der Obelisk sei entstellte Kunst, so verrät der Mann damit seine völlige Ahnungslosigkeit, denn erstens gibt es Obelisken schon seit 1000 Jahren vor Christus und zweitens steht in Rom, errichtet 1932, der Mussolini-Obelisk.
Wenn wir schon entartet, Entschuldigung, entstellt sagen, dann bitte nur bei moderner Kunst wie z.B. Bauhaus oder noch etwas früher: De Stijl.
Merkwürdig auch, dass man nicht die humane Dimension von Oguibes Arbeit diskutiert, sondern ihn nun dank HNA und Leseschwäche zu einem Menschenherabsetzer stilisiert.

Klaus Baum am :

Im EXTRA TIP, 26. Mai, Seite 6, wird deutlich, was passiert, wenn man die Worte eines Menschen dekontextualisiert und ihn dadurch - böswillig - missversteht. Ouigibe, so scheint es, ist zur Hexenjagd freigegeben, denn, so wird behauptet, er habe die Bewohner der Nordtstadt als "outsider" bezeichnet, sie somit herabgesetzt und eine berechtigte Empörung ausgelöst.
Dass er seinen Begriff des outsiders nur auf die Studenten bezog, ist im EXTRA TIP bereits völlig verloren gegangen, auch, dass er durch die Stadt Kassel mit ihrem Lockangebot von 27.000 Studenten, die den Holländischen Platz passieren, erst zu der Begriffswahl OUTSIDER provoziert wurde.

Klaus Baum am :

Man kann das Zitat auch so verstehen, dass Oguibe zufolge die Studenten Outsider in der Nordstadt sind.

Klaus Baum am :

laut dem dictionary webster bedeutet "outsider": "a person who does not belong to a particular group".
das kann doch nur heißen, dass oguibe in den studenten die outsider der nordstadt sieht - das heißt, dass sie nicht repräsentativ sind für die nordstadt, in der sich industriebetriebe befinden, in der eine tankstelle überfallen wird, in der ein türke von nazis ermordet wurde, in der sich der hauptfriedhof befindet und die tafel, in der man triste hausfassaden besichtigen kann, in der einst der schlachthof angesiedelt war und weiter stadtauswärts die lehrwerkstatt der EAM, die ich dreieinhalb jahre besuchte.

MR am :

Ich halte diese dekontextualisierte Aufregung für überflüssig. Daraus eine "Hexenjagd" zu machen ist daneben. Die Stadtverwald/tler meinen nunmal, dass Dinge, die Aufsehen erregen KÖNNTEN, an sekundäre, also weniger spektakuläre Orte verschoben werden müssen: vgl. den mafiösen Abriss der Treppe auf dem Königsplatz, vgl. den "Himmelstürmer" etc. etc.
Das Problem liegt mE bei denen, die kostant Leute als politische Stellvertreter wählen, die das kuschelige Populistische tun, um das man sich anschließend nicht mehr kümmern muss.

Klaus Baum am :

werter herr reuter, den ersten satz ihres kommentars weiß ich nicht so recht zu deuten. meinen sie meine aufregung? laut marlis bin ich nicht aufgeregt, sondern engagiert.
ich vermute, sie kennen diese leserkommentare auf hna-online nicht.
was der veranwortliche redakteur durch zitat-beschneidungen verursacht hat, entspricht dem tatbestand der rufschädigung, und oguibe hätte das recht, eine richtigstellung einzufordern, wenn nicht sogar einzuklagen.

MR am :

Ich orientiere mich in der Tat nicht an der Aufregungsproduktion der örtlichen Presse. Das ist eine Falle in die man gerne hineintappt. Rechtliche Einklagungen für Kunstwerke, das ist doch albern - wie aus den konkret von mir benannten Beispielen hervorgeht. Diese Verbissenheit bewirkt keine realen Effekte.

Klaus Baum am :

Ach Martin, wer redet denn vom rechtlichen Einklagen für Kunstwerke?
Es geht um Rufschädigung einer Person.

Marlis Cavallaro am :

So isses. Jemandem (dem Oguibe) sind die Worte im Mund herumgedreht worden, auf der Grundlage des Verdrehten, das dabei herauskam, wird er öffentlich angemacht. Solches betreffend gäbe es Richtigstellungen oder Gegendarstellungen als Möglichkeit. Stellungnahmen gegen Rufschädigung oder Verleumdung oder Ähnliches wären nichts Lächerliches, sind im Pressewesen und im Rechtswesen vorgesehen.
Was mit dem Kunstwerk geschehen soll, ist ein anderes Thema und
kann mit einer solchen Diskussion hier ohnehin nicht beeinflusst werden. Selbstverständlich kann ein Künstler einer Stadtregierung nicht mit Klagen aufzwingen, was sie mit seinem Werk tun soll, wenn es keinen Vertrag diesbetreffend gibt.
Das stand hier auch in keiner Zeile zur Debatte.
Würd moh saren: jezz schiggeds abber bahle...

MR am :

LIebe Marlis, ich bestehe auf dem Unterschied zwischen einem realen Effekt betreffs eines materialen kulturellen Objekts und dem Krach, der da drumrum (übrigens immer: vgl. den Krach um das Haushaltsdefiztit der documenta) gemacht wird. Zweitens vertrete ich die Ansicht, dass eine Verschiebung auf moralische Kategeorien (noch) an der Grenze zum Justiziablen ("Rufschädigung") einem gesellschaftlichen Trend entspricht, den ich wiederum für schädlich halte. Das entspricht so etwa dem was Mühlmann/Sloterdijk unter Stress- oder Erregungsgemeinschaften verstehen: "die" (Anführungszeichen!) Gesellschaft fühlt sich gerade durch diese Perversionen "zusammengehalten". Und das entspricht genau der genialen Formulierung von Kant von der "ungesellligen Geselligkeit". Und ich arbeite schon lange daran, mich daraus zu entfernen. Zumal ich glaube, etwas von der Arbeitsweise der Krachmedien zu verstehen. Das sind (Luhmann) Sekundärrealitäten.

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