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„Vom Regenwald zu den 7000 Eichen“

Mit einem bewegenden Bericht zum Kampf um den Erhalt des amazonischen Regenwalds und lateinamerikanischen Klängen brachten die Musiker der „Grupo Sal DUO“ und die Aktivistin Patricia Gualinga die Herzen der Besucher zum Schwingen und die Köpfe zum Grübeln. „Die Welt im Zenit“ war das Motto ihrer Konzertlesung im Südflügel des Kulturbahnhofs.
Patricia Gualinga spricht zu den Gästen der Konzertlesung. Foto: Reimund Lill

kassel-zeitung dokumentiert das Gespräch zwischen Patricua Gualinga und Isabella Radhuber als Podcast. Zur Einführung spricht Vera Lasch, KulturNetz Kassel e.V., danach führt Fernando Dias Costa kurz ein und dann kommen Patricia Gualinga und Isabella Radhuber. Das Gespräch ist in Spanisch und wird direkt ins Deutsche übersetzt. Die Musik kann wegen der GEMA leider nicht Teil dieser Dokumentation sein.

Gesprächsteil "Die Welt im Zenit" herunterladen
„Der Amazonas-Regenwald liefert wichtige Lebensgrundlagen nicht nur für mein Volk, sondern für die gesamte Menschheit. Unser Kampf ist einer für das Leben und die Gerechtigkeit. Für unsere Mutter Erde, für die Frauen, die jungen Menschen, unsere und eure Kinder. Es ist ein Kampf für unsere gemeinsame Zukunft!“
Ruhig und aufrecht steht sie auf der Bühne und blickt in die Gesichter der Besucher. „Guten Abend an die gesamte Familie, die hier heute versammelt ist“, begrüßt Patricia Gualinga die Gäste der Konzertlesung. Dies ist ein Gruß der Kichwa, den Patricia Gualinga aus ihrer Sprache an die Zuhörer richtet, ehe sie in Spanisch weiterspricht. „Dieser Kichwagruß bezieht alle Anwesenden im Sinne einer familiären Gemeinschaft ein“, übersetzt Isabella Radhuber, die das Gespräch mit Patricia Gualinga führt.
Patricia Gualinga und Isabella Radhuber im Gespräch, Foto: Reimund Lill

Die österreichische Politikwissenschaftlerin ließ so die Zuhörer im Kasseler Kulturbahnhof an Patricia Gualingas Antworten und den Weltsichten ihres Volkes teilhaben. Mit ihrer leidenschaftlichen und emotionalen Musik stand der Moderatorin das „Grupo Sal DUO“ zur Seite, das Patricia Gualingas Ausführungen begleitete.
„In dieser Kombination ist Kassel heute eine absolute Weltpremiere. Eines möchte ich besonders betonen“, erklärte Sänger Fernando Dias Costa: „Menschen wie Patricia Gualinga und viele andere Aktivisten der indigenen Gemeinschaften sind die sogenannten ,Frontline Defenders´: Sie erkämpfen und garantieren für uns und für die ganze Menschheit den Erhalt der Natur.“

Grupo Sal DUO, Patricia Gualinga und Isabella Radhuber (v. links) auf der Bühne. Foto: Reimund Lill
In Form einer Musik-Text-Collage brachten Grupo Sal DUO, Patricia Gualinga und Isabella Radhuber die Konzertlesung „Die Welt im Zenit“ auf die Bühne: Thematisch handelte sie von Patricias Gualingas Engagement und ihrem Mut im Kampf für den Erhalt des Regenwalds Amazoniens. Zusammen mit anderen Angehörigen ihres Volks, der Kichwa, und auch in Verbindung mit der ganzen Gemeinschaft Sarayaku verhinderte sie durch Jahrzehnte lange Kämpfe das weitere Vordringen von Ölabbauarbeiten in ihrem Territorium, wovon sie den Zuhörern an diesem Abend berichtete. Dabei begleiteten Fernando Dias Costa und Aníbal Civilotti mit ihren kraftvollen Stimmen und Klängen ihre Berichte.
Aníbal Civilotti, Foto: Reimund Lill
Fernando Dias Costa, Foto: Reimund Lill








„Würden sich Aktivistinnen wie Patricia gegen den großen Druck von Außen nicht wehren, wären große Teile des Regenwalds bereits verschwunden“, betonte Fernando Dias zudem Patricia Gualingas unschätzbare Mühe. Das Motiv des Verschwindens verarbeitet die Band auf ihre Weise in ihrem ersten musikalischen, und tief bewegenden Beitrag, bei dem es um einen alten, armen Bootsmann geht, der seine Träume verliert. Verlieren oder aufgeben war für Patricia Gualinga und ihre Gemeinde niemals eine Option, wie für die Besucher im weiteren Gespräch deutlich hörbar und spürbar wurde.

Das Volk des Zenit
Sie erzählte von ihrem Heimatort im östlichen Amazonasbecken Ecuadors, wo 1200 Menschen leben. Bereits seit Jahrzehnten haben sich diese gegen die Zerstörung ihrer Heimat durch die Erschließung neuer Ölbohrfelder, gewehrt. Vor über einem Jahrzehnt vergab der ecuadorianische Staat beispielsweise für das Territorium der Sarayaku ohne Rücksprache mit den Bewohnern Bohrlizenzen an internationale Ölmultis. Dagegen hatte die Gemeinde Sarayaku beim Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte mit Sitz in Costa Rica geklagt. Trotz großer Skepsis bezüglich ihrer Erfolgschancen vonseiten politischer Autoritäten blieben die Vertreter der Gemeinde hartnäckig und gewannen den Prozess. Tief bewegt berichtete Patricia Gualinga, dass trotz ihrer Bemühungen, bereits auf 40 Prozent der Fläche des ecuadorianischen Regenwalds Ölbohrungen stattfinden. Dennoch konnten über das Territorium der Sarayaku hinaus drei weitere für die Ausbeutung vorhergesehen Blöcke durch ihr Engagement bewahrt werden. Doch damit ist die größte Herausforderung noch nicht gemeistert, wie die Aktivistin weiß:
„Hier und heute liegt es an uns, zu zeigen, dass wir Indigenen nicht die Armen, die Schmutzigen, die Unwissenden sind für die wir von anderen oft gehalten werden. Mit unserem Wissen und unseren Erfahrungen können wir der Weltgemeinschaft zeigen,dass es möglich ist, wir einen nachhaltigen Lebensweg einzuschlagen, und dass unsere Vorschläge die für die Weltgemeinschaft und das Überleben des Planeten von Bedeutung sind.“ Dies beinhaltet dies für Patricia Gualinga auch eine Veränderung der sozialen Strukturen. Beanspruchten bislang die Männer die Führung des Widerstands im Kampf für den Schutz der „grünen Lunge“, wie sie den Regenwald auch bezeichnet, wird dieser mittlerweile durch eine zunehmende Partizipation der Frauen immer stärker. Die indigenen Frauen haben sich in eine Position gebracht, in der sie nun für sich selbst sprechen.
„In den von uns geschaffenen Strukturen der Frauen sind wir alle Anführerinnen - und trotzdem sind wir unterschiedlich.“, erläuterte sie. Zu den sich verändernden Rollenbildern, schilderte sie einnehmend lächelnd: „Als sich die Männer bei einem von uns organisierten Protestmarsch solidarisieren wollten, und wie selbstverständlich an vorderster Front marschieren wollten, sagten wir Ihnen: Bitte hinten anstellen. Selbst die Präsidenten der indigenen Organisationen mussten das tun und das war sehr neu für sie.“
Die Bedeutung, die Konsequenzen und auch die Gefahren weiblicher Teilhabe wurden durch die Widmung des nächstes Lieds von Grupo Sal deutlich. Fernando Dias Costa berichtete als aktuelles Beispiel dafür vom grausamen Tod einer brasilianischen Aktivistin, die in Rio lebte und sich gegen Militär- und Polizeigewalt wehrte.
„Als Frau fühle ich mich unmittelbar angesprochen. Patricia Gualinga hat meine Bewunderung!“, drückte Christiane Rogl, ein Gast der Konzertlesung, ihre Wertschätzung für Patricia Gualingas Mut aus: „Auch die Kombination mit der Musik und den politischen Gehalt finde ich sehr schön, weil alle Inhalte so noch tiefgreifender transportiert werden.“

Die Bedeutung des Guten Lebens für Patricia Gualinga
Einen weiteren Schwerpunkt des Abends bildete der gegenseitige Austausch: „Zeichen eines gelingenden Austauschs ist es bereits, dass ich hier bin!“, betonte Patricia Gualinga.
Patricia Gualinga, Foto: Reimund Lill
Sie benannte Vorteile, aber auch Bedenken, beispielsweise verursacht durch die Enteignung ihrer Wissensformen. Ein Exempel war, dass auf die von ihrem Volk genutzten Pflanzen von ausländischen Filmen Patente erhoben werden. Das kann dazu führen, dass sie und ihr Volk keinen Gebrauch mehr davon machen dürfen, obwohl das ihr grundlegendstes medizinisches Mittel ist.
Zudem bekräftigte sie, dass die indigenen Völker früh auf den Klimawandel hingewiesen haben. Damals nahmen die politischen Instanzen sie nicht ernst. Heute bestätigt die Wissenschaft sie darin. Darum sprach Patricia Gualinga ihre Überzeugung aus, dass das Konzept des „Buen Vivir“, des Guten Lebens weltweit als ganzheitlicher Ansatz, alle Aspekte des Lebens einbeziehend, zum Schutz des Klimas Einzug in die Lebenspraxis halten sollte. Ein Konzept, das auf einer Ressourcennutzung fußt, die im Einklang mit der Natur funktioniert. Dieses Konzept des Guten Lebens, lebenspraktischen indigenen Weltsichten entspringt, hat in Ecuador auf Initiative der indigenen Organisationen Verfassungsrang bekommen. Die tatsächliche Umsetzung dessen geht in ihrem Heimatland jedoch mehr als lückenhaft voran.
Dass sich in Europa – angepasst an hiesige Bedingungen - ebenfalls erste Tendenzen zur Praxis eines Guten Lebens entwickeln, befürwortet Patricia Gualinga.
Den weiteren Brückenschlag zwischen globalem Süden und Norden brachte sie mit folgenden Appell zum Ausdruck: „Obwohl ihr weißer und größer seid und weiter weg wohnt, so sind wir doch verbunden - auf unterschiedliche Art und Weise. Kosmologisch oder auch spirituell.“

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