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Die Fuldaaue in Kassel: Eine soziale und ökologische Oase mitten in der Stadt! Das Haar in der Suppe bzw. im Badesee: Ungelöste Probleme mit der Eutrophierung in heißen Sommermonaten!

Was sich die Stadt Kassel Mitte der 70iger Jahre ausgedacht hatte und über den „Hebel“ Bundesgartenschau nach einem spannenden Wettbewerb 1977 am Ende auch politisch durchgesetzt und realisiert hat, konnte sich sehen lassen: Über die eigentliche Gartenschau hinaus wollte die Stadt ein großes Freizeitgelände schaffen, das zum einen den historischen Park (die Karlsaue), westlich der Fulda gelegen, angrenzend an südliche und westliche Stadtteile, wirksam ergänzt und zum anderen östlich der Fulda liegende Stadtteile aufwertet. Der nördliche Teil der Fuldaaue sollte außerdem Naturschutzgebiet werden und mit seiner freigehaltenen großen, flachen Insel als wichtiger Trittstein für Zugvögel dienen.

Auch wenn nicht alle Ziele bei der 1981iger Bundesgartenschau aus Sicht der Stadt erreicht worden sind: Das Hauptziel jedoch, die Verknüpfung der Südtangente mit dem Bau der Fuldaaue - der Kies für die verkehrspolitisch wichtige und die Stadt entlastenden Südtangente war die Grundlage resp. der Unterbau für diese Tangente einerseits und ebenso Voraussetzung für die zwischen 1978 und 1981 entstehende Seenlandschaft andererseits - wird tatsächlich frist- und plankonform erreicht. Die Stadt kann mit ihrer eigens eingerichteten Bundesgartenschau 1981 GmbH die Gesamtmaßnahme nicht nur mit schwarzen Zahlen abschließen, sondern – erstmalig für eine Bundesgartenschau – mit Ihrem Anteil an der Gesamtfinanzierung der Gartenschau just den Teil finanzieren, der ihr nach der Gartenschau als Dauereinrichtung erhalten bleibt!
Für die Jahrzehnte danach lässt sich nicht nur feststellen, dass der damalige Oberbürgermeister, Hans Eichel, ein „gutes Händchen“ mit dem Bau der Fuldaaue hatte. So war nicht nur die Auslobung des Wettbewerbs eine gelungene Kombination ökologischer und sozialer Vorgaben, sondern auch die Realisierung und Umsetzung der Planung eine Punktlandung in Bezug auf die gestellten Ziele. Was die Ornithologen in Bezug auf die Zahlen und Arten von Zugvögeln, die auf der Insel im Nordteil des Seengebiets Rast machen (es handelt sich um eine Insel, die nur wenige hundert Meter Luftlinie vom Zentrum Kassels entfernt liegt) immer wieder ins Schwärmen bringt, trifft in Bezug auf die gelungenen Zielsetzungen und die damit einhergehende Aufwertung der östlichen Stadtteile sozialpolitisch ebenso zu.

Die Fuldaaue: Auch in winterlichen Zeiten eine Idylle!


Auch wenn die BUGA-Bilanz auf den ersten Blick kommunalpolitisch positiv ausfallen mag, so haben sich im Lauf der Jahre dann doch auch Probleme eingestellt. Die hängen in allererster Linie damit zusammen, dass sich eine nennenswerte Eutrophierung eingestellt hat, die in erster Linie für die 4 südlichen Teilbereiche der Seenplatte, die für Baden, Surfen und andere Freizeitaktivitäten im und am Wasser vorgesehen sind, negativ betrifft insofern, als in einigen Jahren im Spätsommer das Baden eingeschränkt oder verboten werden musste. Das Algenwachstum machte Letzteres nahezu unmöglich.

Die noch in der Planungsphase für die Fuldaaue mit seiner ca. 40 ha großen Seenplatte erstellten Gutachten von Friedrich Duhme und Peter Jürging, TU München-Weihenstephan, 1977 und 1979, „Landschaftsökologische Rahmenstellungnahme“ und „Renaturierungskonzept zur Auskiesung der Domänenwiesen in Kassel“ im Rahmen der Bundesgartenschau 1981 in Kassel und die Auswertung der zu diesem Zeitpunkt verfügbaren Daten

• über die Qualität des Grundwasserzustroms aus südöstlicher Richtung,
• über die Beschaffenheit des Wassers an den verschiedenen anderen Grundwassermessstellen und
• über die angenommenen Mengen des von der Fulda in die (abgeschotteten) Seen eindringenden stark belasteten
Flusswassers

lassen die Gutachter zu dem Schluss kommen, dass zukünftige Eutrophierungsprobleme nicht ausgeschlossen werden könnten. Zu komplex ist die Gemengelage und nicht gerade üppig die damals vorhandene Datenlage. Zu den nicht unkritischen Mengen an eindringendem Fuldawasser bzw. vorhandenem belasteten Schlamm aus und in den Altseen kommen weitere Faktoren hinzu, die alle (und ihrer Zusammenwirkung erst recht) nicht leicht auf die zukünftige Wasserqualität zu prognostizieren waren: Erwähnenswert sind u.a. die Auswirkungen der sommerlichen Freizeit- und Badeaktivtäten tausender Badegäste, die Auswirkungen von Flora und Fauna am und im Wasser, die Aktivitäten der Sportfischerei etc..

Der sog. Doppelmönch im Nordteil des Naturschutzgebiets:In keinem guten Zustand mehr...


Nachdem Mitte des ersten Jahrzehnts im neuen Jahrtausend wiederholt, sommerliche, äußerst störende Blaualgenblüten auftraten, wurde das Umwelt- und Gartenamt der Stadt Kassel aktiv und hat u.a. ein neues, umfangreiches limnologisches Gutachten in Auftrag gegeben. Es wurde angefertigt vom Büro EcoRing, den Drs. Eckhard Coring und Jürgen Bäthe und stellt einen kompletten, guten und kompetenten Überblick zum augenblicklichen chemisch-physikalischen Zustand des Wasserkörpers incl. der relevanten Fauna und Flora in den Seen dar. Das Gutachten wurde im Frühjahr 2009 fertiggestellt; die erforderlichen Freilanddaten wurden zwischen September 2007 und November 2008 erhoben. Insgesamt kommen die Autoren durch die Aufarbeitung des vorhandenen Datenmaterials (z.B. der Monitoringdaten der HLUG) und den erwähnten eigenen Erhebungsdaten zu recht klaren Erkenntnissen und Ergebnissen. Sie bestätigen, wie schon die Gutachter für den damaligen Bau der Seen, Duhme und Jürging, einen eutrophen Grundzustand der Seenplatte. Hierbei spielen die Beeinflussung und der Nährstoffeintrag in die Seen durch das Uferfiltrat der Fulda eine Rolle, ebenso wie die alten See-Ablagerungen für die Phosphorabgaben und die Umgebungsluft für den Stickstoffeintrag. Natürlich wird auch auf die Nährstoffbelastung des zuströmenden Grundwassers hingewiesen. Hinzu kommen deutliche Sauerstoffdefizite und temporäre, instabile Schichtungen insbesondere in den Flachwasserzonen.

Das sog. Auslaufbauwerk - offensichtlich auch nach Jahrzehnten noch voll intakt. Von hier aus wird das gewünschte Wasser aus dem Doppelmönch in die Fulda geführt...

Über eine fundierte Zustandsbeschreibung kann das Gutachten jedoch bei allem Tiefgang und aller Qualität nicht hinauskommen, weil Schlussfolgerungen für Sanierungsmöglichkeiten nicht Auftragsgegenstand waren. Die knappen Hinweise bei der Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse zu solchen Sanierungsmöglichkeiten sind alle mehr oder weniger richtig und nachvollziehbar, jedoch aufgrund teils hoher Kosten und/oder weil grundsätzlicher Natur (Luftverschmutzung / Grundwasserbelastung / Fuldaverschmutzung…) kurz- und mittelfristig nicht zu verwirklichen.

Die Fuldaaue in dem Bereich, der im Sommer den Wassersportlern und Badegästen zur Verfügung steht: Sofern es gerade keine Algenplage gibt...

Vor diesem Hintergrund und den oft reißerischen und den komplexen limnologischen Zusammenhängen nicht gerecht werdenden Berichterstattungen in der hiesigen kommunalen Presse hat sich innerhalb des BUND eine kleine Task Force resp. Arbeitsgruppe mit dem Thema der Algenblüten etwas intensiver befasst. Zusätzlich sind auch Experten der damaligen Bundesgartenschau GmbH und des planenden Büros (Büro Miller, Stuttgart) einbezogen worden.

Das Ergebnis der Arbeit dieser Gruppe lässt kurz so zusammenfassen: Die vom zuständigen Umwelt- und Gartenamt der Stadt Kassel durchgeführten Maßnahmen wie Gehölzfreischnitte zur besseren Belüftung der Seen bzw. zur Verringerung des herbstlichen Laubfalls, die Algenmähaktionen und der Abtransport des so gewonnen Schnittguts werden im Grundsatz begrüßt. Diese Eingriffe sind allerdings nicht ausreichend, weil sie das Problem der Algenblüten nicht ursächlich, vielmehr nur symptomatisch, eher kosmetisch behandeln. Was nach Auffassung der BUND-Gruppe vielmehr stattfinden müsste, und hier gibt es eindeutige Parallelen zu den „Limnologischen Untersuchungen am BUGASEE“ von 2009, ist in allererster Linie die Verhinderung eines weiteren belastenden Grundwasserzustroms. Auch über die Verringerung der Einträge von Uferfiltrat aus der Fulda muss nachgedacht werden. Die Chancen hierbei wirksam einzugreifen, sind allerdings gering, fast null. Dazu kämen noch die bislang nicht genutzten Steuerungsmöglichkeiten über die Wiederherstellung und Nutzung des sogenannten Doppelmönchs im Nordteil der Seenplatte, also im Naturschutzgebiet, den die Bundesgartenschau GmbH seinerzeit bauen ließ. Dieser Doppelmönch wurde jedoch danach nicht mehr genutzt. Er kann aus unterschiedlichen Wasserhorizonten Wasser aus dem See in die Fulda abfließen lassen. Außerdem gibt es noch einen nicht ausreichend gesicherten Altarm, über und durch den im Hochwasserfall relevante Mengen an Fuldawasser in den See eindringen können. Die Arbeitsgruppe empfiehlt hier eine massive und sichere Absperrung, weil eine automatische, über den Wasserpegel gesteuerte Lösung, einfach zu teuer sein dürfte. Ein Vorschlag, den im Übrigen auch die Limnologen in ihrem Gutachten machen.

Die eigentliche Anregung der BUND-Aktivsten für die Zuständigen im Umwelt- und Gartenamt läuft jedoch auf ein umfassenden Grundsatz- oder Ursachenerkundungsgutachten hinaus, das - über die vorhandenen, aktuellen Gutachten und Daten hinaus und diese ergänzend – verbindlich abklärt, was die wesentliche Ursache für die häufig auftretenden Blaualgenblüten ist. Es spricht einiges dafür, dass die zeitlich zurückliegende, aber auch die aktuelle Landwirtschaft im Zustromgebiet dieser relevante Faktor ist, neben und zusammen mit dem Fuldaufer-Filtrat. Ähnlich wie viele Wasserwerke in der Bundesrepublik in direkten Verhandlungen mit Landwirten versuchen, belastende Einträge in das aufzubereitende Trinkwasser zu verringern, könnte das auch ein erfolgversprechender Weg sein, die Algenblüte im Buga – See besser in den Griff zu bekommen, sofern sich die Hypothese der BUND-Aktivisten gutachterlich bestätigen sollte. Dieser Weg muss dann aber auch tatkräftig eingeschlagen werden, denn mit den „gärtnerischen“ Maßnahmen allein wird man letztlich dem Problem nicht Herr werden.

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MR am :

Ganz schön kompliziert, diese Zusammenhänge... Was würde denn schätzungsweise ein die politisch-technische Tatkraft unterstützendes Gutachten kosten, und wäre die Summe haushaltskompatibel (auch in welchem Zeithorizont)? Es wird ja sofort der Pragmatiker hervortreten bzw. entgegentreten.

E.Jochum am :

….ja, das stimmt, recht komplex das ganze Thema. Ich hatte mir auch schon überlegt, ob der Artikel in der Kassel-Zeitung überhaupt richtig untergebracht ist?
Ein Gutachten, wie wir es uns ausgedacht haben, kostet mit Sicherheit um/über 100.000 Euro, weil eben über die vorhandenen Daten hinaus ein erheblicher Aufwand getrieben werden müsste, um die Grundwasserzuströme zum See präzise zu erfassen und die Inhaltsstoffe genau zu bestimmen. Allerdings müsste die Stadt das bestimmt nicht allein schultern, weil es vermutlich über die EU Möglichkeiten gäbe, sich so ein Untersuchungsprojekt bezuschussen zu lassen - geht es doch um eine wichtige Angelegenheit, die sowohl ökologische als auch soziale Aspekte hat. Und sicher gäbe es, so das Gartenamt sich um ein solches Untersuchungsprojekt erfolgreich kümmerte, den einen oder anderen Haushalts-Pragmatiker, dem eine entsprechende Kostenbeteiligung der Stadt zu hoch vorkommt und der dann dagegen schießt. Aber dann muss die Stadt und die sie z.Z. tragenden Kräfte eben entscheiden, ob Ihnen die langfristige Nutzung und das ökologische Gleichgewicht des Buga-Sees wichtiger ist denn irgendein anderes prestigeträchtige Objekt. Aber erst mit einem solchen Gutachten lässt sich Klarheit schaffen über die adäquate Lösung des Problems. Mit der richtigen Sanierungsstrategie lässt sich dann auch ggf. eine ganze Menge Geld einsparen für Maßnahmen, wie sie zur Zeit ergriffen werden, die aber eher kosmetisch sind, weil an der Ursache – dem Eintrag von belastetem Grundwasser – ja nichts verändert wird. Und so wie die großen kommunalen Unternehmen der Wasserwirtschaft direkt mit den Bauern im Einzugsbereich verhandeln und die Umstellung der Produktion auf biologische Landwirtschaft finanziell fördern, so ähnlich könnte auch hier in Kassel die Lösung aussehen: Da man ja leider damit rechnen muss, dass die dringend erforderlichen, steuernden Eingriffe der Politik (Schmidt und sein einsamer Glyphosat - Beschluss lassen grüßen) in dem so wichtigen Agrarbereich weiter auf sich warten lassen werden…

Wer will, dass im Sommer viele tausend Kinder in der sommerlichen Fuldaaue spielen und im See unbeschwert schwimmen können – nicht alle Eltern können ihren Kindern den Besuch im neuen, teuren Spaßbad am Auedamm ermöglichen – der wird so einen Weg, wie wir ihn beschrieben haben, einschlagen.
Wer den erforderlichen Druck für so eine Lösung aufbaut, das weiß ich leider auch nicht. Die vielen Familien, denen im Sommer, wenn die Algen das Baden und Schwimmen verhindern, die Aue nur noch halb so viel Spaß macht, haben keine Lobby, die auf sich aufmerksam machte. Noch nicht! Ein paar BUND Aktivisten mit den richtigen Ideen: Das wird definitiv nicht reichen, um die Sache in Bewegung zu setzen…

MR am :

Was die Unterbringung auf der Zeitung betrifft, da meine ich man dürfte doch demokratisch zeigen, dass in dieser Stadt unterschiedliche Menschen wohnen, also auch komplex denkende.
Ich bin dafür, dass man es nicht "der Stadt und den sie treibenden Kräften" und ihrem normalerweise restriktiven Kämmerer überlässt, ob ein so klar kommunedienliches Projekt Projekt auf die Tagesordnung und bis zur die Entscheidung gebracht wird. Es drüfte doch nicht nur ein sachlicher, sondern auch ein medialer Knüller sein, ob sich eine Stadverwaltung gegen ein krankheitsfreies Badevergnügen wendet, zu dem es doch damals zur BUGA eingerichtet wurde? Die Initiative des BUNDes kann doch in einer Kombination aus Naturschutz, Freizeit-Vereinen, EU-Geldern und politisch Aktiven zu etwas Unumgehrbaren gemacht werden? Die klassische Vorstellung vom "Druck" kann mE durch die Kombination von Aktivitäten wirkungsvoller gemacht und modernisiert werden. Man sollte hier mehr in joint venture denken.

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