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Annette Kulenkampff verlässt die documenta


Ein Kommentar von Hans D. Christ

Auf gegenseitigem Einverständnis, so die offizielle Verlautbarung, tritt Annette Kulenkampff zum 01. Juni 2018 von ihrem Amt als Geschäftsführerin der documenta gGmbH zurück. Der offizielle Grund ist ein Defizit, von dem finale Zahlen nicht bekannt sind, das sich so um die 5 Millionen Euro bewegt. Die Politik zeigte sich erschüttert und die AFD verklagt den künstlerischen Leiter Adam Szymczyk und Annette Kulenkampff auf den Verdacht der Untreue. Im Hintergrund rauschen Töne



von mehr politischer Kontrolle der documenta und die Stärkung des Standorts Kassel - schließlich gilt als Ursache des Defizits der zweite Standort der documenta, Athen. Es waren wieder einmal die anderen, die Südeuropäer_innen. Die heimatbeflissene Politik der hessischen Provinz hatte angeblich keinen blassen Schimmer, dass da ein Defizit auf sie zukommt. Man fragt sich unmittelbar: Wie kann das sein? Schließlich ging es ja nicht um komplizierte Derivatgeschäfte und die „Kunst“ der Banken, Politiker_innen Muster der Deregulierung schmackhaft zu machen , um sich dann die eigenen Defizite im dreistelligen Milliarden Bereich aus dem Feld der Politik und mittels der Zerstörung ganzer Volkswirtschaften wieder zurückzuholen. Nein, es ging um eine Verdoppelung der documenta an zwei Standorten, die angekündigt, transparent vermittelt und mit der Wahl von Adam Szymczyk als künstlerischen Leiter verbindlich entschieden war.

Hiermit stand auch der Auftrag an Annette Kulenkampff fest, diese Verdoppelung zu realisieren. Der Auftrag hieß also mit dem Budget einer documenta zwei zu machen und gleichzeitig 50% des Gesamtetats durch Eigenmittel (Eintritte etc.) abzusichern, von denen von Anfang an klar war, dass diese nicht in Athen erwirtschaftet werden können. Man kann wirklich nicht begreifen, dass die frühzeitigen Warnungen von Annette Kulenkampff, finanziell gegenzusteuern – und dies konnte auf Grund des klar formulierten und politisch akzeptierten Auftrags nur eine Aufstockung des Budget bedeuten –, nicht gehört wurden.

Um es für die Politiker_innen der Militärindustriestadt Kassel noch einmal vereinfacht zu formulieren: Sie beauftragen zwei Leopard II Panzer, möchten aber nur vom Preis eines Panzers gewusst haben. Sie wundern sich dann, dass eine Rechnung für Zwei gestellt wird und bezeichnen dies dann als unerwartetes Defizit. Was an diesem Bild nicht stimmt, ist der Umstand, dass es kein Defizit von 100% also von 36 Mio. Euro gibt, was den Kosten einer Verdoppelung der documenta entsprochen hätte, sondern von ca. 15% des Gesamtetats trotz Verdopplung des Volumens. Liebe Stadträte, Minister_innen und sonstige politisch Verantwortlichen aller politischer Couleur: Sie haben für den gestellten Auftrag einen Mengenrabatt von 85% bekommen. Dies nennt man allgemein einen ziemlich guten Deal.

Annette Kulenkampff hat folglich einen herausragenden Job gemacht. Der gesamte Aufsichtsrat sollte ihr gegenüber tiefste Dankbarkeit zeigen, da sie aus der von diesem gewünschten Unmöglichkeit eine Machbarkeit generierte, schlussendlich die öffentliche Hand vor Schaden bewahrte und im Sinne der Kunstfreiheit in Athen und Kassel zwei Weltkunstausstellungen durchgefochten hat – einzigartig, herausragend und großartig in der BRD und ein echtes Aushängeschild in Europa für einmalige Managementqualitäten (Ich erinnere gerne an die Blamagen der Republik, wie den HNA Flughafen, den BER, Stuttgart 21, der Elb-Philharmonie …)

Warum muss jemand, der dermaßen erfolgreich gearbeitet hat, jetzt gehen? Erstens geht es um den Fakt, dass es eine Indiskretion gab, um politisch das Defizit der documenta zu instrumentalisieren, zweitens geht es um die Vermeidung von Verantwortung, drittens um die Anbiederung an Populismen und viertens um eine Geschäftsführerin, die mehr von der documenta wollte, als nur ein Event alle fünf Jahre zu sein. Zu Letzteren kann man nur feststellen, dass Anette Kulenkampff nicht nach Kassel gegangen ist, um eine Erfolgsgeschichte der Eventkultur zu verwalten, sondern mit der wissenschaftlichen Erweiterung des documenta-archivs, der Fürsorge um die Kunst im öffentlichen Raum und dem sukzessiven Aufbau einer zeitgemäßen documenta-institution Ideen vorantrieb, die dem Standort, der sich selbst gerne als documenta-stadt bezeichnet, endlich eine internationale Relevanz zwischen den documenten ermöglicht hätte.

Dies bedeutete neue Forderungen zu stellen und die Kommunalpolitik herauszufordern. Diese hat jetzt auch entschieden, sich den genannten Herausforderung nicht zu stellen und jetzt wieder bis 2022 in den alt vertrauten Dornröschenschlaf zu fallen. Es geht auf dieser Seite, mit der Ankündigung jetzt ggf. neue Regeln für die Berufungskommission aufzustellen und die Abschaffung der Gemeinnützigkeit zu fordern, letztendlich darum die documenta auf ihren reinen Eventgehalt zu reduzieren. Schließlich soll ja der einzige Effekt der Veranstaltung sein, Geld in die Stadtkasse zu spülen, damit Kitas gebaut werden können (Ich beziehe mich auf Äußerungen des OBs). Letzteres spielt auf der selben Laier von Populismen, die auch von Kandidaten der AFD stammen könnten. Und mit dieser Bezugnahme ergibt sich erst ein Gesamtbild der Situation, in das die Klage der AFD gegen Kulenkampff und ebenso die rassistische, rechts-populistische Diskussion um den Obelisken von Olu Oguibe gehören. Es fusionieren hier parteiübergreifend Populismen, die eindeutig das allgemeine reaktionäre Klima mit neoliberalen Phantasmen der Kulturpolitik verkoppeln.

Man fragt sich, in welcher Rolle sich eigentlich der Bund sieht, der die regionalen und kommunalen Akteure deutlich in die Schranken weisen könnte. Man wundert sich, dass bei der Volksbühnendebatte der Protest laut und bei der documenta so leise verläuft. Man wundert sich, dass die deutschen Künstlerverbände, die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Kunstvereine, die Kunstakademien etc. die zwingend erforderliche, konkrete politische Debatte nicht aufgreifen. Dabei wäre es dringend angebracht sich jetzt deutlich zu positionieren und zu erkennen, dass hier ein Exempel statuiert wird, das uns alle betrifft. Wenn man Anette Kulenkampff die entsprechende Solidarität zu kommen lassen möchte, die sie zum richtigen Zeitpunkt leider nicht bekommen hat, dann sollte jetzt endlich an ihrem Vorbild orientiert eine kulturpolitische Debatte losbrechen.


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Kommentare

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Andreas Sandmann am :

Vielen Dank für diese ausgiebige Darstellung und Betrachtung.

Es fehlt m. E. in der aktuellen Diskussion darüberhinaus nach wie vor eine Gesamtdarstellung der Finanzen, nämlich inklusive belastbarer Schätzungen dazu, was diese documenta an Wertschöpfungsmillionen für Stadt und Land 'eingebracht' und per sogenannter Umwegrendite in die öffentlichen Kassen und in die Sozialsysteme u. a. 'zurückgespült' hat.
Denn es wäre aller Wahrscheinlichkeit nach nicht verwunderlich, wenn in der Gesamtschau nicht nur die Extras einer konstengünstigen Doppel-documenta, sondern auch noch ein Kindergarten und einige Schultoiletten-Renovierungen (re-)finanziert sind ...
Ich möchte nicht annehmen, das die politisch Verantwortlichen nicht in diesen Kategorien denken und rechnen.
Aber warum sagt keiner etwas dazu?
Weil belastbare Zahlen dazu noch nicht vorliegen?
Dann sollten vielleicht nicht nur Wirtschaftsprüfer engagiert werden, sondern auch volkswirtschaftliche Experten, die einem das mal ausrechnen. Und zwar jetzt.
Zumindest wenn man noch ein Interesse daran hat, diese unglaubliche Zerschredderung des Erfolgs und des Ansehens dieser documenta und ihrer Macher und der documenta überhaupt zu stoppen.

klaus baum am :

andreas, du hast völlig recht.
prof. hellstern hat ab 1992 eine solche berechnung angestellt, die in materialien zur documenta 10 veröffentlicht ist.

documenta14 artists' letter am :

12/2017
Brief von documenta 14 Künstler_innen: Verteidigung der Radikalen Vision der documenta 14

https://drive.google.com/open?id=1Ee0hHzIXNNUv0ddVq45X_VLSvQQk-x9lZpMvmASW7Do

09/2017
Brief von documenta 14 Künstler_innen: Über die emanzipatorischen Möglichkeiten dezentrierter Ausstellungen

https://drive.google.com/open?id=1XXkT5T7TXk6cLKTLtuLbP7akhRXjvEefyiGjQib6mUo

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