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Was wusste Immanuel Kant wirklich?

In einer einschlägigen Drucksache behauptet Kant, etwas von Bienen und Bibern zu verstehen. Ich kann das bei einem Mann, der Königsberg nicht verlassen haben soll, nicht nachvollziehen, deshalb lege ich die Frage dem Lesepublikum zur Entscheidung vor: "Da die Menschen in ihren Bestrebungen nicht bloß instinctmäßig wie Thiere und doch auch nicht wie vernünftige Weltbürger nach einem verabredeten Plane im Ganzen verfahren: so scheint auch keine planmäßige Geschichte (wie etwa von den Bienen oder den Bibern) von ihnen möglich zu sein. Man kann sich eines gewissen Unwillens nicht erwehren, wenn man ihr Thun und Lassen auf der großen Weltbühne aufgestellt sieht und bei hin und wieder anscheinender Weisheit im Einzelnen doch endlich alles im Großen aus Thorheit, kindischer Eitelkeit, oft auch aus kindischer Bosheit und Zerstörungssucht zusammengewebt findet: wobei man am Ende nicht weiß, was man sich von unserer auf ihre Vorzüge so eingebildeten Gattung für einen Begriff machen soll." Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784)

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Kommentare

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Wolfgang am :

Er hätte auch jede andere Spezies der Flora oder Fauna als Beispiel bemühen können. Denn allen ist gemeinsam, dass sie nicht so dämlich sind, ihren eigenen Untergang herbei zu führen.

MR am :

Ich protestiere gegen die Art, wie hier Spezies(en?) als gleichartig betrachtet werden. Vor allem aber gegen die Art, wie ausgerechnet den Menschen die Eigenschaft zugesprochen wird, sich selbst vernünftig steuern zu können ("dämlich" - also schonmal politisch unkorrekt - vs. vernünftig). (Das waren mW die sog. Lemminge.) Laut Darwin stehen und fallen die sog. Arten damit, wie sie Umwelt-fitness haben. Wer hat denn den Dinosauriern eingeflüstert,aussterben zu müssen?

Mario Bernd Schmidt am :

Es liegt wohl auf der Hand, dass Kant hier nur einen Gegensatz zu den vernunftbegabten Wesen gesucht hat. Dafür eignen sich vermutlich die Bienen und im 18. Jahrhundert zählte man sicher auch noch die Bieber zu den reinen Instinktwesen. Diese erfüllen ihren Naturzweck durch Arterhaltung und mit Hilfe ihrer phänotypisch perfekten Ausstattung. Der Naturzweck des Menschen ist die perfekte Entwicklung der nur ihm gegebenen Vernunft im Laufe der gesamten Menscheitsgeschichte aller Nationen.

MR am :

Ein schönes Plädoyer für die wahnhaften Züge der europäischen Aufklärung: Dass Kant, wo er nur konnte, das vernunftbegabte Wesen in den Mittelpunkt des Universums gestellt hat, dass es "Naturzwecke" gebe; dass anschließend andere Wesen immer noch glauben, er habe dies "von Natur"; und diese könne auch noch "perfekt ausgestattet" sein (was die darwinsche Fitness-Geschichte und jeder Alltags-Arten-Verschwund glatt widerlegt); es gebe eine gesamte "Menschheitsgeschichte" - alles dieses ist doch spätestens seit Trump widerlegt?
Ich muss zugeben, dass es nicht gut ist, auf romantische Fehlhoffnungen einzuargumentieren, denn daraus ziehen wir ja die hoffnungsvollen Sonnenaufgänge. Aber wir, die wir schon so viele Morgenröten gesichtet haben, möchten doch auf die notwendig eintretenden Enttäuschungen hinweisen. "Niemand ist modern, der nicht die Schönheit dieser Morgenröte empfunden und angesichts ihrer Versprechen gebebt hat." (Bruno Latour)

Marlis Cavallaro am :

>"Aber wir, die wir schon so viele Morgenröten gesichtet haben, möchten doch auf die notwendig eintretenden Enttäuschungen hinweisen. "Niemand ist modern, der nicht die Schönheit dieser Morgenröte empfunden und angesichts ihrer Versprechen gebebt hat." (Bruno Latour) "<
Jawohl, lieber Martin - "die Schönheit wird wie ein Beben sein, oder sie wird nicht sein..." (mein Lieblingszitat von André Breton) "Schönheit" kann man im Breton-Zitat durch "Wissen" ersetzen, das, wenn es nicht "wie ein Beben", ist und an ewige Gewissheiten glaubt, ebenfalls nicht sein wird. Im Latour-Zitat würde sich "das Wissen dieser Morgenröte" auch nicht schlecht ausnehmen....Scobel hat ein nettes Buch geschrieben, das einem den Glauben an die scharfe Unterscheidung zwischen Glauben und Wissen ganz gut vermiest...(Der Ausweg aus dem Fliegenglas").

Mario Bernd Schmidt am :

Sicherlich handelt es sich beim vernünftigen Weltbürger um ein Ideal, das es aber anzustreben gilt. Kant hat auch nicht den Nationalsozialismus erlebt und man weiß nicht, wie er sonst gesprochen hätte. Aber die Geschichte ist noch nicht am Ende. Die Hypothese ist, dass wir insgesamt aus Fehlern der Vergangenheit lernen, selbst wenn der nächste Schritt wieder ein Rückschritt ist.

MR am :

Dazu fällt mir unweigerlich die Gruppe Attwenger ein: Getscho, getscho, getscho wieda weida... (am besten anhören)
Als zweites Walter Benjamin: Dass es weitergeht ist die Katastrophe.
Die Transzendentalphilosophie von Kant lebt von einem "focus imganiarius", d.h. von einem IMAGINÄREN Konzentrationspunkt (für das Vermögen, die Vernunft in der Welt zu etablieren). Das ist eine in der Aufklärung versteckte Paradies-Hoffnung, also eine christliche. Wer so glaubt, glaubt natürlich weiter...

Mario Bernd Schmidt am :

Das wirft viele Fragen auf. Geht es darum, was ich glaube oder darum, was Kant meint oder darum, was die Aufklärung gehofft hat? Oder handelt es sich um eine verborgene Dialektik dazwischen oder einfach um einen Kategorienfehler? Ich persönlich denke nicht, dass das Streben nach einem unerreichbaren Ideal ein nach christlichen Maßstäben erreichbares Paradies bedeutet. Genau genommen, würde ich es sogar für einen logischen Fehler halten. Wenn also nicht die Vernunft der Leitfaden der Natur sein soll, wozu brauchen wir dann noch eine Moral? (Das Lied hat übrigens inhaltlich nicht viel mehr als sein Titel ausgesagt.)

MR am :

Ich bitte einfach nur drum, dem großen philosophischen Impulsgeber zu lauschen und seine Unterscheidung zwischen "Meinen, Wissen und Glauben" (Kritik der reinen Vernunft) zu beherzigen. Der Aufklärer meint zu recht, das müse jeder selbst organisieren. Wer glauben will, der glaube (mit dem kann man dann nicht, wie es damals hieß, "räsonieren" - der hat dann eben seinen undiskutierbaren Glauben), wer weiß, der weiß vielleicht, wenn er sich informieren und urteilen kann; und Meinungen gibt es wie Sand am Meer...

Mario Bernd Schmidt am :

Zufälliger Weise ist das auch mein Lieblingswerk. Zumal er sich dort bei der Widerlegung des ontologischen Gottesbeweises doch eher von seiner unchristlichen Seite zeigt. Ein Dreieck muss drei Winkel haben, gibt es aber kein Dreieck, so spielen auch die Winkel keine Rolle (vgl. KrV).

MR am :

Und wie ist es mit dem (transzendentalen) Nichtunterschied zwischen hundert möglichen und hundert wirklichen Talern?

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