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Kreislaufwirtschaft per Flaschenpfand - heute mal von unten betrachtet

Das Thema weggeworfene Pfandflaschen und deren Scherben hat mich an dieser Stelle schon einmal beschäftigt – und treibt mich nach jüngstem Erleben erneut um.

Beginnen wir mit dem Ende: Erzählt mir da jemand, der es wissen muss, dass sich viele Hartz4-Eltern gern der Mühe des Flaschensammlens unterziehen, damit dem Sprössling für die Schule und die bessere Zukunft ein elektronisches Gerät mit dem Markenzeichen eines angebissenen Obstes gekauft werden kann. „Alle Hochachtung!“ war mein erster Gedanke, mein zweiter auch.

Doch dann erinnerte ich mich an meinen erbosten Artikel über die verkommene Jugend, die sich nächtens im Park die Kante gibt und dann großzügig die Flaschen liegen lässt, statt sie entweder zurück zu geben oder mindestens in den Mülleimer zu werfen. Sind das nun die selben, deren Eltern morgens das pfandhaltige Leergut einsammeln, damit’s dem Nachwuchs mal besser geht?

Recycling 2.0?
Frühling im Tannenwäldchen
Fragen über Fragen. Man muss sich mal klar machen, welch absurde Situation hier produziert wird: Da findet man Aufkleber an öffentlichen Müllbehältnissen, die dazu auffordern, Pfandflaschen bitte neben dem Eimer abzustellen. Man kommt nicht gleich auf den arbeitsergonomischen Hintergedanken. Hier soll dem Flaschensammler die Arbeit erleichtert werden. Nachteil der Maßnahme: Plastikflaschen bläst der Wind fort, Glasflaschen werden gern en passant per Fußtritt in Scherben zerlegt. Man darf annehmen, dass eine menschenfreundliche Fraktion im Stadtparlament irgendwann den Antrag einbringt, für Pfandflaschen und –dosen einen separaten Sammelbehälter aufzustellen. Als nächstes würde das Arbeitsamt den Hartzern dann Sammelreviere zuteilen (und die Zuwendung kürzen, versteht sich).

Und noch mal ein Gedanke von vor einigen Wochen: Was läuft hier eigentlich schief bei der jüngeren und jungen Generation? Nicht nur, dass die sich ins Koma saufen, es scheint ihnen der Wert des Geldes auch nicht bewusst zu sein. Ich bücke mich noch nach einem Cent auf der Strasse, bin ich da auf dem falschen Trip, oder die?

Aber okay, man hilft ja denen, die ganz unten sind. Denn die klauben dann die Flaschen aus der Tonne, aus dem Gebüsch oder im Umfeld der Abfallbehälter im Park. Der Kreis schließt sich. Was offenbar niemandem auffällt, ist der geradezu absurde circulus vitiosus. Man nimmt ihn entweder nicht wahr oder für gottgegeben: In einem der reichsten Länder der Erde sind Menschen dazu verdammt, ihren Lebensunterhalt damit aufzubessern, dass sie Leergut sammeln, das von einer ignoranten und achtlosen Generation in die Landschaft geschmissen wird. Und diese Situation wird durch die Institutionalisierung „Pfandflaschen neben die Tonne“ auch noch zementiert und zur scheinbar normalen Einrichtung erklärt.

Hat mal jemand darüber nachgedacht, was mit der Würde und dem Selbstwertgefühl eines Menschen passiert, der sich vom großzügig nach einem Saufgelage hingeschmissenen Leergut das Haushaltsgeld aufbessern muss? Hat mal jemand bewusst registriert, wie ärmlich aber ordentlich gekleidete Alte verschämt und verlegen wie zu fällig in die Müllbehälter schauen und mit raschem Griff die eine oder andere Flasche in die Aldi-Tüte stecken? Ist das ein Leben?

Ich finde, das Flaschenpfand sollte auf mindestens zwei Euro angehoben werden. Auf die Ignoranz der Säufer ist verlass, und den Flaschensammlern ging’s echt besser.

Da gibt es noch einen Seitenaspekt: die Flasche begleitet uns heute von der Wiege bis zur Bahre. Süßer Muttermilch-Ersatz – süßer Kindertee – süßer isotonischer Durstlöscher ... Selbst das Frustnuckeln an der Flasche hat sich die junge Generation aus der Babyphase herübergerettet. Da sitzen sie nun in der Tram, Handy am Ohr und alle zwei Minuten wird habituell am Energydrink genuckelt. Verlasse nie Dein Haus ohne den energiespendenden isotonischen Powersaft! Ein Leben ohne Flasche ist denkbar, aber heute offenbar nicht mehr möglich. Kinderwagen haben heute standardmäßig zwei Flaschenhalter: Einen für’s Kind und einen für Mama. So besehen wundert man sich denn doch über den achtlosen Umgang mit der Pfandflasche – siehe oben.

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