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Frohe Ostern! Und empört Euch!

Christus war ein Rebell. Er warf den herrschenden religiösen Machthabern ihre Verlogenheit, ihre Hartherzigkeit und mangelnde Mitmenschlichkeit vor. Sein Ausspruch „Götter seid Ihr!“ (theoi esté aus dem Johannesevangelium) provozierte einen Aufbruch, der dem herrschenden Gesellschaftssystem gefährlich werden konnte. Deshalb musste er sterben.

„Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.“
Stéphane Hessel in seiner Streitschrift Empört Euch! 2010

Die Passionszeit und das Osterfest war im Rahmen einer christlich geprägten Gesellschaftsordnung das Fest der Erneuerung des Glaubens, des Verzichts auf egoistisches Streben, ein Fest der Auferstehung aus persönlichem und gesellschaftlichem Leiden, ein Sich-Erheben über die ach so billige Banalität des Bösen, welches den Alltag so mühselig und sinnlos macht. Diese ethischen Werte tragen unsere Gesellschaft in weiten Bereichen schon lange nicht mehr. Nie war die Geldmacht in Deutschland so anmaßend wie heute. Die Gewinnmaximierer sitzen an allen Schaltstellen des Systems, auch in Kassel. Und sie wollen uns weismachen, das die Kosten für ein würdiges Miteinander zu hoch seien. Es sind Abermilliarden in die Hände einiger Großindustiellen geflossen, die für ihre Gewinne im Gas- und Energiegeschäft so gut wie keine Steuern zahlen, dann aber von der Presse hochgelobt einen lächerlichen Anteil davon gewinnträchtig spenden.

Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte durch die UNO und die Verabschiedung des deutschen Grundgesetzes, beide im Jahr 1948, wurden auf der Grundlage christlicher Grundwerte entwickelt und in einer allgemeingültigen Ethik auf der Basis demokratischer Grundrechte abstrahiert.
Nach den Schrecken des 2. Weltkrieges sollten die Weltgesellschaften sich vom Tolitarismus zu aktiver Teilhabe ihrer Bürgerinnen und Bürgern an Politik, Kultur und Gesellschaft entwickeln. In Deutschland entstand ein Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, welches das Gemeinwohl, die gerechte Entlohnung von Arbeit, soziale Sicherheit aller Bürger, bestmögliche Förderung von Kindern und ein würdiges Altern auf seine Fahnen geschrieben hatte. Im Laufe von 60 Jahren explodierten die Gehälter der Wirtschaftsmächtigen und die Lebenshaltungskosten, sämtliche Gemeinwohlpläne wurden korrumpiert, in scheinheiligen Phrasen weitervertreten, unterschwellig aber demontiert. Für unsere Jugend, für Alte und Erwerbslose ist kein würdiges Auskommen mehr möglich. Statt dessen wird das Geld in einem wahnwitzigen Konsumkreislauf verpulvert.

Schon vor 40 Jahren im Gymnasium erfuhr ich, dass die Arbeitslosigkeit zur Jahrhunderwende ein großes Problem werden würde, aber die Politik entzog sich ihrer Verantwortung und beutete aus parteipolitischem Eigennutz das System immer mehr aus. Heute haben sich die etablierten Parteien, seien sie „sozial“, „christlich“, „demokratisch“, oder „umweltfreundlich“, längst im Sumpf von Macht und Geldschiebereien ihrer früher einmal hochgehaltenen Ideale entledigt. An ihrer perfiden Oberfläche gaukeln sie uns weiter ihren guten Willen vor. In Kassel werden von der machthabenden Partei „Bürgerbeteiligung“ und „kulturelle Teilhabe“ verkauft, in Wirklichkeit aber werden die Entscheidungen doch ohne den Bürger hinter verschlossenen Türen gefällt (Bebelplatz), werden neue Initiativen annektiert (z.B. Stolpersteine) oder politisch so unterwandert, dass sie sich in der Öffentlichkeit lächerlich machen (Piraten). Dabei sind die Piraten aus meiner Sicht die zur Zeit einzige Partei, die mit Basisdemokratie und Erneuerung der gesellschaftlichen Teilhabe Ernst machen wollen und den Bürger in immer neuer Weise in Bewegung bringen.

Wir brauchen ein neues, gesellschaftlich verbreitetes Wir-Gefühl des gegenseitigen Vertrauens und der aktiven Bürgerbeteiligung, und wir brauchen den Widerstand der breiten Massen gegen die Diktatur des Finanzkapitalismus!

Wer Hartz4-Empfänger mit zu geringen Heizkostenzuschüssen demütigt, seine Beamtenmacht durch Ignoranz und perfide Verweigerung von Information missbraucht, durch einseitige Machtpolitik dem Gemeinwohl schadet, sollte öffentlich angeprangert und durch empfindliche finanzielle Nachteile zu spüren bekommen, dass die Gesellschaft dieses Verhalten nicht duldet. Wenn einem Bürgermeister die Briefe der Bewohner dieser Stadt keine Antwort wert sind, wenn Bürgerinitiativen vor die Wand laufen, wenn Politiker uns bewusst belügen, dann verletzen sie unser Grundrecht auf Menschenwürde und unsere Persönlichkeitsrechte. Wenn im Artikel 22 der Allgemeinen Menschenrechte steht, dass der Einzelne ein Recht auf soziale Sicherheit, auf wirtschaftliche und kulturelle Teilhabe hat, dann muss das in diesem Staat endlich umgesetzt werden!

Deshalb rufe ich Euch mit dem Widerstandkämpfer und Mitautor der Menschenrechtserklärung Stéphane Hessel, der im Februar 2013 im Alter von 95 Jahren verstarb, zu: Empört Euch! Setzt Euch ein für Volksinitiativen, Volksbegehren und Volksentscheide! Widersetzt Euch jeder dem Gemeinwohl schadenden (Amts-)Handlung. Tretet aktiv für eine Erneuerung unserer marode gewordenen Gesellschaft ein! Tut dies Jetzt!
Denn schon immer musste irgendwo jemand aufstehen für die gemeinsame Sache, wie dieser Jesus damals, der mit seinem Widerstand eine Auferstehung und Erneuerung der Menschlichkeit bewirkte, wenigstens für eine Weile, bis sie wiederum korrumpiert wurde.

Empört Euch!
„Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.“
Im Gedenken an Stéphane Hessel

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Kommentare

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Sebastian von Roos am :

toller Text. (obwohl ich jetzt nicht weiß, wer Hessel ist, unterschreibe ich mal)

Hl. BimBam am :

"[...] wir brauchen den Widerstand der breiten Massen gegen die Diktatur des Finanzkapitalismus!"

Für die Ausbeutung der Leute ist immer noch die verklärte sog. Realwirtschaft zuständig.

Hl. BimBam am :

Das kann man sich von der Nadja Rakowitz demnächst auch ausführlicher erklären lassen:

Mittwoch // 24.04.2013 // 20 Uhr // Vortrag: Die Kritik am Zins – Eine Sackgasse der Kapitalismuskritik
http://karoshi-kassel.de/?p=2369

Hl. BimBam am :

Das kann man sich von der Nadja Rakowitz demnächst auch ausführlicher erklären lassen:

Mittwoch // 24.04.2013 // 20 Uhr // Vortrag: Die Kritik am Zins – Eine Sackgasse der Kapitalismuskritik
hxxp://karoshi-kassel.de/?p=2369

Schreiber am :

Statt uns zu empören, sollten wir uns selbst ermächtigen.

Klaus Schaake am :

Könnten Sie den Zusammenhang zwischen Bebelplatz und Stolpersteinen für jene erläutern, die nicht qua Schlagwort sofort wissen, was sie genau damit meinen sollen?

Regula Rickert am :

Vor der Sanierung des Bebelplatzes in Kassel hat es einen zweijährigen Einsatz der Anwohner gegeben, deren Vorschläge zwar angehört, aber dann aus Kostengründen nicht berücksichtigt wurden. Der ganze Einsatz für nichts! In der Zeitung stand dann ständig etwas über Bürgerbeteiligung.
Über Jahre haben Ingrid Pee, ich und andere die Stolpersteininitiative gebildet, bis ihre Verlegung im öffentlichen Raum im Nov. 2011 endlich erlaubt wurde. Einen Monat später tauchten drei Herren aus der Politik auf, konfiszierten unsere Unterlagen und gründeten einen Verein Stolpersteine. Solche Verhaltenweisen sind zwar Machtpolitik, aber für das Gemeinwohl menschenverachtend. Und es zerstört das Vertrauen in ein Zugehörigkeitserleben in Kassel.

Klaus Schaake am :

Folgt man Ihrer Aussage - gerade in Bezug auf die "Stolpersteine" - wäre das ein Grund sich zu empören. Hessel schreibt auch: "Eines ist klar: Wer heute etwas erreichen will, muss gut vernetzt sein und sich aller modernen Kommunikationsmittel bedienen."
Im Zusammenhang mit dem Bebelplatz stehen nach meinem Dafürhalten die (mehr als klamme) Kommune und die Hauptamtlichen explizit in der Verantwortung, dafür zu sorgen, das die Kosten bei einem solchen Projekt im Rahmen bleiben. Wie sie dabei den Dialog mit ihren Bürgern betreiben, ist eine andere Fragestellung.

Regula Rickert am :

Dass die Kommune sparen muss ist nicht das Problem, sondern, dass keine Möglichkeiten der aktiven Teilnahme am Bau erlaubt ist und durch wegfallende Arbeitskosten Teile der Vorschläge doch umgesetzt werden könnten. Wenn man Bürgerinitiativen wirklich ernst nimmt, dann lässt man sie selbstwirksam werden statt sie zu frustrieren. Nun, das ist Schnee von vorgestern und einfach nur ein Beispiel.

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