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Fromme Publizistik-Wünsche gen Norwegen

Ein Richard Herzinger hat für die Berichterstattung und diverse scharfmachende politische Haltungen „Mäßigung“, ja eine „Selbstzivilisierung“ eingefordert.
Mitten im Medienrummel, d.h. der „Mediengesellschaft, deren Aufmerksamkeitsökonomie auf immer schrillere Töne und spektakulärere Handlungen geeicht ist“, dem Attentäter „als Person jede weitere öffentliche Beachtung zu entziehen“ – das wäre nun wirklich ein Wunder an Askese. Man stelle sich einen Blatteigner und seinen Chefredakteur vor, der die Crew anweist, darüber nicht zu berichten. Die Zeitung würde bald recht dünn ausfallen…

Das Ziel der „Selbstzivilisierung“ kann man sehr wohl unterschreiben. (Heiner Mühlmann hat von der nötigen „Hominisierung“ des Menschen gesprochen.) Ich halte es allerdings für ausgeschlossen, dass dies mit den vorgeschlagenen Mitteln möglich ist. Schon die Worte vom „unsäglichen Leid“ oder dem „Schock von Oslo“ sind Sprechblasen. Was aber sollen wir tun? Uns dem „Erhalt der Grundwerte unserer demokratischen Zivilisation insgesamt“ widmen. „Elementare Säulen dieser Werte sind die Tugenden der Mäßigung und Selbstdisziplinierung“. Ein Schuss griechisch-antike „Mitte“ und „Maß“, ein Schuss protestantische Ethik und ein gutes Gewissen: „Selbstzivilisierung“, „ideelle Selbsthygiene“. So kommen wir zur „gesamtgesellschaftlichen Freiheit“. (Hier wirft der Eintopf weitere Blasen.) So wird der Terrorismus in seinem „jeweils ‚eigenen’ Milieu“ – „ausgetrocknet“. (Sumpf?)
Wenn man den Untergang des Abendlandes beschleunigen will, dann hält man sich an solche abgetakelten Fiktionen (wie auch z.B. an den „mündigen Bürger“ oder die „aufgeklärte Öffentlichkeit“). Nach dem ca. 300 Jahre alten Konzept einer Herrschaftsform, in der ich mich selbst beherrsche (Volk = Souverän), diese Herrschaft aber an andere delegiere („Repräsentation“); den „gestirnten Himmel über mir“ und das „moralische Gesetz in mir“ (Kant), wäre es doch an der Zeit, über die maroden politischen und wirtschaftlichen Formen einerseits, das konkrete Zusammen- und Auseinanderleben mitsamt Veröffentlichungsformen andererseits sich ein paar weiterführende Gedanken zu machen. „Ist es wirklich zu viel von unserem kollektiven intellektuellen Leben verlangt, wenigstens einmal im Jahrhundert ein paar neue kritische Werkzeuge bereitzustellen?“ (Bruno Latour, Elend der Kritik)
Wohl, wohl…

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