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Auftaktveranstaltung: „SCHREIBEN. HOFFEN! ERFOLG?“

„SCHREIBEN. HOFFEN! ERFOLG?“ – Was schreibende Menschen von Erfolgsautor Marcel Beyer lernen können. ODER: Unerwartet begeisterungswürdiges Federvieh!
Auftaktveranstaltung zur fünfteiligen Reihe im Literaturhaus Nordhessen
Fliegende Wunder, schwarz, glänzend, zeternd und anhänglich bringen Herzen zum Schmelzen. Wer das nicht glaubt muss nur eine viertel Stunde Zeit investieren und Marcel Beyer lauschen, der aus seinem neuen Roman „Kaltenburg“ liest. Beyer will zwar keine Herzen zum Schmelzen bringen, die zerrinnen aber trotzdem beim Klang seiner Worte wie Butter in der Sonne. Die Zuhörer lassen sich mitreißen und begeistern sich plötzlich für alltägliches Federvieh. Das steht eigentlich nicht im Mittelpunkt von Beyers Roman, aber da er eine Stelle aus seinem Buch vorliest, die eben auch banale Rabenvögel beschreibt, will man plötzlich unbedingt einen haben und mit ihm sein restliches Leben teilen.
Was geht da vor?

Etwa 30 Zuhörer ließen sich am Mittwoch, den 29. April im Literaturbüro Nordhessen vom Federvieh begeistern. Die Menschen waren gekommen um zu erfahren, was beim Schreiben zum Erfolg führt. Oder: Wie man ein guter Autor wird und ob das zu trainieren wäre. „Ja, das kann man trainieren“, meint Beyer. Schreiben sei harte Arbeit. Soviel vorweg.
Niemand dachte beim Betreten des Raumes an Vögel und nichts deutete im Literaturhaus Nordhessen in der Lassallestraße daraufhin, dass der Abend außer gepflegtem Geplauder, hochwertigen Texten und biografischen Anekdoten aus dem Leben Marcel Beyers noch unerwartete Höhepunkte würde bieten können.

Zum Auftakt der fünfteiligen Veranstaltungsreihe „Von der Idee zum Bestseller“ sprach und las Beyer aus verschiedenen Bänden und plauschte mit Renatus Deckert über sein erstes Buch. In Beyers Fall waren das übrigens vier erste Bücher, die er im Heftchenformat weitgehend selber herausgab.
Diese Auftaktveranstaltung „SCHREIBEN. HOFFEN! ERFOLG? - Das erste Buch, Marcel Beyer im Gespräch mit Renatus Deckert“ bot die Möglichkeit Deckert, Herausgeber des Suhrkamp Bandes „Das erste Buch - Schriftsteller über ihr literarisches Debüt“ zu fragen, was er den glaube, dass in den nächste Jahren auf dem Buchmarkt Erfolg haben würde. Die Antwort war, er wissen es nicht, da niemand vorher wisse, was vermutlich der nächste Bestseller würde.

Niemand bekam ein Rezept, was einen erfolgreichen Autor ausmacht und wie ein Bestseller zusammenzubauen sei, damit die Kasse klingelt.
Trotzdem nahm jeder eine Erfahrung mit nach Hause: Wie und warum hat Beyer es geschafft mich mit seinen Worten für etwas zu begeistern, was mich eigentlich nicht interessiert?

Das könnte mit seinen Lebenserfahrungen zusammen hängen, die lauten: „Für Dinge, die mich brennend interessieren begeistern sich außer mir nur Leute, die ich nicht persönlich kenne“. Beyer machte diese Erfahrung schon als Schüler, wenn er Musik hörte, Plattenläden betrat, Bücher kaufen wollte, Platten kaufte. Immer waren nur Fremde an den Dingen interessiert, die er am meisten mochte.
Einmal versuchte er im Deutschunterricht den Lehrer dafür zu begeistern Beyers Lieblingsbuch zu behandeln. Das war ein Werk, dass außer Beyer in seiner Klasse noch niemand gelesen hatte. Selbstverständlich bei Beyers Geschmack. Sonst fuhr er weit um Gleichgesinnte zu treffen. Leute, die seine Interessen teilen wohnten in der Regel weit weg von seinem Heimatort. Er nutze beispielsweise die Gelegenheit sich auf einer Klassenfahrt nach London in ein elendes Viertel fortzuschleichen, um dort in einem winzigen Verlag, einmal nur, seinen Lieblingsautor persönlich treffen zu können. Er war der einzige Weiße im Viertel. Der Verlag ließ den jungen Weißen draußen vor der Tür stehen. Den Autor traf er nicht.

Damals erwarb Marcel Beyer aber scheinbar die Fähigkeit Menschen für Dinge zu begeistern, die diese Menschen eigentlich nicht interessieren.

Dohlen beispielsweise. Rabenvögel. Beyer muss selber begeistert sein, um mitreißen zu können. Eine Leidenschaft des Kindes Beyer galt dem österreichischen Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz, dem Mann der das Verhalten der Dohlen anschaulich beschrieb. Beyers Romanheld Ludwig Kaltenburg hat vieles mit Lorenz gemeinsam. Beyer studierte die Dohlen also nicht selber, sondern ließ sich lediglich von den Schriften eines alten Mannes berauschen und von seinem Leben anregen.
Das funktioniert in der Textstelle die er im Literaturhaus ließt hervorragend.
Lebendig sind die Dohlen, schrullig Kaltenburg, eifrig der Ich-Erzähler, ein junger Mann.
Man male also mit Worten Bilder und lasse die eigene Begeisterung mitmalen. Man lese nur das, was man selber gut findet und schreibe immer so, dass man die eigenen Texte lieben kann.

Beyer schreibt immer so und vor allem so lange bis der Text ihm wirklich gefällt und auch der Lektor alles stimmig findet. Das ist vielleicht eines seiner Erfolgsgeheimnisse.
Ein weiteres mag seine Lesebiografie sein. Er verschlang Bücher und Texte wie andere Kinder Chips und Pommes und bekam nicht genug. Seine Lesebiografie sieht er als Schulung und Anregung nachzumachen, was er beim Lesen gelernt hatte.
Da ist einer fasziniert davon, was Menschen mir Worten und Texten alles tun. Er probiert Worte aus, wie andere Kinder Eissorten ausprobieren. Er kämpft als Schüler mit Sätzen, feilt an Texten und gibt den Kampf niemals auf. Vielleicht ist das sein Erfolgsgeheimnis.

Marcel Beyer ist noch immer fasziniert von Worten und von Themen und schafft es fremde Menschen für Dinge zu begeistern die sie eigentlich nicht interessieren.
Beneidenswert!











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