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Mein Röntgenblick auf Bettenhausen – Teil 28 – Glückliche Stadtväter!

Mein Röntgenblick auf Bettenhausen – Teil 28 – Glückliche Stadtväter!

Dorfplatzumbau beendet, Stadt glücklich, Geld gut angelegt! Anwohner reif für die Klapsmühle....
Vor Silvester ist Hochbetrieb in unserem Bettenhausener Tegut-Markt. Der Junkie H. kauft Schnaps, Cola und fünf Tüten Knabberzeug. Sein Kumpel schleppt eine Kiste Bier. Am Eingang sitzt einer, der durch die Kälte aussieht wie eine Wachsleiche, bewegt sich nicht, stinkt und kaut seinen Schnurrbart. M., der kohleschwarze alte Mann, mit dem ich gerne schwatze, packt an der Kasse seine üblichen fünf Bierflaschen ein und legt für Mitternacht noch eine sechste dazu.
Es ist Frühling ruft er mir zu, jetzt ist endlich wieder Frühling! Ich bin irritiert und frage nach. Eigentlich ist Jahresende und es ist knackend kalt. Die Luft scheidet ins Gesicht, das Laub vom letzten Herbst liegt, wie mit Zucker überzogen, festgefroren auf der Erde und M. hat seine dickste Jacke angezogen. Die Losse friert langsam zu und die Enten laufen zu Fuß übers Eis. Frühling????
Für mich ist immer Frühling, ruft er durch den Laden, immer wenn ich eine schöne Frau sehe, ist Frühling. Die Kassiererin und ich lachen.

Ich kaufe Salat, herabgesetzt, wie so oft. Salat geht hier nicht gut. Auch das Ballerzeug, Raketen und Kracher bleiben liegen, so wie die Weihnachtssüßigkeiten und werden irgendwann für ein paar Cent verschleudert. Man hat hier in Bettenhausen nicht genug Geld für Raketen und Sterneregen. Und wer Schnaps braucht kauft keine Weihnachtskekse.
Zwei gerippedünne Menschlein streiten über ihren Einkauf: Korn, Wein, Bier oder doch lieber Hundefutter? Was für eine Klischeescheiße denke ich und hier stimmt das Klischee immer, witzig ist das nicht.
Im Tegut bereiten sich also die Dorfplatzleute auf den letzten Tag des Jahres vor, ein jeder nach seiner Art. Silvester will gefeiert werden, im Alltag wird schließlich nur gesoffen, aber an Silvester wird auf dem Dorfplatz richtig gefeiert. Wann sonst?

Will heißen, die Stadt Kassel hat den Dorfplatz umgebaut, Geld investiert, Mäuerchen abgerissen und Bänke installiert, damit der schöne Dorfplatz wohnlicher wird. Monatelang Baustelle, monatelang Baulärm, den ganzen Sommer Dieselabgase von Baggern und Lastern. Jetzt ist endlich Schluss mit Baustelle und wir, ALSO WIR, die Anwohner haben es jetzt richtig schön...

Wir sind alle bescheuert, schimpft meine Nachbarin. Nicht wortwörtlich, sondern sinngemäß. Wir sind alle bescheuert und sollen uns jetzt auf die schönen neuen Bänke setzten, die die Stadt für uns aufgestellt hat und nicht für die Penner. Wir sind alle bescheuert und sitzen da nicht, weil sich die Penner schon breitgemacht haben. Die tanzen jetzt besoffen auf den Tischen, weil die Stadt zu den neuen Bänken noch Tische aufgestellt hat und da steht jetzt alles voll mit Bierflaschen. Und wenn die jetzt kotzen, dann immer direkt auf die Tischplatten und das friert dann fest, weil auf die Bänke wollen die nicht kotzen, weil sie sich sonst nicht mehr hinsetzen können. Wir sind alle bescheuert und sitzen da nicht, obwohl die Bänke doch für uns aufgestellt wurden, schimpft meine Nachbarin.

Sie hat Recht. Genauso ist es. Und ja, wir sind bescheuert: Denn kaum, dass die Baustelle weg war, haben wir Anwohner sofort wieder tagtäglich beim Ordnungsamt angerufen, weil sich an den neuen Tischen die besoffenen Penner prügeln sobald die Sonne scheint. Und das Ordnungsamt kommt dann nicht, weil sie nicht genug Leute haben und außerdem, AUßERDEM, hat die Stadt Kassel unseren sozialen Brennpunkt Dorfplatz schließlich umgebaut und damit das Problem mit dem Pennertreffpunkt ein für alle mal gelöst.

Ein für alle mal gelöst ist auch das Problem mit den kackenden Junkies, die so gerne unseren Garten düngen und mit der elenden Pisserrei vor meinem Küchenfenster.
Da waren nämlich Gärtner. Draußen vor meinem Küchenfenster. Gärtner mit schönen neuen Büschen und Tannenbäumchen. Zuerst rissen sie das alte Gebüsch teilweise weg. Das fand ich gut. Weniger Büsche, weniger Deckung, weniger Pinkeler am Gartenzaun meiner Nachbarn.
Dann aber kam der Tag, an dem meine Nachbarn von unten ihre Fassung verloren. Alte Büsche weg und eine schöne Reihe neue Büsche hingepflanzt. Direkt vor ihren Garten. Dazu Koniferen und anderes Tannengrün, der besseren Tarnung wegen. Ein hübscher Reigen immergrüner Pflanzen ziert nun den Platz zur Losse runter. Außerdem wurde eine Skulptur umgestellt, weg von Platz A, hin zu Platz B. Will heißen, vor meinem Küchenfenster steht jetzt ein liegendes Betonmonstrum, lang, breit und hoch genug, um sich dahinter geborgen zu fühlen. Ich habe schon überlegt, ob ich Farbe kaufe und das Wort Dixi auf das liegende Dingsbums pinsele. Der Vollständigkeit halber! Denn das ist, was es ist: Dixi, das liegende Dingsbums, dass dem pissenden Penner maximalen Schutz vor den Blicken seiner Umwelt bietet.

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