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Mein Röntgenblick auf Bettenhausen - Teil 13 -

13 - In Bettenhausen wohnen
Mein Röntgenblick auf Bettenhausen - Teil 13 -

Hinten, hinter der Haferkakaofabrik unten an der Losse, steht neben der Autobahn, Richtung Müllverbrennung ein Zelt. Das kann man eigentlich nicht finden, so dicht ist das Gebüsch dort, aber ich war mit dem Hund unterwegs und der hat es gefunden.
Es war offen, darin lagen Decken, ein Schlafsack und eine Plastikplane. Ich habe nur ganz vorsichtig um die Ecke geguckt, ich dachte da wäre einer drin. Es stand Essen da, sogar ein Kocher, Schuhe davor und Krempel. Da wohnt einer. Im Herbst!
Im Sommer lag vor meinem Küchenfenster am Losseufer ein Schlafsack, tagelang, darin eine Frau, davor ein Kocher und man konnte sie abends beobachten, wenn sie sich Essen warm gemacht hat. Dann war sie weg, irgendwann.
Im Stadtbad Mitte, sagt meine Nachbarin die Bademeisterin, da ist das so ähnlich. Da steht seit Jahren ein Gerüst mit einer Plastikplane drum herum und auf dem Gerüst liegen Matratzen, da schlafen die Penner und die Junkies, die von der Kirche, vom Friedhof rüber kommen. Ist ja schön zentral, mitten in der Innenstadt. Der Hausmeister macht das manchmal weg, sagt meine Nachbarin, aber die kommen immer wieder, weil es trocken ist. Wird jetzt im November aber langsam verdammt kalt.
Dass vor unserem Haus mal einer auf der Bank liegt über Nacht, dass ist selten, trotzdem hat die Stadt von zwei Bänken schon eine endgültig weg gemacht, weil sich da sonst Penner treffen würden. Angeblich. Da treffen sie sich aber nicht. Die treffen sich 50 Meter neben den Bänken. Das ist der Stadt irgendwie egal, weil die Bank da schließlich weg ist, das muss reichen.
Auf den Bänken saßen früher abends immer Türkinnen mit ihren kleinen Kindern, die da Fahrrad gefahren sind oder Bobbycar oder Rollschuhe. Das ist vor meinem Schlafzimmerfenster und eine, die da immer war, mochte ich weil sie Zwillinge hatte und vier Jahre lang jeden Tag kam. Erst hat sie die Zwillinge getragen, dann hatte sie eine Kinderkarre, dann sind sie gekrabbelt, das war lustig, wenn ich aus dem Fenster geguckt habe, dann konnten sie laufen, habe sich an den Bänken festgehalten ganz zu Anfang und dann haben sie irgendwann Fangen gespielt und dann war die Bank weg, zuerst sogar beide Bänke, und die Türkin kam nicht wieder. Ich habe sie vermisst, weil ich mich manchmal dazu gesetzt habe, wenn ich vom Einkaufen kam und dann haben wir geredet und uns sonst immer gegrüßt.
Die Türkin hatte hier irgendwo mit ihrem Mann und den größeren Kindern eine Wohnung, dann kam aber noch ein Kind und vielleicht sind sie deshalb weggezogen. Die alte Wohnung wurde vielleicht zu klein. Ich habe sie nie wieder gesehen.
Die türkischen Männer saßen früher immer auf dem Leipziger Platz, die Frauen bei uns auf dem Dorfplatz. Die Männer sitzen da immer noch, nur die Frauen sind weg, seit die Bänke weg sind, das finde ich Kacke.
Hier wohnen viele Türken, die sieht man aber nicht, man sieht nur die Deutschen, weil die auf der Straße saufen. Hier wohnen auch deutsche Familien, die sieht man aber auch nicht, nur am Sonntag, weil sie dann mir ihren Kindern auf dem Dorfplatz sind oder auf dem Weg an der Losse Fahrrad fahren. Das ist sehr beliebt. Auch ein Hippie wohnt irgendwo in der Nähe mit einer Hippiefrau und vier Kindern. Der Hippie hat Rastalocken und spielt mit den Kinder stundenlang auf dem Dorfplatz Fussball.

Gegenüber wohnt ein Bildhauer, auf der anderen Seite hat einer ein Atelier mit Schaufenster, mein Nachbar im Erdgeschoss ist auch Bildhauer, links ist eine Musikschule, drüben wohnt die Sängerin und deren Tochter spielt im Keller Schlagzeug. Ich mache auch Musik, elektronisch. Mein Nachbar oben baut Bühnen auf und wenn der nach 12 Stunden Arbeit nach Hause kommt hört er Hardcore. Ach so und da ist der Bunker um die Ecke, da üben hundert Bands. Es ist trotz allem TOTAL leise und mit den vielen Bildhauern auch irgendwie total romantisch. Auch wenn sie tagelang klöpfeln die Bildhauer und Holz klein schlagen, weil sie das für ihre Kunst brauchen. Nur die grölenden Penner stören und deren Hunde machen Lärm.
Hier sind sowieso überall Ateliers, bei Salzmanns ist alles voll damit, aber da wohnt keiner und das dollste ist, in der Haferkakaofabrik hat einer ein Atelier und der wohnt da.
Das ist nicht unbedingt so ungewöhnlich. In der Haferkakaofabrik geht das aber eigentlich nicht weil alles kaputt ist. Dach kaputt, Wände kaputt und in den Außenwänden noch Bombenkrater und Löcher vom zweiten Weltkrieg. Und dieser graugrüne Tarnanstrich. Das hat mir einer erzählt der es selbst gesehen hat, wie sie im Krieg, die Fabriken grau gemalt haben. Seit dem ist das so. Sieht Scheiße aus. Wird aber nicht geändert, steht alles unter Denkmalschutz, deshalb muss das wohl so bleiben, aber renoviert wird nichts, nicht in Kassel, hier hat man es gerne billig und Haferkakaofabrik, das würde teuer. Also bleibt alles so, wie es ist. Das heißt aber, in der Haferkakaofabrik kann man nicht wohnen, denkt man sich so, wenn man das alles sieht. Ich bin ja spießig, ich habe es gerne ein bisschen komfortabel.

Verdammt hoch die Decken da, verdammt kalt im Winter, verflucht riesig der Raum. Unglaublich riesig. Ein Klo hat er glaube ich nicht, fließend Wasser glaube ich auch nicht, Strom aber schon. Vor dem Atelier hat er eine Terrasse aus stabilen Holzplanken gebaut umgeben von mannshohen Brennnesseln. Das hat was, wenn man da sitzt. Nicht schlecht. Seine Bilder hängen überall in seinem Heim. Das hat auch was, aber man muss dass wollen, da zu wohnen und man muss wohl auch ein Mann sein. Das Atelier ist ebenerdig und vorne offen. Ich bin da mit einer Freundin rumgelaufen, sie hat mit dem Künstler geredet, ich habe mir die Bilder angeguckt. Ob er jetzt da noch wohnt, weiß ich nicht, ich muss mal nachgucken. Weil das geht eigentlich nicht, dass man da wohnt, weil alles kaputt ist, aber das mit dem Zelt, das geht ja eigentlich auch nicht.

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