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Noebels Bierdeckelkolumne

Die schönsten Ferienerlebnisse derer von und zu Bekannt und Komisch
Schon aufgefallen, wie sehr der Buchmarkt sich füllt mit Reiseaufsätzen mehr oder weniger kleiner Größen aus Showbusiness und Unterhaltungsindustrie? Ein bissel Neid ist schon dabei, wenn ich sehe, wieviel Zeit (vor allem Zeit) und Geld diese Scheinriesen aufbringen können, um in entlegene Winkel dieser Welt zu reisen, ihre Fans mit Büchern darüber zu beglücken und nebenbei die Reisekasse wieder aufzufüllen.
Da ist H.P.Kerkeling "...dann mal weg", um sich auf dem Jakobsweg Erleuchtung über das Eigenleben von Blasen an den Füßen zu erarbeiten und sich ausgiebig über trockene Landschaften und reichlich abstruse Wandergesellen auszulassen (das bloße Leben?). Roger Willemsen tritt seine "Afghanische Reise" breit und wundert sich auf jeder Seite, dass dieses Land Narben im Gesicht hat. Im Kasseler Schauspielhaus hat er live davon erzählt und mit seiner schabend getriebenen Stimme von weisen Männern berichtet, die Sätze sagen wie: "Ihr habt die Uhren und wir die Zeit." Farin Urlaub ("Die Ärzte") fährt in Urlaub, für ein halbes Jahr, mit Super-Landrover, macht mit seiner Luxus-Kamera Luxus-Fotos von Armut, Zerfall und dem Pittoresken des Anderswo und wundert sich darüber (im HNA-Interview vom 31.10.), dass "die" Inder, die "ja" keine Privatsphäre kennen, ihn, der eine Klopapierrolle in der Hand hat, beim Gang in den Busch begleiten. Ich denke mal, diese Rolle wird sie interessiert haben und nicht sein zwanghaft abgeschirmter Scheißhaufen. Der mit kinderfreundlichen Farben (Indien?) auf hochwertiges Papier (Bhutan?) gedruckte Fotoband kostet müde 98,-€. Erwähnt soll werden, dass Farin Urlaub das Honorar der auf 3000 Exemplare begrenzten Erstausgabe der Gruppe "Ärzte ohne Grenzen" zur Verfügung stellen will. Meldet sich hier ein gutsituiertes schlechtes Gewissen, verbunden mit dem naiven Wunsch, irgendwer wird sich schon kümmern?
Ja so bleibt das Fremde ziemlich fremd. Und da sich diese Entertainer nicht zwischen ernsthafter Recherche und leicht zugänglicher Unterhaltung entscheiden können, vermehren sie nur Witze und Anekdoten über das Andere im Fremden und umgekehrt. Das eigene Fremde, das sich selbst fremde, bleibt ihnen fremd. Einlassen fordert Mut, kostet Kraft und macht Angst.
Aber eingepackt in kleine Pointen verkauft sich selbst Xenophobie sehr gut, und das ohne sich zu entblößen. In der titanic 11/07 wird Guru Swami Durchananda gefragt: Ist Kerkeling nun ein guter Lehrer des Weges? "No, ...he's a sympathic person, but he knew, if he'd write a book, he would make a lot of flocks, you know?" Yes, I know.
Diese Ferienerlebnisse sind natürlich nicht zu vergleichen mit den Reiseberichten eines Ryszard Kapuscinski (Meine Reisen mit Herodot), mit den sensiblen Aufspürungen eines Hubert Fichte (Herzschlag außen) oder den analytischen Beschreibungen eines Paul Parin (Die Weißen denken zu viel). Aber das darf man wohl auch nicht erwarten. Sie bleiben im Kern nur Unterhaltung und werden deshalb reichlich Leser finden.
Einzig Helge Schneider fällt heraus aus dieser Reihe, der mit seinem teils kynischen, teils grotesken, teils albernem Sammelsurium "globus dei" (2005) die Reiseaufsätze prominenter Entertainer für alle Zeiten persifliert hat. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Vor über 10 Jahren hat mir übrigens der alte kretische Olivenbauer Giannis Papadakis (die Götter haben ihn seelig) gesagt: "Gott hat den Deutschen die Uhren gegeben und den Kretern die Zeit." Ich war gerührt und beeindruckt. Diese zutiefst sinnliche Unterscheidung der Griechen (und nicht nur der alten) zwischen 'chronos' (dem Zeitenlauf) und 'kairos' (dem Moment und Augenblick) wird sich als philosophische Grundwahrheit der Menschwerdung und des Menschseins nicht nur auf dieses Stück südliches Europa beschränkt haben. Und die Uhren, die wurden wahrscheinlich nur erfunden, damit alte Männer solche Sätze sagen können. Und zwar überall auf der Welt. Nö

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Kommentare

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Helmut am :

Klasse Text. Die kassel-zeitung abonniere ich jetzt. :)

Martin Reuter am :

Hätte mich Herr Schneider gefragt, hätt' ich "globuli dei" vorgeschlagen, aber er kennt mich natürlich nicht. - So aber dürfen wir von Hern Noebel Dinge erfahren, die wir sonst nicht mit der Zange angefasst hätten, gewissermaßen perverse Neuigkeiten, und uns an seiner Integration in die deutsche Sprache erfreuen.

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