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Mein Röntgenblick auf Bettenhausen - Teil 7 -

Warum die Klischees über Junkies am Ende doch stimmen und warum manche anders sind, als alle die sonst noch so da sind.....
Mein Röntgenblick auf Bettenhausen – Teil 7

Heute sieht es so aus als wolle ich ein paar Klischees auswalzen, aber unsere Bettenhausener Penner, die erfüllen irgendwie alle: Neulich ist nämlich der Kinderarzt angegriffen worden und dann der Getränkehändler vom Dorfplatzrand. Die Täter waren - soviel Klischee muss sein - Heroinabhängige mit einem Drogenbeschaffungsproblem. Der Kinderarzt und der Getränkehändler sind nicht zur Polizei gegangen, sagen mein Nachbarn und das finden wir Scheiße, meine Nachbarn und ich. Im tegut gegenüber stand ich nämlich neulich an der Obsttheke, beim Bioobst, als sich hinter mir zwei Besoffene stritten. Junge Dinger, weiblich, schlackerdürre, die nicht gut rochen und nicht besonders schnell sprechen konnten. Aber streiten ging noch, so ganz, ganz langsam und gelallt. Schnell weg, habe ich gedacht, schnell weg, dass gibt sonst Ärger. Als ich meinen Wagen voll hatte und alles durch die Kasse gelaufen war, war mein Geldbeutel weg! Scheiße! Das Klischee! Hat voll gepasst!
Die Junkies! Wer sonst!
Der Witz war, es war tatsächlich so. Ich war nämlich dumm genug, meinen Geldbeutel in die hintere Tasche meiner Jeans zu klemmen. Das merke ich, wenn das einer klaut, habe ich noch gedacht. Die Hose sitzt so eng, das geht gar nicht. Ging also doch.
Ich bin ohne Einkäufe nach Hause und habe die Polizei angerufen. Das ist hier wie bei uns im Stadtbad Mitte, sagt meine Nachbarin die Bademeisterin immer, im Stadtbad ist das wie Pizzataxi anrufen. Wir machen das jeden Tag. Das ist hier am Dorfplatz auch so, da hat sie recht.
Ich ließ also gleich meine Bankkarte sperren, Bargeld nehme ich ohnehin kaum noch mit, redete mit der Polizei darüber, ob ich meinen Ausweis nachmachen lassen muss und den Führerschein und wissen was los war wollten die Bullen natürlich auch. Ich erzählte, was und wen ich gesehen habe und dass ich einen Verdacht habe, aber nicht mehr.
Zwei Stunden später klingelte es an der Tür. Ich guckte zum Fenster raus und sah unten an der Haustür einen Mann und ein Kind, die zu mir hoch wollten. Ich habe runtergerufen, warum denn das und sie haben zurückgerufen sie hätten meine Geldbörse. Mir wurde ganz mulmig.
Ich ließ beide dann doch rein und in der Küche am Küchentisch unter der hellen Lampe sahen sie harmlos aus und waren es dann auch. Es war nämlich Zufall, dass Großvater und Enkel, gebürtig aus Kaufungen, in Kassel eingekauft und ein Portmonai im Biogenmüse gefunden hatten. In der obersten Reihe. Wie es aus meiner knallengen Hose dahin kam, kann nicht mehr festgestellt werden. Ich habe Opa und Enkeltochter Tee angeboten, die Enkelin wollte Saft, wir haben uns unterhalten und ich war glücklich, dass es so tolle Menschen gibt. Sie hatten meinen Ausweis gelesen - eine Adresse gegenüber vom tegut - und da der Opa wusste wo es war, sind sie gleich hin. Alles war noch da, sogar meine lächerlichen zehn Euro.
Die Junkies aber, das sagt einer, der auch immer da draußen bei ihnen sitzt, aber steinalt ist und kohleschwarz und ganz anders, die Junkies gehen zum Doktor K. in der Leipziger und holen sich ihr Methadon, klauen dann Schnaps und Zigaretten und saufen auf dem Dorfplatz.
Der, der steinalt ist, sagt dass er mit ihnen redet, aber nichts mit ihnen zu tun haben möchte, aber sie erzählen ihm immer was und dann hört er zu, oder er geht weg. Der, der steinalt ist, muss genauso oft aufs Klo, wie die die da saufen und immer in unseren Garten machen. Er macht das leider auch, aber immer nur unten an der Losse. Da ich dann aber schimpfe, haben wir uns kennen gelernt und reden manchmal miteinander. Er ist gehbehindert, hat eine Stock, wohnt an der katholischen Kirche und muss sich bewegen, weil sonst sein Bein wehtut.
Wenn ich die Bullen rufen, weil die Penner uns in den Garten pissen, uns anpöbeln und bedrohen, sage ich immer, der Schwarze, der hat nichts gemacht. Bei ihm mache ich immer eine Ausnahme, weil er anders ist – er ist eine Ausnahme - und einen Stock hat und deshalb darf der das. Den kennen wir alle, hat die nette Polizistin aus Waldau gesagt, der macht nie was, der ist ganz lieb, aber die Penner und die Junkies, die reden immer mit ihm, ob er das will oder nicht und dann sitzt er da irgendwie immer mittendrin.

Die Penner, hat die nette Polizistin gesagt, die haben eine Absprache mit dem Pfarrer von gegenüber und dürfen in der Kirche auf´s Klo und im tegut sowieso und auch im Praktiker an der Leipziger Strasse. Warum gehen die Penner nicht im tegut auf´s Klo habe ich den Alten gefragt, die dürfen das doch und müssen dann nicht bei uns in den Garten machen. Das versteh ich nicht, habe ich gesagt, die Polizei sagt denen doch jedes Mal sie sollen ins tegut gehen.
Da hat er gelacht der Alte. Geklaut habe die alle da, hat er erzählt, Schnaps und Zigaretten und die haben jetzt alle überall Hausverbot, die dürfen da nicht rein. Ich habe gestaunt, ob sie das glauben oder nicht – Klischee hin, Klischee her – meine Nachbarn, die Polizei und ich, keiner von uns wäre auch nur im Traum darauf gekommen, dass die Penner da alle nicht auf´s Klo KÖNNEN, weil sie Hausverbot haben.

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Kommentare

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Jürgen Leister am :

Bettenhausen hat eine Drogenszene wie (fast) jeder Stadtteil. Blöd wenn man gerade an dem Platz wohnt, wo sich alle fünf Junkies treffen. Der Artikel gefällt mir sehr gut, denn er beschreibt die Probleme, wie hilflos unsere Gesellschaft inzwischen mit ihrem Bodensatz umgeht.

Schade finde ich nur, das gerade jetzt wo sich in einem von der Stadt immer so sträflich vernachlässigten Arbeiterstadtteil so sich derzeit viel zum positiven bewegt, dieser für solche Geschichten herhalten muß, die an vielen anderen Orten genauso passieren.

Wir fragen uns deshalb auch: Wann zieht die Autorin endlich nach Willhelmshöhe ? (Am besten Bahnhofsnähe)

Helmut am :

In Wilhelmshöhe nehmen sie Drogen, die unauffälliger sind. Das ist der einzige Unterschied.

Martin Reuter am :

Wer ist wir?

Gertrud Salm am :

Tja, so ist es halt mit der Empirie, die will immer nicht so recht passen. Aber vielleicht macht die Autorin mal eine Liebeserklärung an Bettenhausen extra für Herrn Leister?

Helmut am :

Vorurteile sind evolutionär lebenswichtig (gewesen). So schnell schütteln wir die nicht ab ;)

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