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Noebels Bierdeckelkolumne

Anti-Raucher-Wahn
Wahn einerseits umschreibt eine intellektuelle Denkstörung (Psychrembel 256). Rauchen andererseits ist unbestritten ebenso ungesund. Für Betreiber und unfreiwillige Mitqualmer: Husten, Auswurf, Tod. Kinder sind besonders gefährdet, vor allem, wenn sie selbst schon rauchen.
Der Wahn im Titel bezieht sich deshalb nicht auf das Krankmachende am Qualmen, sondern auf das Kranke drumherum. "Reiht euch ein in die Nichtraucher-Einheitsfront" (lässt sich sogar singen), wäre ja im Prinzip o.k., dröhnt aber leider fast im Gleichschritt und mit einer solchen Psycho-Dynamik durch die EU, dass sowohl wesentlich Ungesünderes ebenso ausgeblendet wird wie Drängenderes überschwallt und überdeckt. Lasst uns doch probeweise mal den Abel erschlagen: den Raucher. Das Kainsmal des Versäumens, Unterlassens, Nichtentscheidens und des feigen Mordens steht uns eh schon auf die Stirn geschrieben: Klimaschutz, Feinstaubemission, Internetmissbrauch, Genforschung, Antisemitismus, Migrations-Vorder- und Hintergründe, Waffenexporte, Atommüllentsorgung, Arbeitslosigkeit, Rentensicherung, Vogelgrippe, Wettskandale, Doping, Bestechung, Rechtsradikalismus, Gammelfleisch, Lohndumping und European Song Contest. Das ist EU-Politik. Schmallippig verkündet Günther Verheugen ...schmallippig? ... Günther Verheugen? ... Keine Lösungen in Sicht, zu wenig Wille und kein Plan, sie zu finden.
Und wer sich (auch außerhalb der Politik) da so alles einreiht und mitmacht? Da sitzen Leute in einem Boot, ziehen an einem Strang, spucken in den gleichen Kübel, die sich bei anderen Gelegenheiten nicht angesehen oder gleich nach dem Händeschütteln dieselben gründlich gereinigt haben. Das wundert mich schon.
Was mich indes nicht wundert - denn Kapital ist geil aufs Vermehren - sind die gleichzeitig zu beobachtenden und trotz aller Verbieterei einträglichen Versuche, damit auch noch Geld zu verdienen. In der ZEIT Nr. 16 vom 12.04.2007 war zu lesen, dass der texanische Finanzmanager Dan Ahrens mit seinem Vice-Fund auf die Krisenbeständigkeit der menschlichen Laster Tabak, Alkohol und Glücksspiel setzt (in guter US-Tradition) und dabei eine jährliche Wertentwicklung von 17,7% in den letzten drei Jahren erzielte. (Auch nachzulesen unter ZEIT-online-Finanzen) Was mich jetzt interessiert ist, wieviele der Anti-Rauch-Päpste dort wohl ihr Geld anlegen? Nö

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HAL am :

hab nicht wirklich verstanden, worum's ihnen ging, finde aber die wirre aufgebrachtheit anziehend. das ist mal eine "inszenierte aufregung" nach meinem sinn.

max goldt läßt ja einen raucher antworten, dem eine außer sich geratene kämpferin wider den rauch zuruft: "ich will LEBEN", "wozu?"!

Achim Frenz am :

Leider wurde der verkürzt zitierte Text fälschlicherweise Max Gold zugeordnet. Der Autor ist aber Wiglaf Droste!!! Ordnung muss sein, deshalb ungekürzt:

Die Frau, das Gesundheitswesen

U-Bahnhof Bayerischer Platz in Berlin Schöneberg, nachmittags halb fünf.
Eine Frau um die 40, alternativen Reformhauscharme abstrahlend, lässt ihren
rügenden, verärgerten Blick auf einem Proleten Mitte 50 liegen, der,
offensichtlich gerade von der Schicht kommend, trotz des in U-Bahnhöfen
üblichen Rauchverbots ein Zigarettchen schmaucht.

"Sie, hier ist Rauchverbot!" fährt die Frau ihn an, aber er pafft weiter,
kuckt nur stumm, was die Buntgekleidete um so mehr in Rage versetzt. Er habe
hier nicht zu rauchen, giftet sie weiter, erfolglos, und dann steigert sie
sich in eine Arie hinein: Ihr sei es egal, wenn er sich ruiniere, und wenn
er Selbstmord auf Raten begehen wolle, bitteschön, aber nicht auf ihre
Kosten.

Der dergestalt heftig Angegangene schweigt weiter hartnäckig, und so
schwingt die unheilbar gesunde Frau sich auf zum Finale: Sie wolle leben,
"Ich will leeeben! Leeeeeeben!" dröhnt es jetzt wie André Heller, Erika
Pluhar, Konstantin Wecker, Klaus Hoffmann und Milva gleichzeitig aus ihr
heraus, und, noch immer rauchend und mit befremdeten Blick, gibt der Prolet
nur kurz und trocken zurück: Wozu?"

Manchmal ist die blöde Arbeiterklasse eben doch noch unschlagbar.

Aus: Wiglaf Droste
"Am Arsch die Räuber",
Edition Nautilus, 1993

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