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Die junge Schöne und der Hundemann

Freitag, später Nachmittag im Sommer. Direkt vom Büro aus ist der Hundemann auf dem Weg zu einer Veranstaltung in der Nähe des Wehlheider Kreuzes. Der verschärften Öko-Fraktion soll für ihre Bemühungen für eine grüne, lebenswerte Stadt eine offizielle Ehrenplakette durch eine Vertreterin des Magistrats überreicht werden. Der Hundemann schlendert an der Ing-Schule vorbei und kürzt über die Wiese Richtung Ziegelstraße ab. Auf der Wiese steht eine junge, sehr attraktive Frau südländischer Erscheinung, an der Leine ihr Hund.
Der Hundemann fasst seine alte Hundedame etwas kürzer, weil sie so eine schreckliche Leinenkläfferin ist. Die junge Frau spricht den Hundemann an, ob sein Hund ein Mädchen sei, was der bejaht. "Na, dann kann es ja hier nicht so dramatisch werden", sagt die junge Schöne. "Nee", bestätigt der Hundemann. "Auf Jungs hat sie schon lange keine Lust mehr."

Die junge Schöne erzählt dem Hundemann, ihr Kleiner sei ein Deckrüde. "Der verdient sein eigenes Geld." "Wie jetzt?", fragt der Hundemann. "Ich habe eine großes Haus mit Garten und da kommen dann ab und zu mal Hundebesitzer mit ihren Hündinnen vorbei und dann geht's los", sagt die junge Schöne.
"Und woher wissen die von ihrem scharfen Stecher?", fragt der Hundemann ein bisschen ungläubig. "Ebay", sagt die junge Schöne. "Aha", sagt der Hundemann und denkt: "Verdammt geschäftstüchtig, das Mädchen." "Jetzt sind Sie aber hier in Kassel", sagt er. "Ja, wir sind quasi auswärts zum Decken auf Hausbesuch", sagt die junge Schöne. "Und in der Zeit arbeite ich hier in Kassel als Domina."

Der Hundemann guckt die junge Schöne an. "Kein Scheiß, jetzt?", fragt er. "Nee, kein Scheiß", sagt sie. "Hier um die Ecke habe ich mein Zimmer." Die junge Schöne erwähnt eine einschlägig bekannte Adresse.
Nachdem sich die Hunde auf der Wiese ein bisschen beschnuppert haben, gibt's keinen Grund mehr für Hundezickenalarm. Die junge Schöne geht langsam los in Richtung ihres Zimmers. "Wenn es für Sie okay ist, gehe ich noch ein Stück mit. Ist meine Richtung", sagt der Hundemann. "Gerne", sagt die junge Schöne. Beim Gehen berichtet sie über ihr Geschäft und die Schwierigkeiten, die heute damit verbunden sind.

"Früher, als die Frauen noch einen 'Bockschein' brauchten, lief das alles korrekter", sagt die junge Schöne. "Heute kommen scharenweise Mädels aus Osteuropa, machen es ohne Gummi für wenig Geld und setzen damit auch uns unter Druck." "Wie setzen die Sie denn unter Druck?", fragt der Hundemann. "Naja, wenn die Freier es überall für günstig ohne Gummi machen können, erwarten sie das natürlich auch von uns. Und wenn wir das nicht machen, bleiben sie weg oder gehen woanders hin. Und wenn die Freier sich bei denen was holen, können wir damit auch Probleme kriegen. Das ist einfach auch eine Hygienefrage", sagt die junge Schöne.
"Die Frauen aus Osteuropa kommen hier her, stecken sich mit irgendwas an, und geben das dann an jeden Freier weiter, der ohne Gummi will. Und so weiter, und so weiter. Wenn Sie mich fragen: Das ist Völkermord, was da gerade abgeht."
Dann erzählt sie von fantastischen Zeiten und respektvollen Freiern, als sie in Dubai und Libyen gearbeitet hat. "Wie sind Sie an diese Jobs gekommen", fragt der Hundemann. "Ich spreche arabisch, da kommen solche Angebote auf einen zu. In Libyen habe ich sogar für den Gadaffi-Clan gearbeitet."

Das Telefon der jungen Schönen klingelt. Ein Kunde. Damit der Hundemann die Verhandlungen nicht komplett mitbekommt, bleibt sie sie ein paar Schritte zurück. "Hundertfünfzig", sagt sie irgendwann ins Telefon. "Okay, bis dann", beendet sie das Gespräch und schließt wieder zum Hundemann auf.
Zehn Jahre ist sie jetzt im Geschäft, berichtet die junge Schöne. "Mit 29 kann man schon mal ans Aufhören denken", sagt sie. "Wissen Ihre Eltern von Ihrem Job?, fragt der Hundemann. Sie bejaht.
"Was ist ihr Plan?", fragt der Hundemann. "Nächstes Jahr will ich das an den Nagel hängen, eine Ausbildung zur Bürokauffrau und den Führerschein machen."

Die junge Schöne und der Hundemann biegen von der Ziegelstraße auf die Schönfelder. "Falls ich gleich nicht mehr mit Ihnen rede, wenn wir da am Imbiss vorbeikommen: Mein Vermieter sitzt oft da vorne und ich mag es nicht, wenn der so etwas mitbekommt", sagt die junge Schöne. "Ich gebe Ihnen mal meine Telefonnummer. Sie finden mich auch bei kaufmich."
Die junge Schöne und der Hundemann verabschieden sich. Er bedankt sich für das offene Gespräch und wünscht ihr alles Gute für die Zukunft. Dann trennen sich ihre Wege. Sie geht zu ihrem Zimmer, der Hundemann zur "seiner" Öko-Fraktion.

Einige Wochen später liest der Hundemann in der Zeitung, dass die einschlägig bekannte Adresse Tatort eines Delikts wurde. Eine 29-jährige sei von zwei Männern ausgeraubt worden. Der Hundemann versucht die junge Schöne anzurufen. Das Telefon scheint "abgeklemmt". Er ist in Sorge...

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eWolf am :

Tja, haste`n Hund, kennste keine lange Weile, aber jede Menge Leut...

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