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Rollstuhlschieber und Hundemann

Wilhelmshöhe, 12.30 Uhr, blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, Kälte. Jung und Alt zieht es nach draußen.
Ein Mann kommt mit seinem Hund den Fußweg vom Besucherzentrum runtergelaufen. Vom Weg links, oberhalb des Straßenbahndepots, sieht er ein Pärchen kommen, das langsam auf die Weggabelung zuläuft.
Vor dem Pärchen schiebt ein leicht humpelnder Junge...
... – oder ein Mann; so deutlich ist das auf die Entfernung nicht zu erkennen – einen Rollstuhl. Der Junge/Mann biegt mit seinem Rollstuhl auf den Fußweg ein, der parallel zur Wilhelmshöher Allee verläuft, und schiebt jetzt bergrunter.
Es fällt ihm schwer, seinen Rollstuhl auf Kurs zu halten. Immer wieder schiebt er ihn mit einem Rad auf der Grasnarbe entlang.
Der von oben kommende Hundemann passiert die Weggabelung und guckt dem Rollstuhlschieber hinterher.

Er denkt, das Pärchen gehöre zu dem Junge/Mann und sie haben ihn schon mal vorlaufen lassen. Hinter der Weggabelung wartet der Hundemann kurz und guckt, ob das Pärchen auch kommt, um "ihrem" Rollstuhlschieber zu folgen.
Doch da kommt keiner. Der Hundemann geht ein paar Schritte bergauf. Das Pärchen ist nicht mehr zu sehen und auch sonst weit und breit niemand, zu dem der Rollstuhlschieber gehören könnte.

Der Hundemann stellt sich vor, dass der humpelnde Rollstuhlschieber seinem Heim entflohen sein könnte, nun nicht mehr weiß, wo er hin gehört und jetzt seinen Rollstuhl desorientiert durch die Gegend schiebt.
Kurz überlegt der Hundemann, wo er anrufen könnte, um den "Vorfall" irgendjemandem zu melden. Schließlich kann das hier nicht mit rechten Dingen zugehen.

Anstatt einen Anruf beim Polizeipräsidium abzusetzen – was besseres ist ihm tatsächlich nicht eingefallen – und einen sonntäglichen Polizeieinsatz zu forcieren, beschließt der Hundemann, einen Zahn zuzulegen, den Rollstuhlschieber einzuholen und sich einen Eindruck zu verschaffen, ob alles okay ist.

Als er ihn einholt, guckt er zu ihm rüber und fragt, wo es denn hingeht. "Mundus", sagt der Rollstuhlschieber kurz angebunden.
Er stellt sich als ein älterer Herr heraus, kein Junge. Auf der Sitzfläche seines Rollstuhls liegt sein Rucksack und ganz rechts an der Seite klemmt sein Gehstock.
Der Rollstuhlschieber ist sehr schwer zu verstehen. Die beiden Männer versuchen, so gut es geht, ins Gespräch zu kommen. Der Hundemann sagt: "Ich gehe ein Stück mit Ihnen." Der Rollstuhlschieber signalisiert ihm, dass das für ihn okay ist.

"Da drüben wohnen Sie", sagt der Hundemann, als die Seniorenresidenz ins Blickfeld kommt. "Dann müssen wir jetzt hier über die Straße gehen." "Ja", sagt der Rollstuhlschieber.
Zusammen warten sie an der Fußgängerampel.
Dabei kann der Hundemann den älteren Herren genauer betrachten. Seine Haut und seine Augen sind dunkler, als man es von vielen anderen Menschen dieses Alters gewohnt ist.
"Von wo kommen Sie?", fragt der Hundemann. "Iran", gibt der Rollstuhlschieber kurz und knapp zurück.

Die beiden sprechen so gut es geht miteinander. Der Rollstuhlschieber fragt den Hundemann, ob er den Iran kenne. "Nur von der Landkarte", sagt der.
Plötzlich fängt der Rollstuhlschieber an, zu erzählen. Der Hundemann versteht so gut wie nichts. Leider.
Er fragt den Rollstuhlschieber zwischendrin, ob er nach der Revolution nach Deutschland gekommen sei. Dabei fällt auch der Name Chomeini.
Wieder setzt der Rollstuhlschieber zum Erzählen an. Wieder versteht der Hundemann so gut wie nichts. Und ist doch sicher, dass es da eine interessante Geschichte zu entdecken gäbe.

Sie schieben bzw. gehen ein Stück weiter, dann fragt der Hundemann ihn nach seiner Familie. "Zwei Kinder", sagt der Rollstuhlschieber knapp. Und dass er seit zwei Jahren in der Seniorenresidenz lebt.
Langsam gehen die beiden Männer auf deren Eingang zu.
"Hier sind Sie zuhause", sagt der Hundemann. "Ja", sagt der Rollstuhlschieber.
Der Hundemann wünscht dem Rollstuhlschieber alles Gute.
Zum Abschied schütteln sich die beiden Männer die Hand.

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Kommentare

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VB am :

Schöne Geschichte!
Bei nochmaliger Begegnung mit Menschen aus Iran, lass das Stichwort "Hafis" fallen. Das ist ein sehr bekannter und beliebter persischer Dichter aus dem Mittelalter (West-östlicher Diwan). Damit kommst Du fast immer zwanglos ins Gespräch.

MR am :

...die sinologische Linksmorgenländerei unseres Jahrhunderts: »flüchte du, im reinen Osten Patriarchenluft zu kosten«: J. W. v. Goethe, West östlicher Divan (1819), Hegire 3/4, der auch seinen Ho oder Che hatte: Hafis. Wer nicht »ohne Angst anders sein« (Adorno) kann, muß mit Angst woanders sein: er muß im Kampf ums Dabeisein möglichst weit weg dabeisein. Es empfiehlt sich, den Exotismus des Westens, der sich als Ethnologie etabliert, zusammenzusehen mit diesem immanenteren Exotismus, der zunächst als mythologische Morgenländerei auftrat: diese zerfällt gegenwärtig in Maoismus und Tourismus. (Odo Marquard in alten Zeiten)

Anonym am :

"sinologisch"??? Wo bleibt die Orientierung, wenigstens im geographischen Sinn? Hauptsache abwegig.

MR am :

Der Schwerpunkt liegt wohl auf "Linksmorgenländerei" und dem Weg von "Hafis" zu "Che". Aber man könnte Marquard ja fragen, er lebt grad noch. - Diesen süffisanten Textausschnitt von ihm als "Hauptsache abwegig" zu bezeichnen, ist ja wieder trollig!

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