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Fahrplanwechsel 2013/2014: Ostwestfalen abgehängt und Gefrickel bei der Kasseler Straßenbahn

Am 15. Dezember 2013 fand der (mittlerweile europaweite) Fahrplanwechsel im öffentlichen Verkehr statt. Einige der tiefen Spuren, die dieser Wechsel hinterlassen hat, waren schon wochenlang im Voraus beim NVV zu erfahren und zu kommentieren – auch wenn etliche Anmerkungen von Seiten des Nordhessischen Verkehrsverbundes unbeantwortet geblieben sind. Die Tatsache, dass die Verbindung zwischen Ostwestfalen und Nordhessen, Warburg und Hofgeismar/Kassel immer weiter ausgedünnt ist, war beispielsweise keine Antwort wert. Andere Änderungen, vor allem innerhalb des Stadtgebiets Kassel, sind kurz vorher lediglich kommuniziert worden – im Gegensatz zum NVV lässt sich die Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG) nichts (nicht viel?) von den Fahrgästen vorschlagen (zumindest wird keine Rückmeldemöglichkeit beworben). So wird exemplarisch der Nord-Süd-Reisende innerhalb der Stadt vor die vollendete Tatsache gestellt, dass es ohne Umstieg oder längere Fußwege nicht mehr „geht“.
„Der große Graben“

Zwischen Ostwestfalen und Nordhessen verkehren seit dem Fahrplanwechsel keine RegioTrams mehr, sondern nur noch die Regionalzüge aus Hagen sowie Paderborn. Damit gibt es sowohl morgens als auch abends eine deutlich frühere „Sperrstunde“: ab 21 Uhr geht nichts mehr, in beiden Richtungen. Das betrifft dabei nicht nur Warburger, die bislang gerne das Kasseler Nachtleben genießen konnten – um 22 Uhr mit der RT nach Kassel, ab 4 Uhr früh wieder zurück – sondern auch Reisende generell aus Westfalen. Vom Ruhrgebiet gibt es zwei Hauptverbindungen nach Kassel, über Wuppertal/Hagen oder Dortmund/Hamm/Paderborn. Letztere ist äußerst verspätungsanfällig, so dass zum Teil selbst Umsteigezeiten von über 20 Minuten nicht ausreichen. Bis zum Fahrplanwechsel existierte mit der späten RT aus Warburg immer noch eine „Rückfalllösung“ für den Fall der Fälle, nun strandet der Reisende ab 21 Uhr in Warburg. Da ist es nur ein schwacher Trost, sich ggf. nach Hofgeismar-Hümme durchzuschlagen und von dort mit der RT noch nach Hause zu kommen. (Für Wanderfreunde keine Alternative: Die Streckenlänge beträgt mehr als 20 Kilometer, entsprechend vier Stunden Laufzeit.) Mit dem ICE (DB Fernverkehr) lässt sich für ein Vielfaches an Geld und Zeit Kassel noch über Hannover erreichen.

Ein weiterer Kritikpunkt – die Verbindung von Willingen nach Kassel – soll laut NVV-Ankündigung mit dem nächsten Fahrplanwechsel behoben sein: Sonntags sowie im Spätverkehr gibt es aktuell einige durchgehende Fahrten von Willingen nach Kassel. Dazwischen dauert allerdings mit zweieinhalb Stunden via Warburg (und damit außerhalb des NVV-Gebiets) oder mehr als drei Stunden via Korbach sehr lange. Dies liegt nur daran, dass in Korbach leider kein Anschluss zwischen beiden o.g. Linien besteht, d.h. die R55 nach Willingen verlässt Korbach 7 Minuten, bevor die R4 aus Kassel dort ankommt. In Gegenrichtung sind es bis zu 48 Minuten, da der Zug aus Willingen in Korbach 12 Minuten später ankommt, als der nach Kassel abfährt. Hoffen wir, dass es der Ankündigung nicht wie der Haltestelle „Scheidemann-Platz“ ergeht (s.u.).

Zwischen Holländischer Straße und Wilhelmshöhe mehr Bahnen – und auch weniger

Aus einer Mail an die KVG (über das Kontaktformular abgesendet und bis heute unbeantwortet) im November:

trotz einiger „zu schluckender Kröten“ (in der Schwachverkehrszeit keine durchgehenden Nord-Süd-Fahrten der Tram 5 – zwecks Auslastung der RT 3/4) nehme ich ihre Bemühungen zur Kenntnis, die Fahrgastkapazitäten auf der Holländischen Straße auszubauen. Allerdings erscheint mir fraglich, wie sie mit dem nun als Vorschau vorgestellten Angebot auch in Zukunft der immensen Nachfrage wochentags zwischen 19 und 21 Uhr, samstags nachmittags bis in den Abend hinein sowie sonntags (nach-) mittags Herr werden möchten. Oder sind zu diesen Zeiten auch Fahrten der Tram 1 in Doppeltraktion bzw. mit Anhänger geplant? Die aktuelle Situation mit hoffnungslos überfüllten und regelmäßig verspäteten Bahnen zu den genannten Zeiten ist für mich als Fahrgast jedenfalls alles andere als angenehm. Was nützt mir dann die 5-Minuten-Garantie, wenn ich am Bahnhof Wilhelmshöhe eine knappe Stunde in der Kälte stehen darf? (Führe doch nur die RT5 in die Holländische Straße, gäbe es wenigstens noch eine (halbwegs schnelle) Alternativverbindung via Bahnhof Wilhelmshöhe in den Kasseler Süden …). Da der Fahrplan allerdings wohl schon geplant ist, kommen meine Anregungen für 2014 zu spät, daher drücke ich ihnen die Daumen, dass sich ihr Verkehrskonzept in der Holländischen Straße bewährt und nicht „überrannt“ wird.

Dazu kommt, dass der Ersatz der Tram 5 durch die RT in der so genannten Schwachverkehrszeit (SVZ) gleich in mehrfacher Hinsicht merkwürdig ist:

  • Im Straßenbahnnetz werden mehr RegioTram-Fahrzeuge benötigt im Vergleich zu einer Innenstadt-nahen Wendehaltestelle, zugleich müssen auf der Tram 5 Zweirichtungsbahnen für die Wende am Königsplatz eingesetzt werden. Was wird daraus, wenn die Innenstadt (mal wieder) gesperrt wird?
  • Zu den Umsteigeknoten um :15 und :45 stehen nun vier Bahnen am Königsplatz hintereinander. Diese über 100 Meter lange „Wand“ erfordert noch längere Wege zwischen den Bahnen beim Umstieg, außerdem können immer nur zwei Fahrzeuge gleichzeitig barrierefrei betreten oder befahren werden. Das dürfte sich nicht unbedingt positiv auf die Pünktlichkeit auswirken.
  • Die Holländische Straße musste für die breiteren RT-Fahrzeuge (2,65 statt 2,40 Meter) umgebaut werden, während die vor einigen neu gebaute Haltestelle „Scheidemann-Platz“ nun (in Richtung Lutherplatz) einen Bahnsteig hat, der kaum noch angefahren wird. Am Geld für Bauten scheint es daher nicht zu mangeln. Oder die RT diente nur als Vorwand zum Ausbau für die zukünftige Beschaffung breiterer Straßenbahnen.
  • Als diskutiert wurde, die Linie 8 aus der Leipziger Straße in die Holländische zu verlegen, argumentierte die KVG, dass es mit/trotz den RTs zu einer Angebotsverschlechterung käme, weil die Fahrten nicht die 8 ersetzten. Die RT in der Holländischen Straße wird nun allerdings als „zusätzliche Tramlinie“ beworben. Und in der SVZ … siehe oben: Ersatz einer Tram-Linie oder in den Worten des NVV,

    Damit entsteht zwischen Obervellmar und Holländischer Straße über Hauptbahnhof und Königsplatz ein Fahrangebot, wie man es sonst von der Tram in Kassel kennt!

Doch trotz doppelt so langer Straßenbahnzüge und der RT zur Entlastung der Holländischen Straße muss man den KVG-Planern eines lassen: Sie haben recht elegant in der Tat die Anzahl an Fahrten in der Königsstraße reduziert. Da die RT 5 nun zum Auestadion fährt und in der Hauptverkehrszeit die Linie 1E entfällt, sind dies sechs Fahrten pro Stunde weniger. Mit dem 15-Minuten-Takt auf den RT3/4, entsprechend vier Fahrten pro Stunde, sind dies in Summe zwei Fahrten weniger. Die Tram-Hasser in der Innenstadt sollten sich über diesen Streich freuen. Die Wilhelmshöher Allee schaut allerdings in die Röhre, denn dort kann kein Fahrgast zusätzlich transportiert werden. Da bislang auch nur jede zweite Fahrt in so genannter Doppeltraktion verkehrt, ist dies eine reale Angebotsverschlechterung.

Zum Schluss

… noch eine gute Nachricht für die Traditionalisten in Kassel: Samstags nachmittags schließen für die KVG die Geschäfte in der Innenstadt immer noch um 16 Uhr. Ab dann beginnt der SVZ-Halbstundentakt, die Vellmarer und Nordstädter werden sich daher weiterhin sehr nahe kommen (menschlich, in der Bahn) und auf ihre Anschlüsse hoffen.

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Kommentare

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Robert am :

Auch sehr schön in der Holländischen Straße (der Achse mit wohl den meisten Fahrgästen): Wenn in der SVZ die RT ausfällt, wird diese Störung direkt ins Tramnetz weiter gereicht, denn dann verkehrt nur noch die Linie 1 – und zwar im Halbstundentakt.

Anonym am :

Ist die SVZ die Sowjetisch Versetzte Zone, oder was?

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