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Pannentag

germanische Alltagskatastrophen
Morgens schien die Sonne. Der samstägliche Tatendrang wurde bereits in Listen überführt. Die Hauptsünden hatten Aussicht auf absolutionsfreie Erledigung:
1. Kindergeschäft: Für den Kleinkindergarte Mäusenest in Bad Wildungen die Tischchen für die TriTraps besorgen (seit 6 Monaten überfällig).
2. Möbelhaus: Regale für das Mäusenest besorgen (seit 6 Monaten überfällig).
3. Danach glücklich sein und eine ungesunde, aber zwingend notwendige Mahlzeit für 1 € im Möbelhaus einnehmen und ein noch viel schlimmeres Getränk.
4. Oma besuchen und danach ins Altenheim gehen.

In der Tiefparkgarage am Friedrichsplatz fahre ich vorsichtig um die Ecken und sehe lauter Autos, die so blödsinnig geparkt sind, dass der freie Parkplatz daneben nicht mehr benutzbar ist. Da will einer rückwärts raus, ich warte. Er kann nicht, ich muss ein wenig Platz machen. Rückspiegel. Ich fahre vorsichtig nach hinten. Rumms. Ich gucke nach hinten und sehe nichts. Ich steige aus. Meine Stoßstange grenzt an ein sehr tief gelegtes Auto, das einige Schrammen bereits vorweisen kann. Ich entschuldige mich und frage, was wir jetzt tun sollen in der Hoffnung, dass der Mensch mit dem geflammten Auto samt abgerubbelten Stellen sagt: „ Ach ja, wissen se, das machts auch nicht mehr.“ Stattdessen sagt er: „ Versicherungen austauschen und dann sehen wir.“ Ich schaue mir das Auto an und kann nichts feststellen. Bei mir auch nicht. „Nun fahren Sie mal weg hier, die Anderen wollen auch vorbei,“ herrscht er mich an. Wir fahren auf Parkplätze. Ich greife die Versicherungskarte und gehe zu ihm. „Ich hab Sie nicht gesehen im Spiegel;“ will ich mich entschuldigen. „Sie hätten sich umdrehen müssen“, raunzt er schon wieder. „Ich war Fahrlehrer, ich weiß das.“ Ich hatte mich nach dem Rums umgedreht und ihn auch nicht gesehen. Seine Frau bleibt ihm Auto sitzen, wir gucken uns die rot gespritzte Vorderseite an und die mit Flammen verzierte Kühlerhaube. Bei soviel Schrammen kann ich kaum sagen, ob da was neu ist. Ich sage ihm nicht, dass ich in einer Autowerkstatt gearbeitet habe und genau für die Spritzereien zuständig war. Aber ich angele in meiner Riesentasche den Fotoapparat heraus und mache Fotos. Nun wird er freundlicher. „ Ja, kann ja mal passieren. Es könnte ja etwas an der Lichtaufhängung sein. Ich lass das begutachten, wenn nichts ist, melde ich mich nicht bei ihrer Versicherung.“ Ich entschuldige mich bei ihm und seiner weiblichen Begleitung für die Zeit, die ich ihnen gestohlen habe und gehe los. Auf der Königsstraße stehen golden und silbern geschminkte Männer bewegungslos. Eine türkische Familie amüsiert sich königlich und gibt dem goldenen Mann immer mal wieder Geld, damit er sich bewegt. Ich habe eine Menge Kleingeld in der Tasche, damit muss ich aber die Parkkarte bezahlen. Das Kindergeschäft ist jetzt ein Billiggeschäft, der Besitzer, der gerade Rollkoffer in den Eingangsbereicht stellt, weiß nicht, wo der Kinderladen hingezogen ist.
Auf dem Hinweg hielt ich die Parkkarte zwischen den Fingern, auf dem Rückweg am Königsplatz vermisse ich sie plötzlich. Die geräumige Tasche wird durchgewühlt, auf einem Bistrotisch unter den interessierten Augen eines älteren Passanten durchwühlt, die Karte ist weg. Ich gehe zurück, keine Karte. Ich gehe zum Parkhaus. Keine Karte. Der Parkhauswächter meint: „Schlimm, schlimm, die schlechte Nachricht, das kostet eine Tageskarte, also 15 €.“ „Waaaaaas????“ „Die gute Nachricht, zehn Euro bekommen sie als Parkkarte zurück.“ Er verneint, dass ich mit Sparkassen-Karte bezahlen kann, aber es gäbe einen Automaten ganz oben im Einkaufszentrum. Ich begebe mich in Einkaufszentrum, gehe eine Treppe hoch, betrete zwei Rolltreppen hintereinander und finde den Automaten. Wieder zurück braucht es etwas Zeit, der Kollege muss mit einem kleinen Elektrofahrzeug zum Schalter fahren und eine Karte ziehen. „Wer verliert den häufiger die Karte, Frauen oder Männer.“ „Ohh“, antwortet der rundlichen Aufpasser, “ das sind doch häufiger die Männer. Frauen mit ihren Taschen kramen lange und in Panik, finden sie aber. Männer verlieren sie. Und das Interessante, sie sind es nie gewesen, immer ist ein Anderer Schuld.“
Mein Blutdruck scheint mir in unmessbaren Höhen, ich atme gut durch und gehe endlich zum Auto. Nun also zum Möbelhaus. Ich bin gewarnt. Vorsicht, heute kann es schief gehen. Ich kenne das schon, die Dinge melden sich, bevor ich sie verliere oder etwas kaputt geht. Beim Möbelhaus muss man ins offene Parkhaus, ich fahr lieber in die Tiefgarage, aber sei’s drum. Vorsicht beim Einparken, da will wieder jemand weg. Den Kopf wenden, nach hinten schauen. Eigentlich will ich gleich wieder raus. Es ist ungeheuerlich, wie viel Menschen in dieses Möbelhaus passen. Aber ich muss zwei Regal kaufen und dann noch ein Abfallsystem für die Küche und dann wär da ja auch noch der Wasserhahn, der ist durchgerostet und für das Bett wär eine Decke auch nicht schlecht. Plötzlich weiß ich nicht mehr, ob ich zwei oder ein Regal kaufen soll. Ich kaufe zwei. Wieder stehe ich in der falschen Schlange. Und ich habe die Kundenkarte des gemeinnützigen Vereins zuhause vergessen, obwohl ich sie heute morgen unterschrieben und bereit gelegt habe. Mit meinem Kleingeld kann ich noch die Speise kaufen und das Getränk, das verbotene. Die Putzfrau wieselt um die Tische herum und wischt die Speisereste vom Tisch. Dann kommt sie mit einem Kehrblech aus Plastik am langen Stil (Dreckschäufele und Bäsele) und fegt die Speisereste vom Boden. Mich lässt sie aus. Im Parkhaus weiß ich nicht mehr, ob ich im ersten oder zweiten Parkoberdeck stehe. Also mit Wagen, den Regalen und dem Wasserhahn in den zweiten Stock. Bestimmt bin ich wieder falsch. Stimmt. Mit mir ein junges Päarchen, die auch. Im 1. Stock das Auto, unübersehbar, nun aber aufpassen auf den Transportwagen, die geben gerne hässliche Schrammen in anderleut Autos. Alles verstaut, da fällt mir ein, dass ich noch einen Katalog versprochen habe mitzubringen. Wieder zurück, Katalog und ein Eis geholt, vorher in die Schlange gestellt. Ganu vorne angekommen, sehe ich, dass die zweite Verkäuferin genau das Selbe anbietet, aber kaum Kunden hat. Dann nach Hause. Plötzlich schmerzt mich die Verlängerung des Rückens links, anhaltend. Ich habe eine Abendverabredung zum Filmgucken. Schnell noch zu Oma und ein wenig parliert. Das Altenheim lasse ich heute ausfallen. Den Verabredeten erreiche ich nicht. Als ich ihn erreiche, brüllt er in den Hörer, er hätte es endgültig satt, nie würde ich sagen, wann ich komme. Ich würde ihm seinen ganzen Tag vergiften. Ich lege auf. Zwei Stunden später rufe ich noch mal an, ob es jetzt genehmer sei. Es ist. Wir sehen einen thailändischen Film übers Sterben an. Genau.

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Kommentare

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Wolfgang Ehle am :

Scheiss Tag!

Martin Reuter am :

Männer mit Schrottkarren versuchen Kohle aus dem kleine Bums zu machen, während Frauen sich zu entschuldigen versuchen; wozu haben wir denn die letzten 30 Jahre gehabt?

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