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Wie genau muss eine Kopie sein? Was heißt detailgenau aufgebaut?

ALt versus NEU
Norbert Witte schreibt auf der Homepage der Stadt Kassel, dass die Fassade des Henschelhauses zwar abgebrochen, aber im Zuge des Neubaus jedoch wieder detailgenau aufgebaut wird! Anhand der Bildmontage und der Pressemitteilung des Arbeitskreises Denkmalschutz scheint das aber leider nicht zu stimmen. Anscheinend soll das neue Gebäude in der Höhe gestreckt werden um mehr Verkaufsfläche im Inneren unterzubringen.

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Der Arbeitskreis für Denkmalschutz schreibt dazu: "Die angekündigte „Rekonstruktion“ der historischen Fassade ist lediglich eine deutlich höhere Nachahmung in stark veränderten Proportionen. Das einzig Bedeutende und Schützenswerte, das nach dem Abbruch überhaupt noch einen Fassadennachbau rechtfertigen könnte, geht damit endgültig verloren: nämlich die Überlieferung der historischen Höhen­verhältnisse und Proportionen.

Zudem werden sogar verschiedene historische Zustände willkürlich miteinander vermischt: Während die Vervielfältigung der drei erhaltenen Kopfplastiken, der Rückgriff auf die Farbgebung von 1923 und der Einbau von Holzfenstern eine Wiederherstellung des Original­zustands vortäuschen, werden dagegen entscheidende Veränderungen von 1955 bei­behalten, die z. T. sogar im Widerspruch zu den genannten Maß­nahmen stehen. Zusammen mit der geplanten Höhenstreckung, die auch weitere Änderungen an Details und Profilen nach sich zieht, entsteht damit eine dreifache Chimäre, die mit der vorgetäuschten Authentizität nichts mehr gemein hat und anscheinend nur darauf abzielt, den allgemeinen Unmut in Kassel zu besänf­ti­gen.

Hier hätte es nur zwei Alternativen geben dürfen: zum einen eine getreue Rekonstruktion (entweder des Zustands von 1923 oder des heutigen Zustands), zum anderen ein völliger Neubau in modernen Formen – der dann allerdings die Preisgabe des in Kassel beliebten Kulturdenkmals deutlich offengelegt hätte. Eine veränderte, nun tatsächlich „historisierende“ Nachahmung ist jedoch das größtmögliche Übel, da sie einen stark verfälschten Eindruck des historischen Zustands vermittelt.


Die Gestaltung der Königsplatzfront lässt zudem die notwendige Sensibilität für diesen Standort vermissen, indem die einheitliche Geschlossenheit des Baublocks weitgehend aufgegeben wird – eine Geschlossenheit, die für die gesamte Randbebauung des Königs­platzes von Anfang an charakteristisch war, und die im Wiederaufbau der 50er Jahre gerade bei den Häusern Königsplatz 53 und 55 vorbildlich gewahrt blieb. Nun geht in diesem Baublock nicht nur die durchgehende und ruhige Linienführung der Fenster durch die großen, unregel­mäßigen Öffnungen verloren, sondern es fehlt auch die wichtige Betonung der Blockecke durch einen breiten Mauerstreifen (als Gegenstück zur Werbefläche von Königsplatz 53). Dabei fällt dann kaum mehr ins Gewicht, dass das Vordach durch die Erdgeschoss-Öffnungen überschnitten wird, dass die Stützenreihe des obersten Geschosses nicht mehr fortgesetzt wird, dass das Dach von einem deutlich höheren Kernbau überragt wird und dass auch die Materialität des Daches (mit Zinkblech und Lamellen) einen Fremdkörper in der direkten Nachbarschaft bilden wird. - Der Königsplatz verliert damit abermals ein wesentliches Stück seiner städtebaulichen Qualität.

In der direkten Gegenüberstellung erkennt man deutlich die Unterschiede:

Die Sockelzone wird um eine Lage angehoben, das Gurtgesims im Profil deutlich vergrößert; in den Obergeschossen werden außerdem beide Brüstungszonen erhöht. Insgesamt wird damit die neue Front um mehr als einen Meter gestreckt. Deutlich werden diese Veränderungen auch am südlichen Nebeneingang, der zwar in Anlehnung an das Orginal wiederhergestellt werden soll, ursprünglich aber kein zusätzliches Oberlicht benötigte, sondern analog zu den übrigen Fenstern abschloss. Die fein abgestimmte Hierarchie zwischen Haupt- und Nebeneingang geht damit verloren.

Die Konsolen unter den Erdgeschoss-Fenstern; links der Bestand, rechts die Planung gemäß der veröffentlichten Zeichnung.


Besonders fatal wirkt sich die Streckung der Brüstungszonen aus: Während im historischen Zustand die unteren Fensterkonsolen passgenau zwischen dem Sockelabsatz und dem Fenstersims vermittelten, hängen sie nun gewissermaßen in der Luft und verlieren damit ihren ursprünglichen Zusammenhang (man beachte, dass die frei hängenden Konsolen im Geschoss darüber bewusst ganz anders ausgebildet waren). Zudem bleibt ein Rätsel, wie am untersten Ansatz nun mit dem Fehlen des Sockelvorsprungs umgegangen werden soll.

Insgesamt werden folgende Bauzustände willkürlich vermischt:

Farbgebung und Stukkaturen sollen sich wieder am Zustand von 1923 orientieren. Die fehlenden Kopfplastiken, die einst individuell gestaltet waren, sollen allerdings durch monotone Vervielfältigungen der drei erhaltenen ersetzt werden, wodurch ein falscher Eindruck der originalen Dekorationsweise vermittelt wird.

Zugleich bleiben aber mehrere Veränderungen von 1955 bestehen:


- So saßen die Kopfplastiken und die angrenzenden Stukkaturen ehemals auf Putzrahmen auf, die 1955 zusammen mit dem Stuck entfernt wurden. Nun soll zwar der Stuck wiederhergestellt werden, nicht aber der dafür logisch erforderliche Untergrund; zudem wurden die Putzspiegel zwischen EG- und OG Fenstern 1955 zu schmal wiederhergestellt, was nun aber ebenfalls beibehalten wird. Zwischen EG und OG vermischen sich damit der Bauzustand von 1923 und der Bauzustand von 1955.

- Am kleinen Fenster direkt über dem Haupteingang waren ursprünglich keine Konsolen vorhanden; sie wurden erst 1955 hinzugefügt, sollen nun aber wieder angebracht werden – obwohl für die Stukkaturen ansonsten auf das ursprüngliche Konzept zurückgegriffen werden soll.

- Und schließlich kommen die Proportionsveränderungen von 2010/11 hinzu, die jedes weitere Bemühen um Authentizität im Detail nun ad absurdum führen. Zudem fällt auf, daß der historische Fluchtlinienversprung zwischen Hauptgebäude und Anbau nicht mehr in den Planungen erscheint; entweder wird die Fluchtlinie der nachgeahmten Fassade an die Fluchtlinie des Hauptgebäudes angepasst, oder der Baublock am Königsplatz verliert auch im Grundriss seine Regelmäßigkeit und Symmetrie."


Weitere Links im Netz:



Christian Presche vom Arbeitskreis Denkmalschutz


HR Fernsehen


Norbert Witte -Stadt Kassel

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Kommentare

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egal am :

Das ist doch so etwas von scheiss egal entschuldigt meine Aussprache
ob das Gebäude nun 1m höher ist oder nicht
wir sollten froh sein das es überhaupt einen Interessenten für das Gebäude giobt der sich wenigstens etwas mühe gibt dem Original einigermassen treu zu bleiben
ist immerhin besser als wenn es von alleine umfällt. ausserdem schafft es Arbeitsplätze.Es gibt wichtigere Dinge die Schützenswert sind wo es gar keinen Zweifel gibt wie z.b. den Herkules... oder auch Dinge wie Wälder, Tiere, Pflegebedürftige Menschen, Meere und und und...

Martin Reuter am :

Scheißegal ist es eben nicht. Ich danke Mirco für seine detaillierte Darstellung und seine klare Stellungnahme. Allerdings hätte ich Schwierigkeiten, zwischen den beiden Extremen und den möglichen Zwischentönen zu entscheiden: rekonstruktive Nostalgie oder Modernismus? (Ein ganz neues Gebäude, als Konsumtempel, wäre in der Tat "ehrlicher".) Schließlich dürfte das "Geschäft" der katagorische Imperativ sein. Der Boden ist hier sehr teuer, und das Geschäft hat natürlich das Sagen. Insofern ist der Klon die heute adäquate Antwort: Tu so, als sei es das alte Gebäude. Remake und Fake sind sowieso die Kernpunkte des "konsumistischen Manifests".

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