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22.10.1943 - Bis heute fehlt ein Mahnmal in der Kasseler Innenstadt

Vor 66 Jahren wurde die Kasseler Innenstadt durch einen Bombenangriff weitgehend zerstört. Annähernd 10.000 Menschen fanden den Tod. Die Erinnerung an dieses mit weitem Abstand nachhaltigste Ereignis der Stadtgeschichte wird wach gehalten, - abseits der Öffentlichkeit auf dem Hauptfriedhof und im Stadtmuseum.
Am morgigen Jahrestag der Kasseler Bombennacht wird zwar neben der obligatorischen Kranzniederlegung auf dem Hauptfriedhof auch ein HR-Dokumentarfilm aus dem Jahr 2003 über Alt-Kassel und seine Zerstörung 1943 im Rathaus gezeigt werden (18.00 Uhr, Rathaus-Bürgersaal). Doch das ist ein einmaliges Ereignis, das zudem nur relativ wenige Bürger erreichen wird. Für Bewohner und natürlich auch Besucher der Stadt gibt es dagegen in der Innenstadt bis heute keine dauerhafte Stätte, an der über den 22. Oktober 1943 informiert wird und der Opfer gedacht werden kann.

Bei einem solchen Mahnmal ginge es nicht um die Anklage des britischen Bomber Command oder um Aufrechnung. Ausschwitz und dem Holocaust kann durch nichts die historische Singularität genommen werden. Aber es geht natürlich auch um politische Lehren.

Bürger und Politiker Hiroshimas haben sie auf ihre Weise gezogen. Ihre Stadt wurde zum Vorreiter im Kampf um die Ächtung von Atomwaffen. Kassel wurde aufgrund seiner grossen Fachwerk-Altstadt zum bevorzugten Ziel von auf Tod und Zerstörung getrimmten Luftwaffen-Militärs. Warum soll von Kassel nicht ein Signal für eine allgemeine Ächtung von Bombardements aus der Luft ausgehen. Gerade jüngste Ereignisse in Afghanistan zeigen, wie wichtig eine solche Initiative wäre.

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Kommentare

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Martin Reuter am :

Ich glaube, dass man sich der Erinnerung durch ein Monument eher entledigt: Man hat ein Zeichen gesetzt, und das wars. Die Kasseler Innenstadt IST das Mahnmal. Eine solche Katastrophe ist doch eher ein Problem der kollektiven Wunden- und Narbenbearbeitung, und das in einem großen Kollektiv ("Stadt" in Nazi-Deutschland und danach) und zwischen Generationen etc. Ich kann mit der offiziellen Erinnerungspolitik (als Nachfolger der damaligen "Vergangenheitsbewältigung") wenig anfangen. - Und Kriegsvermeidung betreibt man wohl dann, wenn man die großen Machtinteressen und die Aggressionsbereitschaft von Menschen und Gruppen 'bearbeitet'.

Hannah am :

Lieber Herr Reuter,
Kassel wurde, wie Sie sicher wissen, nicht (!)aufgrund seiner grossen Fachwerk-Altstadt zum bevorzugten Ziel!
Ein explizites Mahnmal ist überflüssig, denn es lenkt von den verursachenden Faktoren ab: da gab es den Nationalsozialismus, schon vergessen? Und die durch diesen zu verantwortenden Millionen Toten. Sich jetzt als Opfer eigenen Agierens zu gerieren, ist illegitim. Gedenken an die Opfer der Bombardierung: ja. Aber bitte keine wie auch immer getarnte Relativierungen deutscher Schuld und Verantwortung. Ich schließe mich insgesamt Herrn Kalloks Ausführungen an. Und: Von Kassel sollte ein Signal für eine allgemeine Ächtung beispielsweise von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und insgesamt von wie auch immer begründeten kriegerischen Konfliktlösungsversuchen ausgehen!

Martin Reuter am :

M.E. haben Sie etwas Anderes gelesen, als ich versucht habe deutlich zu schreiben. Ich habe hauptsächlich von der Katastrophe danach und nicht davor gesprochen. Woraus ziehen Sie die Ansicht, dass ich den Nationalsozialismus vergessen hätte, eine Opferumdeutung stattfindet und dass ich zu den inzwischen schon klischeegängigen Relativierern gehörte? In Ihrem Beitrag laufen Sprach-Mechanismen ab. Da Sie mich direkt ansprechen: einen Bezug auf meinen erkenne ich nicht. Die sog. "allgemeine Ächtung" ist für mich ein Sonntagsreden-Bestandteil, während ich auf kollektive Verarbeitungen hinaus wollte, die wirklich zu wirken vermögen.

Hannah am :

Oha. Da ist mir ein Fehler unterlaufen!Sie sind der falsche Ansprechpartner: Mein Kommentar gilt dem Beitrag von Herrn Kallock, meine Zustimmung hingegen Ihren Ausführungen! Und: Die ´allgemeine Ächtung` nimmt Bezug auf die Kallock-Formulierung (letzter Absatz).Im Übrigen: gelingende kollektive Verarbeitungen können und sollten (!) zu ´allgemeiner Ächtung` führen, Sonntagsreden hin oder her.
Was meinen Sie mit ´Sprach-Mechanismen`?

Martin Reuter am :

In Ordnung für die Fehladressierung. "Ächtung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und insgesamt von wie auch immer begründeten kriegerischen Konfliktlösungsversuchen" ist aber eine dieser mechanischen Vokabeln. Eine offiziell deklarierte Absichtserklärung ändert nichts an der Praxis. Schon der Ausdruck "begründete kriegrische Konfliktlösungsversuche" ist der Verführung der offiziellen Sprache erlegen. "Krieg" kann niemals ein "Konfliktlösungsversuch" sein. Außerdem ist der ganze Topf für einen Eingriffsversuch zu groß (d.h. völlig verschiedene Dinge vermischend) angelegt. Eine Art Pauschalangebot zur Entschuldung im großen Maßstab. Ein kleinerer wäre mE besser.

mjoelnir58 am :

Schade das das hier schon von 2009 ist , trotzdem : selbstverständlich ist die Altstadt eines der Hauptziele der RAF gewesen, das moral bombing war , von den Briten selbst zugegeben, ein Hauptpunkt im Bomberprogramm . Die Rüstungsstätten lagen in Kassel nun mal nicht in der Altstadt .Leider enthält Ihr Kommentar nur das übliche Geschreibsel, Motto keine Aufrechnung deshalb Stillschweigen über allierte Verbrechen da deutsche Verbrechen viel schlimmer etc.

Richard Kallok am :

Nun ja - Kassel wurde als deutsche Stadt zum Ziel, weil das Deutsche Reich nicht nur 1938 einen verbrecherischen Raubzug begonnen hat (was die Herren in Washington und London zunächst nicht besonders störte, s. Tschechoslowakei), sondern glaubte, sich zur imperialistischen Weltmacht aufschwingen zu können. Kassel wurde als Fachwerkstadt bevorzugtes Ziel (Orientierungspunkt des Angriffs am 22.10. war der Turm der Martinskirche), weil englische Brandschutzexperten die Wirkung von Brandbomben studieren wollten. Dass eine Mahnstätte für die Bombenopfer (darunter übrigens nicht wenige Zwangsarbeiter) nicht errichtet dafür aber 1956 das grösste Bürogebäude der Stadt in Anwesenheit der Polit-Prominenz nach einem Mitglied des Heinrich-Himmler-Freundeskreises (August Rosterg/Wintershall) benannt wurde, war Ausdruck der neuen/alten Machtverhältnisse im Bonner Staat. Zudem waren die Briten inzwischen ja Verbündete geworden (man stelle sich vor, die Sowjets hätten Kassel bombardiert). Und heute: Was spricht dagegen, z. B. am Königsplatz, eine Stelle des Innehaltens, der Information und der Mahnung zu errichten? Gerade letzteres wäre doch wichtig, s. Jugoslawien, s. Afghanistan.

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