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Was steckt hinter den Erfolgsmeldungen der "Arbeitsförderung Kassel"

Rechtzeitig vor den Bundestagswahlen erreichen uns wieder Erfolgsmeldungen. "Trotz Krise weniger Hartz-IV-Empfänger" titelte die HNA gestern. Und Kassels Sozialdezernent Dr. Barthel konnte sich in dem Artikel öffentlich darüber freuen, dass "es der Arbeitsförderung gelungen ist, weitere Menschen in Lohn und Brot zu bringen". Doch wie sieht die Wirklichkeit aus?
Ein etwas intensiveres Studium der Zahlen der Kasseler Arbeitsagentur ergibt für die Monatsstatistik August 2009 nachfolgendes Bild.

Im Bereich der Arbeitsagentur Kassel haben sich 1205 Personen, die im Juli noch erwerbstätig waren, arbeitslos gemeldet. 999 Personen verabschiedeten sich aus der Statistik, weil sie eine Erwerbsarbeit aufnahmen. Im August standen also nicht mehr, sondern weniger Menschen "in Lohn und Brot" (die genaue Erwerbstätigenstatistik veröffentlicht die Agentur erst mit mehreren Monat Verspätung).

Dass die Statistik allerdings mit 2491 Personen mehr "Abgänge aus Arbeitslosigkeit" aufweist als "Zugänge" (2363 Personen), hat im wesentlichen eine Ursache. Mit 632 Personen meldeten sich deutlich mehr Menschen aus der Statistik in die "Nichterwerbstätigkeit" ab, als sich mit 408 Personen aus der "Nichterwerbstätigkeit" neu arbeitslos meldeten.

Und so geht es bereits seit Monaten. Im Juli verschwanden 28,1% der Arbeitslosen in der "Nichterwerbstätigkeit", aber nur 13,4 % derjenigen, die sich neu arbeitslos meldeten, kamen aus diesem Bereich hinzu. Diese grosse Differenz ist verwunderlich, weil im Normalfall die Zahl der Menschen, die z. B. altersbedingt ausscheiden, und die Zahl derjenigen, die aus der "Nichterwerbsarbeit" hinzukommen, sich ungefähr die Waage hält.

Um wen handelt es sich bei diesen "Verschwundenen"? Mallorca-Auswanderer? Erfolgreiche Lottospieler? Eine Gruppe stellen sicher diejenigen dar, die von der "Arbeitsförderung" als "nicht vermittelbar" anderen Sozialleistungsträgern zugeschoben wurden. Da der Chef der hiesigen Behörde dazu neigt, alle Erwerbslosen zu einer Art sozialpädagogischem Betreuungsfall zu deklarieren, ist diese Gruppe wahrscheinlich nicht klein.

Zum anderen aber ist der Kasseler "Erfolg" darauf zurückzuführen, dass das berühmte "Fördern und Fordern" speziell auch von der "Arbeitsförderung Kassel" mit "Schikanieren und Drangsalieren" übersetzt wird. Erwerbslosen werden "Eingliederungsvereinbarungen" mit kaum erfüllbaren Bedingungen (5 und mehr Bewerbungen pro Woche usw.) vorgelegt oder Erwerbslosen werden reguläre Erwerbsarbeitsplätze (Wäscherei, Bautrupp, Stadtreiniger) als 1-Euro-Jobs angeboten. Weigerung und Nichterfüllung führen zum Statusverlust.

Menschen mit unterhaltsfähigen Familienangehörigen, kleinen Ersparnissen, der Möglichkeit zu Nebentätigkeiten verabschieden sich vielfach freiwillig von dieser Art "Arbeitsförderung" und verzichten z. T. dann eben auch auf Hartz-IV. Andere versuchen dem "Fördern und Fordern" durch langfristige Krankschreibungen zu entkommen.

"So lügt man mit Statistik", ist eigentlich ein älterer Buchtitel von Walter Krämer. Er ist heute so aktuell wie kaum zuvor. Ob Arbeitslosenstatistik, BIP-Wachstum, Inflationsrate - was Wahrheit, Halbwahrheit oder Unwahrheit ist, müssen wir schon selbst herausfinden.




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Kommentare

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Sven am :

1-Euro-Jobber bei den Stadtreinigern? Was sagt denn eigentlich Verdi dazu?

100 Jahre DGB tun dem Kapital nicht weh am :

Na, was wohl?

"Hallo Sozialpartner. Danke schön."

Richard Kallok am :

Also da ist mein Artikel etwas missverständlich, - 1-Euro-Jobber sind zwar als Stadtreiniger, vor allem "zangen-bewaffnete" Papieraufleser tätig, aber wohl nicht dem Eigenbetrieb Stadtreiniger, sondern dem Gartenamt zugeordnet. Aber zusätzliche Arbeit ist das natürlich nicht und früher waren das Tarif-Jobs. - Generell glaube ich nach einigen Gesprächen mit Betroffenen, dass in Kassel viele Sachen in dem Bereich "Arbeitsförderung" laufen, die in anderen Städten so nicht möglich sind. Das liegt natürlich auch daran, dass Gewerkschaftsvertreter in den Verwaltungsräten der A.-Agentur vieles leichtfertig absegnen. Zum anderen fehlt es in Kassel eben doch (kassel-zeitung hin oder her) an einer kritischen Öffentlichkeit für solche Fragen.

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