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Der Landkreis Kassel wird von einem ungeheuerlichen Skandal erschüttert

Die Meldung befand sich dort, wo ein erfahrener Journalist Top-Meldungen plaziert: Auf der Titelseite, oben rechts. "Stasi-Methoden bei der Linken?" las ich am Samstag im hiesigen Blatt. Also doch! Als jemand, der bereits 1997 sich eine lebenslängliche Parteilosigkeit verordnet hatte, sah ich mich bestätigt. Doch ich wollte mehr über diesen Dunkelmänner-Skandal wissen.
Schon am Vortag war ja im Lokalteil in grosser Aufmachung ein Artikel erschienen, der den Austritt der Kreistagsabgeordneten Christa Pfeil aus der Partei "Die Linke" zum Gegenstand hatte. Frau Pfeil hatte schwere Vorwürfe erhoben. Die Partei werde "von Stasi-Seilschaften zentralistisch gesteuert", "unbequeme Mitglieder" würden "menschlich, gesellschaftlich und finanziell in den Ruin getrieben", "Hartz-IV-Empfänger" seien "nicht das gewünschte Wähler-Klientel".

Ich versuchte Frau Pfeil telefonisch zu erreichen, vergeblich. Bitten um Rückruf wurden ignoriert. Ich wendete mich an Herrn Bernd Heinicke, der in der Samstags-Ausgabe als zweiter Zeuge der Anklage gegen die Stasi-Seilschaften den HNA-Lesern entgegen lächelte. Er liess mir das Belastungsmaterial zukommen.

7 gewichtige Dokumente erreichten mich. Und sofort begriff ich, dass Lokal-Journalisten, die mit einem solchen Skandal von deutschlandweiter Bedeutung befasst sind, sich um die kleinen Skandälchen im Landkreis, wie die Ungereimtheiten bei der PPP-Sanierung der Landkreis-Schulen, nicht auch noch kümmern können.

Schon im ersten Dokument musste ich lesen, dass eine Parteifreundin (oder -genossin?) gehört haben will, wie ein Parteifreund in Bezug auf ihre Person "die gehört doch in die Klapse" gesagt haben soll. Eine Landtagsabgeordnete drohte dem Baunataler Ortsvorsitzenden, besagtem Herrn Heinicke, mit rechtlichen Schritten, falls er weiter behaupte, sie würde 17.000 Euro im Monat verdienen. Eine andere Parteifreundin beklagte, dass im Kreisverband Kassel-Land "elitäre Zirkel" herrschen würden, zu denen sie allerdings auch die erwähnte Frau Pfeil zählte. Das bedeutsamste Dokument aber war sicher das Schreiben des Ortsverbands Baunatal an die Landesschiedskommission der Linken. Der Vorsitzende, besagter Herr Heinicke, sah sich als Opfer eines "Komplotts". Es ging um Statutenfragen, Ladungsfristen, Kreismitgliederversammlungen, nicht eingehaltene Zusagen usw. , usw. .

Ich wurde über Partei-Gezänk informiert und wollte doch eigentlich etwas über die "zentralistisch gesteuerten Stasi-Seilschaften" wissen. Ich wollte erfahren, wie die Linke im Kreis es geschafft hatte, Hartz-IV-Empfänger von einer Stimmabgabe für sich abzuhalten und wurde jetzt mit Querelen konfrontiert, die mich an Begegnungen mit frustrierten Wirrköpfen in der Sozialbewegung erinnerten.

Aber vielleicht ist diese "Stasi-"-Geschichte ja auch als Fortsetzungsgeschichte angelegt. Vielleicht erfahren wir erst in den nächsten Folgen, wer die "Stasi-Seilschaften" sind und von wem sie "zentralistisch gesteuert" werden. Vielleicht werden die Menschen, die von der Linken in den Ruin getrieben wurden, uns im hiesigen Blättchen bereits bei der diesjährigen Aktion Advent vorgestellt. Frau Pfeil und ihre journalistischen Berater sollten uns mit unseren Fragen jedenfalls nicht allein lassen.

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Kommentare

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Martin Reuter am :

Es gibt hier mindestens zwei Seiten: Erstens gibt es in parteiinteren Machtgerangeln immer diesen Effekt mit der schmutzigen Wäsche, den on-dits usw. Zweitens lässt sich die Diffamierung der Linkspartei immer wieder gut verkaufen. (Was auch immer man selbst über Parteien und Personen denkt: Was sich da über Lafontaine und Gysi ausschüttet, ist eben nicht beispiellos. Die Grünen hatten ja vor der Etablierung selbst damit zu kämpfen. Höret nun die Stalin-Orgel von Herrn Jesse zur Linkspartei ("... der smarte Extremismus...") Dass das örtliche Regenbogenblatt sich mit solchen Sachen gerne beschäftigt, halte ich für ganz normal. Intelligenz-Geiz ist nunmal geil.

Richard Kallok am :

"Ganz normal" ist das doch wohl nicht. Es ist doch absurd, die braven Gewerkschafter und Ex-Sozialdemokraten, die sich in Nordhessen in der Linken versammelt haben, mit der Stasi in Verbindung zu bringen. Natürlich könnte man da schon eher die CDU eine Mafia-Organisation nennen. Aber man stelle sich einmal vor, ein HNA-Redakteur hätte mit den Geldschiebereien von Kanther & Co von "Mafia-Methoden bei der CDU?" geschrieben. Der wäre geflogen, dass man den Aufprall im Knüll gehört hätte.

Anonym am :

Sieht man sich die Auftraggeber der Großanzeigen und der diversen Extra-Beilagen dieser Lokalzeitung an und berücksichtigt man ferner die Interessen des Herausgebers am Logistikgeschäft, ergibt sich als redaktionelle Richtlinie zwangsläufig, dass über alles, was nach einer politischen Wende in Hessen aussehen könnte, notwendigerweise ein Kübel Dreck ausgeschüttet werden muss.

Martin Reuter am :

Ich glaube immer noch, dass man es sich mit dieser Medienkritik (Großanzeigen etc.) zu einfach macht. Sie sind diese Macher und Schreiber, weil sie als solche gekauft und verkauft werden. Was meinste was die fürn Stress haben. Kein Mensch würde, sofern vorhanden, mit denen tauschen. Schreibt einfach was Besseres, Attraktiveres, oder macht was ganz Anderes - z.B. eine echte "Informationsverarbeitung". Da haben wir dann einen neuen Spaß und nicht so eine sauer hinterherhinkende Kritik!

Der 3. Mann am :

Wenn ein Chefredakteur von den eigenen Hobby-Krimis berauscht ist, dann wittert er hinter jeder Straßenecke einen Kommunisten, eine Ypslilanti oder einen Straßenplaner, der ihm das Auto wegnehmen will ("Planungsstalinist"). Ich bin sicher, die Promille-Kommissarin ermittelt im nächsten Bändchen in der vermüllten Unterführung am Altmarkt. Dort hat ein Stasi-Spitzel statt in der Straßenbahn ein Protokoll des letzten Geheim-Treffens von Koch und Al Wazir verloren. Das kostet dem ermittelnden Redakteur eines Provinzblattes mit 1/3-Reichweite das Leben, hatte er doch aufdecken wollen, dass unter schwarz-grün nach dem 18. Januar in Kassel-Calden schon wieder ein Institut für klimaneutrale Flugantriebstechnik entstehen sollte. Und Hermann Scheer verschwindet spurlos. Fortsetzung folgt....

mädchen am :

diese Fortsetzung des Krimis gefällt mir sehr. Danke!
Übrigens muss es heißen "Das kostet DEN ermittelnden Redakteur..." Etwas Wortüberwachung muss scho(n) sei(n)?

Herr am :

ich finde auch, dass man einen Menschen, dessen Leben an einem seidenen Faden hängt, in seiner Art respektieren muss. Sonst haben wir, wenn der HERR apokalyptisch aufräumt, kein Unterscheidungskriterium mehr!

KK am :

Ein Herr von KS-Land, der sich in der politischen Szene dort auskennt, aber nicht zur Linken bzw. deren Freundeskreis gehört, meinte sinngemäß, dass an der Geschichte von Frau Pfeil nicht viel dran sei. Außerdem äußerte er eine durchaus kritische Einschätzung über Frau Pfeil. Das hat mir jedenfalls gereicht, um die Berichte in die passende (HNA-) Schublade einzuordnen.

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