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Populismus und Schwarzer-Peter-Spiele

In der aktuellen Ausgabe (Mai-Juni) von „schnurschdraggs“, einer Hauspostille der Kasseler Verkehrs- und Versorgungs-Gesellschaft mit beschränkter Haftung, beschäftigen sich zwei kleine Artikel mit dem Problem der ständig steigenden Gas- und Strompreise. In der Grauzone zwischen Öffentlichkeitsarbeit für den Bürger und Werbung mittels eines sogenannten „Kunden-Magazins“ wird das Verhältnis von Eigenlob, Information, Schönschreiberei, Wort-Politik und Politik unscharf.
Hier eine erste Beobachtung der Machart lokaler Medien. (Sie macht es vielleicht einmal möglich, Kriterien für eine gute Öffentlichkeitsarbeit zu entwickeln.)
Wer mag wohl dieses Printprodukt wirklich lesen? An Geschäftskunden wie Privatkunden gerichtet, kommt es für die Privatkunden jedenfalls unaufgefordert ins Haus; verbreitete Auflage nach eigenen Angaben 114 700 Exemplare.

Für den Energiebereich gibt es beispielsweise eine Meldung über den Energiepass, die hoch spannende Geschichte von der Entfernung einiger Hochspannungsmasten per Hubschrauber und den Ersatz durch Erdkabel, die im Trend der Zeit liegenden Energiespar-Tips, und schließlich das „Make-up mit Orange“ für die Fahrzeuge der Städtischen Werke. Eine frische neue Farbe für das Blechkleid soll zeigen: „Hier ist ein dynamisches Unternehmen auf dem Weg zum Kunden“.

Ganz die harmonische Gemeinschaft des Bürgers als Kunden und einer Wirtschaft, die auf dem Weg zu ihm ist: Wer weiß, wie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gemacht und Images verkauft werden, schmeißt solche Nullmeldungen einfach weg. Wer es nicht weiß, sollte genauer hinsehen. Interessant wird es nämlich, wenn ein möglicherweise kontroverses Thema auftaucht, dessen widerspenstiger Gehalt sich nur schwer hinwegschreiben lässt. In diesem Fall also das von den Strom- und Gaspreisen. Die Städtischen Werke bemühen sich ja seit einer ganzen Weile, auch hier in glanzvoller Bescheidenheit dazustehen. In einer Pressemitteilung vom 23. März wurden die freiwillige Nichterhöhung der Gaspreise und ihre Stabilität „bis mindestens Ende Juni“ gemeldet. Das mag das Unternehmen als moralische Höchstleistung ansehen; den Kunden wird das angesichts der Gesamttendenz wohl kaum beruhigen. Wir haben jetzt nämlich Mai.

Unter dem Titel „Trittbrettfahrer schaden allen“ wird das Tun „dieser Menschen“ kritisiert, die Boykottmaßnahmen wie Zahlungsverweigerung oder Kürzung gegen die ihrer Meinung nach zu hohen Rechnungen und die Preissteigerungen ergreifen. Der für die Privatkunden zuständige Herr Aul rät stattdessen, doch lieber zu einem persönlichen Gespräch vorbeizukommen und außerdem so Energie zu sparen, dass sich die Höhe der Rechnung senken lässt. Die Nichtzahler schadeten den Zahlern, da „im Endeffekt … die ausbleibenden Zahlungen zu Lasten aller Kunden“ gingen. Das soll wohl ökonomisch gemeint sein, und „schaden“ klingt sachlich.

Der lächelnd abgebildete Herr Welsch, Prokurist ebenda, findet in ‚seinem’ etwas ausgreifenderen Kommentar über die Entwicklung der Strompreise zwei Schuldige. Das sind nicht die in den Medien beschuldigten Energieversorger, zumal die lokalen nicht. Sondern da ist erst einmal der Staat. Er belastet mit der Stromsteuer die Preise „erheblich“ (die Preise!). Die Haupt-Schuldigen aber sind diejenigen, die den „wahren Wettbewerb“ behindern: die Großanbieter. Durch Monopolbildung und Preisdiktat werden die Kleinen „zur leichten Beute der Großen“, wogegen erst der echte Wettbewerb allen gut tut.
Die kleinen Städtischen Werke versuchen alles, um kein Beuteopfer zu werden. Sie plädieren beispielsweise für „wirtschaftlich tragbare Preise“. Die werden ihnen zumindest in Hessen aber zurzeit verwehrt. Zudem ist es ihnen mittels heroischen Managements gelungen, „seit Jahren mit der günstigste Anbieter Kassels“ zu sein. Zum Schluss noch einmal der Rat, doch „den individuellen Verbrauch im Haushalt zu senken.“
(Warum dieser Kommentar mit „Strompreise im Sinkflug“ betitelt worden ist, erscheint nach dem dargestellten Schlamassel schwer verständlich.)

Gewundene Schönschreib-Rhetorik hin oder her: Hier werden, im Einklang von Selbstdarstellung des Unternehmens und Publizistik, Dinge fusioniert, die auseinander zu halten sind. Die zwei „Trittbrettfahrer“-Spalten suggerieren, es gäbe, zumindest kundenseitig, keine ernsthaften kritischen Einwände, und schon gar keine angemessenen Aktionen gegen den Anstieg der Kosten. Ich glaube nicht, dass die „Gründe für Preiserhöhungen“ (Aul) ausgerechnet bei Trittbrettfahrern und anderen Sündenböcke liegen. Auch dürften sich die komplizierten sozialen, politischen (und natürlich auch rechtlichen) Bestandteile des Problems wohl kaum „im persönlichen Gespräch“ zwischen Kunde und Kundenberater bis zur Aufklärungsreife erörtern lassen. Bleibt der Versuch, mittels sachlich-ökonomischer Anklänge die Zahlenden gegen die nichtzahlenden Schädlinge auszuspielen: eine beliebte populistische Parole.
Auch der Kommentar rankt sich um die Frage nach den Schuldigen und zieht ein Schwarzer-Peter-Spiel auf. Den Peter ist der kleine Mann, als den sich die Städtischen Werke AG verstehen, zumindest im Text schon mal losgeworden. Populistische Rhetorik von den Kleinen und den Großen, nur dass hier ständig die Positionen und Akteure ge- und verwechselt werden.

Wenn nur die unvernünftig unangepassten Preise, die Behinderung auf Landesebene, der kapitalistische Monopolismus und der Mangel an persönlichem Gespräch nicht wären!
Die Große Politik hat uns bisher nicht erklären können, warum der versprochene „Sinkflug“ dieser Preise z.B. mittels Liberalisierung des Strommarktes nicht eingetreten ist. Warum erklärt uns die kleine, die lokale nicht, was man der Ohnmacht gegenüber den Multis entgegenzusetzen gedenkt, statt mit Sündenböcken herumzuspielen? Was gedenken die Städtischen Werke, möglicherweise ganz im Einklang mit dem Bürger, gegen den eigentlichen Schädling zu tun? Welche Übersetzungleistungen all dieser kleinen Männer, Frauen und Unternehmen zu den beklagten Großverhältnissen gibt es vor Ort?

Publizistik und „Öffentlichkeitsarbeit“ sind natürlich ein auslegbares Ding: für wen? Öffentlichkeitsarbeit als Versammlungs- und Übersetzungsleistung für Bürger wird jedenfalls den Populismus und die publizistischen Grenzverwischungen kennzeichnen und vermeiden. Alsdann wird man neue Formen der demokratischen Kohabitation unter medialer Mitwirkung auch auf lokaler Ebene einführen können.

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