Skip to content

Eine Ansprache am 6. Mai 2022 auf der Mahnwache

Ansprache von Eckhard Bär, Initiator Werkstatt-KriegUndFrieden.de,
anlässlich der Mahnwache des Kasseler Friedensbündnis am 6. Mai 2022 auf dem Opernplatz in Kassel,
in Hinblick auf den 77. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg am 8. Mai.

Meine Damen und Herren,
mein Name ist Eckhard Bär, ich spreche hier auf dieser Mahnwache, weil meine eigene Existenz insofern vom Krieg betroffen ist, als mein Vater, der am 12. Mai 95 Jahre alt geworden wäre, als 18-jähriger junger Mann gezwungen war in den II. Weltkrieg zu gehen.

Mit Glück entging er dem mehr als wahrscheinlichen Tod an der Ostfront, weil ein Oberst ihm den Wink gab, sich stattdessen zu einem Unteroffiziers-Lehrgang zu melden.
Anschließend kam er in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurde in einem der vielen amerikanischen Kriegsgefangenenlager interniert, die als Rheinwiesen-Lager bekannt sind.





Diese Lager waren – als gut gehütetes Tabu unserer Geschichte – unter Eisenhower zunächst auch als Vernichtungslager durch Hunger und Entkräftung konzipiert. –U. a. wurden Lebensmittelzüge, die für diese Lager bestimmt waren und vom Roten Kreuz aus der Schweiz gesandt wurden, von der amerikanischen Militärregierung wieder zurückgeschickt. –

Die Deutschen haben sich hier nichts zu vergeben, haben sie doch zuvor mit ihrer Wehrmacht, ihren (SS-) Verbänden, der NS Politik folgend, eine entsprechende Vernichtunggegenüber unzähligen russischen und anderen Kriegsgefangenen durch Hungerpraktiziert. Wie Sie wissen können, gehörte die Vernichtung durch Hunger und Entkräftung ebenfalls zur Praxis der Vernichtungslager des NS-Regimes.

Dieser Vernichtung durch Hungerin einem Rheinwiesenlager bei Ingelheim am Rhein, – ohne Schutz in der Kälte des April 1945 in Schnee und Matsch liegend, Brennnesseln und Gras essend, vor Hunger beim Aufstehen ohnmächtig werdend –dem Tod preisgegeben,wäre mein Vater fast zum Opfer gefallen.
Die Menschlichkeit und die Solidarität erfahrener Landser, – also von Menschen, die viel Tod gesehen und viel Tod herbeigeführt hatten – retteten meinem Vater, wie auch anderen jungen Männern, das Leben.

Dieser Menschlichkeit und Solidarität verdanke ich meine Existenz, ohne diese wäre ich nicht. Für mich bedeutet dies, dass ich dank meines Lebens, dank der Menschlichkeit und der Solidarität anderer Menschen, dem Leben verpflichtet bin, demzufolge ich mich verpflichtet sehe, Menschlichkeit und Solidarität in meinem Handeln und Tun zu praktizieren.

Als junger Psychoanalytiker, mit der Not meiner Analysanten und mit der mir hier zu Lande übermittelten idealisierenden Strenge der Psychoanalyse selbst in Schwierigkeiten geraten, suchte ich meine zweite Analytikerin Anne-Liese Stern, Ende der 1900-neunziger Jahren in Paris auf. DerAnalyse mit Anne-Liese Stern verdanke ich eine Menschlichkeit und Bedachtsamkeit, die mein weiteres Psychoanalytiker-sein, meine Praxis, meine langjährigeSozialarbeit in einer Suchtambulanz ebenso nachhaltig prägte, wie mein kulturelles und politisches Engagement.

Anneliese Stern ist als 18-jährige junge Fraunur knapp dem Krematorium in Auschwitz entgangen. Sie ist 92-jährig heute vor 9 Jahren in Paris gestorben.
Ihr Vermächtnis ist kürzlich unter dem Titel „Früher einmal ein deutsches Kind“ im Psychosozial Verlag erschienen. (Siehe zu ihrem Leben: https://de.wikipedia.org/wiki/Anne-Lise_Stern )
Ihr Lebenswerk bestand bis zu ihrem Tod im Jahr 2013 darin, von ihrer Erfahrung dieser Geschichte zu zeugen. Und es bestand darin, diese Geschichte vor allen Dingen in Hinsicht auf die Auswirkungen zu befragen, die diese für die nachfolgenden Generationen hat. Anne-Liese Stern versuchte begreifbar zu machen und aufzuzeigen, dass sich die mit der Geschichte verbundene Schuld und das dadurch verursachte Leid in den Einzelnen einschreibt und durch unsere Generationen hindurch fortsetzt. Sie zeigte durch ihr Arbeiten als Psychoanalytikerin, u. a.in einer Poliklinik, einem Kinderkrankenhaus, einer Suchtabteilung, dass die geschichtlichen Erfahrungen, die unsere Gesellschaften erleiden, sich vielfachin schweren körperlichen und psychischen Symptomen und„Störungen“ fortsetzen, in Formen von Angst, Depression, Schlaflosigkeit, Wahnsinn, in Formen von Abhängigkeit u. a. von Suchtmitteln, und auch in Symptomen von Alkoholismus, Medikamenten- und Drogenabhängigkeit weiterleben.Darüber hinaus bestand ihr Wirken vor allem darin, auf wiederkehrende politische Formen nationalistischer, rechtsradikaler,neo-faschistischer, z. T. linksradikalerGestalt,(wie z. B sogenannterAutonomer),als teilweise einsame Ruferin, selbst unter ihren Kollegen, aufmerksam zu machen.

Der Menschlichkeit, Bedachtsamkeit und analytischen Schärfe Anne-Liese Sterns verdankt sich auch meine analytische und kulturelle Arbeit. Diese wird ebenfalls von dem Versuch getragen, zu begreifen, in welchen Formen Faschismus und Krieg in den Schicksalen der Menschen, in ihrem Leiden und Symptomen weiterleben und was davon in den gesellschaftlichen politischen Raum wiederholt zurückkehrt und in mehr als problematischenFormen erneut Gestalt annimmt. –
Vermeintlich gegensätzliche – gängiger Weise als links oder rechts klassifizierte – Erscheinungen im Politischen können sich durchaus darin ähneln, faschistisch sein, wenn sie – um ein Kriterium des Faschismus zu nennen – verabsolutierte politische Ziele und Ideologien über das für die Gemeinschaft gültige Gesetz stellen. Und wenn sie dieses Gesetz zur Durchsetzung ihrer Ziele und Ideologien eklatant missachten, bzw. dieses so verändern, dass es zwar der Durchsetzung der politischen Ziele, aber nicht den Menschen in der Gemeinschaft dient, weil z.B. der Gleichheits – und Gleichbehandlungsgrundsatz aufgegeben wird.

Ich bin Initiator der WERKSTATT KriegUndFrieden. Sie ist ein Bereich der WERKSTATT für PSYCHOANALYSE, für SOZIALE und KULTURELLE BILDUNGEN, die ich 2009 gründete und die seitdem Veranstaltungen zu den genannten Themenbereichen durchführt.
Die WERKSTATT KriegUndFrieden kam in der Folge eines Briefes zustande, den ich am27.02.22an einen Freundes- und Bekanntenkreis geschrieben habe. In diesem warnte ich – im Bewusstsein der sich seit 1989/90 vollziehenden politischen Geschichte – vor Kriegstreiberei und propagandistischer Scheinheiligkeit des Westens. Diesem Brief fügte ich eine Übersetzung der 2. Rede von Vladimir Putin vom 21.02.22mit dem Hinweis an, auch die Argumente der Gegenseite zu hören.Obwohl ich mich von der Politik Putins distanzierte, zu dessen Parteigängern ich keinesfalls gehöre und obwohl ich mich für eine Entrüstung und für entmilitarisierte Zonen aussprach, wurde mir unterstellt, dass ich dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands rechtfertigen würde.
Eine politische Haltung, die sich einem Wahrheitsbezug verpflichtet, – die also nicht bereit ist diesen Wahrheitsbezug, nach besten Wissen und Gewissen argumentierend, strategischem Kalkül zu opfern – muss die eigene Position, die eigeneVerantwortung für das, was sie kritisiert, – ihre Beteiligung an demKonflikt, um den es geht – derselben Kritik unterziehen, die sie der jeweiligen Gegenseite entgegenhält, sonst hat sie von vornherein ihre eigene Legitimität verspielt.
→ Am 7.3.2022erfolgte eine Einladung zur Werkstatt KriegUndFrieden, zum Austausch zur aktuellen politischen Situation, unter Einbeziehung der Forderungen des Kasseler Friedensforums, gemäß dessen Aufruf vom 3. März.
→ Seit dem 11. März finden wöchentlich, freitags um 19:30 Uhr Treffen der Werkstatt KriegUndFrieden statt, seit dem 8. April im Seminarraum der Werkstatt KriegUndFrieden im Moselweg 27 in Kassel. Eine virtuelle Teilnahmein Form einer Hybridveranstaltungen ist ebenfalls nach Zusendung einer E-Mail an: info[at]Werkstatt-KriegUndFrieden.de möglich.
→Heute Abend ist bereits die VIII. Werkstatt KriegUndFrieden, mit Teilnehmern aus verschiedenen Städten und Ländern, z. T. auch mitVerbindungen zu den am Krieg beteiligten Ländern, die so andere Informationen beitragen, als sie von den meisten Medien hier vermittelt werden.
→ Es geht in der Werkstatt KriegUndFrieden um einen Austausch bezüglich der jeweils aktuellen politischen Situation, wo jeder sagen kann, was ihn beschäftigt. Wir sind alle berührt, jeder ist auf seine Weise besorgt oder hat auch Angst.
→ Weiterhin arbeitet die Werkstatt an einer Chronik der Ereignisse, die dem aktuellen Konflikt vorausgegangen sind, um über diese zu informieren und daraus eine Analyse der politischen Situation abzuleiten, um zu weiteren konkreten Schritten, zu Vernetzung und weiterem kulturellen und politischen Austauschs zu kommen und weiteren Spaltungen entgegenzuwirken.

→ die Werkstatt KriegUndFrieden hat sicham Ostermarsch beteiligt,
→ sie hat am 29. und 30. April eine internationale Tagung zu KriegUndFrieden veranstaltet.
→ Wir haben uns an der Kundgebung zum 1. Mai und an dieser Mahnwachebeteiligt und unterstützen den Aufrufzum öffentlichen Gedenkenam 8. Mai auf dem Weinberg am Mahnmal der Opfer des Faschismus zum 77. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg.

→ Diese Werkstatt heißt Werkstatt KriegUndFrieden, weil Kriege und Konflikte seit tausenden von Jahren dem Menschseinund seinen Gesellschaftsformen ebenso zugehören, wie die menschliche Sehnsucht nach Frieden und Ausgleich.
Wenn wir lebbare Lösungen für unser immer auchkonfliktträchtiges menschliches Miteinander finden wollen, dann müssen wir uns auch den destruktiven Seiten stellen, die dem Menschlichen zugehören, uns ebenso auch für diese Seiten öffnen, um diese zu begreifen und um dafür friedliche Konfliktlösungen zu finden.

Ich komme nun noch einmal auf Anne-Liese Stern zurück und erzähle Ihnen eine Geschichte. Nach ihrer Internierung in einem französischen Lager und der Deportation in Viehwaggons nach Auschwitz Birkenau, erkrankte Anne-Liese Stern dort mit hohem Fieber. Krankheit war ein Selektionsmerkmal, mit der Gefahr der Vernichtung. Um sie davor zu schützen, brachte sie eine französische Freundin daraufhin in einer Schreibstube unter, die sich an dem Weg befand, der zum Krematorium führte und auf dem lange Menschenschlangen anstanden.

Diese hatte Anneliese Stern im Blick, als sie ungeübt im Schreibmaschineschreiben Listen abtippen sollte und ein SS Mann hereinkam, ihr ein Bündel Schmuck mit der Bemerkung auf den Tisch legte, „damit kennen Sie sich doch aus“. Sie verneinte und tippte weiter diese Listen. In einem Spiegel an der Wand sah sie, wie sich hinter ihr ein SS Mann mit hochgestelltem Bein von einer anderen Lagerinsassin einen Knopf an seinem Hosenschlitz annähen ließ.
Den Spiegel im Blick, befand sich vor ihr ein Fenster mit einem Blumenkasten Geranien und sie sah die lange Schlange der Menschen, die ins Gas gingen. Es war ein heißer Tag, die Sonne schien, wie sie auch heute scheint, und in der Schlange stand ein kleines Kind mit seiner Großmutter und zeigte auf das Gebäude mit dem Fenster. Es wollte, weil es großen Durst hatte, seine Großmutter zu einem dort angebrachten Wasserhahn ziehen. Davor stand ein Wachposten, der es zurückwies und in Richtung des Krematorium deutete und sagte: „Dort, da unten, da gibt es Wasser!“.

Dort gab es kein Wasser, dort gab es den Tod!

In der Ukraine gibt es Waffen! Und es sollen noch mehr Waffen werden.
Dort wird der Tod gegeben und von dort kann, wenn dieser Konflikt zwischen den USA, den NATO-Staaten und Russland weiter eskaliert, der Tod auch sehr schnell noch zu uns kommen!

Noch nie haben wir seit der Kubakrise so dicht vor einem Dritten Weltkrieg und einem Atomkrieg gestanden!
Sorgen Sie mit dafür, dass die Stimmen der Vernunft und der Bedachtsamkeit zu einer menschlichen Lösung eines schrecklichen Konflikts führen.
Sorgen Sie auch mit ihrer Stimme dafür, dass diesem kriegerischen Konflikt nicht noch mehr Menschenleben in der Ukraine, in Russland, in Europa und anderswo durch Hunger und Vernichtung geopfert werden!
Sorgen Sie mit dafür, dass nicht noch mehr Leid und Leiden auch unter 1 Milliarde hungernden Menschen und 1 Million verhungernden Menschen angerichtet werden!
Lassen Sie uns an einer Lösung arbeiten, mit der alle an dem Konflikt Beteiligten leben können!
Kriege machen die Menschen zu Verlierern und hinterlassen immer Tod und Verlust, außer bei der Rüstungs-Industrie, ihren Lobbyisten, Anteilseignern und Aktionären.
Es werde Frieden für die Ukraine, es werde Frieden für den Rest der Welt!
Es wird Frieden, wenn die Menschen bereit sind, für ihre Interessen gegenüber der Politik und der Wirtschaft einzutreten, statt sich von dieser durch sich erhöhende, nicht menschendienliche Steuerzahlungenund von den Konzernen durch aktuell stattfindende unverschämte Preistreiberei berauben zu lassen!
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!


Eingestellt von Gertrud Margot Salm

Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

BBCode-Formatierung erlaubt
Formular-Optionen