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Eine Gänsehirtin, die nicht nur durch Gesang den Grafen bezaubert

Das Märchen der Gebrüder Grimm kennt meine Sitznachbarin nicht. Sie stammt aus Steinau, dort haben die Grimms ihre Jugend verbracht. Und dort ist sie als Kind jeden Samstag ins Grimmschen Marionettentheater gegangen, sie ist also "vorbelastet". Die Texte kennt sie in und auswendig, nur die Gänsehirtin eben nicht. Die Kinder aus Syrien, Iran und Irak kommen aus Rothenditmold. "Der wohnt im anderen Haus, nur gerade eine Straße ist zwischen uns", sagt ein schmaler Junge, der seit 9 Monaten in Deutschland lebt. Sie sprechen erstaunlich gut Deutsch. Wir führen eine kleine Debatte, wer mit wem welche Sprache sprechen kann und dass der Junge mit dem blauen Kapuzenpulli nervt. "Und wie findet Ihr das Stück?", frage ich in der Pause. "Toll," ist die Antwort. Das glaube ich ihnen, sie sitzen nämlich die eineinhalb Stunden erstaunlich still, nur beim unvermeidlichen Kuss am Ende werden sie unruhig und kichern.
Obwohl man den Kuss gar nicht richtig sehen kann. Nun also die Kurzform: Ein cholerischer Vater König, der mit seinem nahen Ende kokettiert, will wissen, welche seiner drei Töchter ihn am meisten liebt. Die fröhlichen Prinzessinnen machen sich ein Spaß daraus. Der endet, als die Jüngste meint, sie liebe den Vater wie Salz. Der Vater wird wütend und verbannt sie. Und damit nimmt das Schicksal seinen Lauf, das wie immer gut und mit einem Kuss vorläufig endet. Dazwischen aber wird viel gesprochen und ausgesprochen schön gesungen. Die unglückliche Königin (Gudrun Sauer) schreit ihren Schmerz über die Verbannung mit einem Nein heraus und besingt höchst melodisch und überzeugend ihre Trauer. Die zwei übrig gebliebenen Prinzessinnen ( Daniela Ackermann und Jeannine Kollatz) beklagen sich im Duett, dass sie für ihre trauernden Eltern gar nicht mehr existieren. Der König (Hardy Siedler) ist im Nachhinein zerknirscht und seufzt musikalisch. Das ganze Singspiel wird von Nornen (schicksalsbestimmende weibliche Wesen - abgeschrieben aus wikipedia- Susanne Schmidt, Gudrun Brede, Grit Höhmann) begleitet, die immer wieder auftauchen und das Geschehen in Wort und Gesang kommentieren. Manchmal sind die auch ein wenig gruselig. Das arme verstoßene Kind (Hanna Zimowski) ist mittlerweile bei einer Alten (Susanne Schmidt) untergekommen und hütet da Gänse. Sie ist durch eine Halbmaske arg verunstaltet, singt aber immer noch schön. Die beiden verstehen sich gut. Dann taucht der Grafensohn auf. Die Alte erwischt ihn auf seiner Wanderschaft und überredet ihn, für sie Holz und Körbe zu tragen, die ihr zu schwer sind. Listig wie sie ist, verhext sie das Gepäck und der arme Grafensohn kann nur noch kriechen, so schwer wird es ihm. Dadurch aber zeigt sich sein gutes Herz und sein Durchhaltevermögen. Die Heiratskandidatenprüfung hat er jedenfalls bestanden. Nun muss er nur noch erkennen, wie schön die maskierte Gänsehirtin alias Prinzessin in Wahrheit ist.

Das Lichtraum-Theater ist ein alter Hase, was Märchensingspiele angeht. Und das merkt man dieser Inzenierung an. Was Freude macht und mitbibbern lässt, sind neben Soli, Duett und Choreinlagen (Gesamtleitung, Musik, Text und Bühnebild von Susanne Schmidt) das beschwingte Spiel, der Witz und die köstlichen Regieeinfälle (Regie: Brunhild Falkenstein), die dem Publikum sichtlich und hörbar Freude gemacht haben. Auch die zwei trotteligen Wachleute (Lukas Schupp und Clemens Wippermann) kamen äußerst gut an. Ein Seufzen bei den zu Herzen gehenden Sequenzen und ein fröhlicher Applaus mit Getrampel als Publikumsdank am Schluss. Wie gesagt: Das Märchen ist nicht so bekannt, aber bekannt genug, dass der etwa Zehnjährige aus Syrien es bereits auf dem Notebook in seiner Heimat gesehen hat. Aber live auf dieser Bühne, das ist doch eine ganz andere Sache.
Nächste Vorstellung morgen 13.Januar 2019 um 17.00 in der Korbarcher Str.30, Kassel- Nierzwehren.

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