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„Wir können selbst etwas tun!“

Mit Themen wie „soziale Gerechtigkeit“ und „Nachhaltigkeit“ setzten sich Interessierte aus Kassel und Region in verschiedensten Workshops im Vorfeld der Konzertlesung „Die Welt im Zenit“ auseinander.

Noch unbeschriebene Zettel und Stifte liegen wild verstreut auf dem Tisch. Nachdenkliche Gesichter, erste Notizen entstehen. Aufgabe ist es, festzuhalten, was für die Workshopteilnehmer subjektiv Glück und Glücklichsein, ein gutes Leben und eine nachhaltige Lebensweise bedeutet. Nach einer Weile verstummt das Gequietsche der Filzstifte, die Teilnehmer erheben sich leise und heften ihre niedergeschriebenen Gedanken auf die Pinnwand: eine Mindmap rund um das Thema „Gutes Leben“ entstand so am Samstagnachmittag.
Soziale, ökonomische und ökologische Krisen: Im Zusammenhang mit Patricia Gualingas Berichten vom Kampf um den Erhalt des Regenwalds, von dem die Aktivistin, aus dem ecuadorianischen Teil Amazoniens, dann am Abend anhand einer Konzertlesung berichteten sollte, verfolgten am Nachmittag Interessierte aus Kassel und Region in ihren Workshops das leitende Motiv des „Buen Vivir“, des Guten Lebens. Dabei handelt es sich um eine Weltanschauung der indigenen Völker Lateinamerikas, die eine Lebensweise im Einklang mit der Natur in den Fokus stellt und die vor dem Hintergrund der globalen Krisen auch international zunehmend ins Blickfeld rückt. Als „Buen Vivir“ in Ecuador und „Vivir Bien“ in Bolivien genießen diese Konzepte Verfassungsrang.
Dr. Ute Giebhardt, Frauenbeauftragte der Stadt Kassel, begrüßt die Teilnehmenden. Foto: Reimund Lill
„Ganz wichtig für die Stadt Kassel ist, dass Engagement gezeigt wird und dass durch zivilgesellschaftliche Organisatoren aus Kassel und der Region Räume geschaffen werden, um solche Diskurse zur Nachhaltigkeit führen zu können“, übernahm Ute Giebhardt, Frauenbeauftragte der Stadt Kassel im Namen der Stadt das Grußwort, ehe eine kurze Vorstellung der vier Workshops folgte.
Tobias Kalt bot einen Workshop mit dem Titel „„Auf Kosten anderer? Imperiale Lebensweise und das Gute Leben für Alle“ an. Thomas Staude leitete im wirtschaftlichen Kontext den Workshop „Regionalgeld“. Im Rahmen der Theologie spannten Stefan Ahr und Wolfram Dawin mit dem Workshop „Sich die Erde untertan machen? Schöpfung bewahren! Theologische Positionen für ein gutes Leben“ einen theologischen Rahmen. Tina Kruggel bot einen philosophisch geprägten Workshop zum Thema „Glück, Bildung und Nachhaltigkeit“ an.

Die Brücke zwischen Regionalität und Internationalität
Thomas Staude von Transition Town (rechts) stellt seinen Workshop vor; im Hintergrund: Vera Lasch vom KulturNetz. Foto: Reimund Lill
„Das Geld soll zirkulieren, nicht gehortet werden!“, erklärt Thomas Staude, Mitglied von Transition Town und Mitbegründer der Bürgerblüte, die Idee von Regionalgeld in seinem gleichnamigen Workshop.
Dabei erklärt er den Grundgedanken hinter der Regionalwährung, die langsam Einzug in Kassel hält, und worin es sich zum üblicherweise genutzten Euro unterscheidet. Bei der Bürgerblüte handelt es sich um Gutscheine, die im Wert von 1:1 gegen den Euro bei einer regionalen Ausgabestelle eingetauscht werden können. Mit diesen Gutscheinen kann der Konsument bei regionalen Anbietern beispielsweise Lebensmittel erstehen. Das stärkt die lokale Wirtschaft, und fördert den Erhalt einer kulturell lebendigen Region. Denn durch die Vernetzung der Bürgerblüte mit regionalen Anbieterin zirkuliert dieses Geld nur innerhalb der Region. Beispielsweise können Konsumenten mit der Bürgerblüte Produkte von Biobauernhöfen kaufen, und fördern so die regionale Agrarwirtschaft. Der Gebrauch der Bürgerblüte ist auch bei Anbietern wie einer Töpferei, einer Buchhandlung, einer Eisdiele und vielen weiteren Ausgabestellen möglich.

„Ich finde es wichtig, sich zu vernetzen, sich zusammenzutun und für das Gute zu kämpfen“, begründete Teilnehmerin Katja Weitzdörfer ihre Teilnahme am Workshop „Auf Kosten anderer?Imperiale Lebensweise und das Gute Leben für Alle“.
Tobias Kalt, Foto: Reimund Lill
Bei diesem Workshop stellte Tobias Kalt, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel, das Konzept der imperialen Lebensweise von Ulrich Brand und Markus Wissen vor. Kritisch analysierend zeigt dieses auf, wie tief der steigende Konsum von Luxusgütern im Verbraucher, vor allem denen aus der westlichen Welt, verankert ist, und welche Konsequenzen global für Mensch und Natur daraus entstehen. So erläuterte Tobias Kalt den Teilnehmenden, wie ihr Alltag und ihre persönliche Lebensweise innerhalb eines kapitalistischen Systems mit sozialen, ökonomischen und ökologischen Krisen zusammenhängen. Dies sorgte innerhalb des Workshops für eine lebhafte Diskussion. Mit konkreten Beispielen wie Mobilität, Ernährung und Digitalisierung beschäftigen sich die Teilnehmer in kleinen Arbeitsgruppen und konkretisierten so, wie sich Ausbeutung und Umweltschädigung manifestieren, und welche Alternativen es gibt, um diese einzudämmen.
Workshop "Imperiale Lebensweise". Foto: Reimund Lill
„Ich finde das Konzept der imperialen Lebensweise, das kritisierende Aufzeigen der Konsequenzen unseres tagtäglichen Konsums deshalb interessant, da es die Wichtigkeit der Alltagserfahrung der Menschen einbezieht“, erläuterte Daria, eine Besucherin dieses Workshops ihr persönliches Fazit, das sie aus diesen zwei intensiven Stunden zog.

Theologische und philosophische Ansätze
Stefan Ahr; Foto: Reimund Lill
„Macht euch die Erde untertan! – So ist es nicht gemeint“, machte Stefan Ahr, tätig im katholischen Dekanat Kassel-Hofgeismar, deutlich. Diese Quintessenz den Teilnehmenden ihres Workshops näherzubringen, war das zentrale Anliegen von Stefan Ahr und Wolfram Dawin, Mitarbeiter des Zentrums Oekumene der evangelischen Kirche, und sollte den Teilnehmenden den verbindenden Charakter der Schöpfungsgeschichte, Mensch und Natur im ebenbürtigen Einklang, aufzeigen. Das Ziel der Workshopleiter war es, auf der einen Seite zu betonen, dass der Mensch Teil der Schöpfung ist, und nicht ein Unterwerfer der Natur. Auf der anderen Seite stellten die Leiter dieses Workshops ein altes Prinzip der katholischen Soziallehre vor: den Dreischritt „Sehen, urteilen, handeln“. Anhand eines Films zum Thema „Ernährung“ betonten Stefan Ahr und Wolfram Dawin die Notwendigkeit, dass jeder Einzelne über seine Werte bei seinem Lebensmittelkonsum nachdenkt. Darüber hinaus wiesen sie auf den hohen Grad der alltäglichen Verschwendung durch die heutige Ernährungsvielfalt und selektierenden Normwerten beim Lebensmittelimport, hin.

Tina Kruggel; Foto: Reimund Lill
In dem Workshop von Tina Kruggel, Mitglied der Kopiloten Kassel, „Glück, Bildung und Nachhaltigkeit“, ein Konzept, das besonders den Erwerb derer Kompetenzen des Menschen betont, um in der global angeschlossenen Welt nachhaltig handeln zu können. Über diesen Zusammenhang dieser drei Begriffe sprachen die Teilnehmenden anschließend auf philosophischer Basis. Dafür erarbeitete sie mit den Teilnehmenden eine Mindmap, was das gute Leben für sie konkret bedeutet. Im Anschluss gab Tina Kruggel eine kurze Einführung in die Struktur der „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Danach spannte sie mit den Teilnehmern den Bogen zur aktuellen Glücksforschung, konkret zu den Theorien von Jochen Dallmer, der sich besonders mit diesem Bildungskonzept beschäftigt.

Plenum; Foto: Reimund Lill
Zum Abschluss der Workshopphase fand ein Plenum statt, bei dem die Teilnehmenden den anderen ihre jeweiligen Diskussionsstränge und Arbeitsergebnisse präsentierten.
Diese überführten die Teilnehmer in einen Gesamtkontext, bei dem sie weitere Überlegungen anstellten, wie eine Lösungen zu den aufgezeigten Problematiken aussehen könnten. Dass es keine eindeutigen Lösungen gibt, kristallisierte sich anhand ihrer lebhaften Diskussion heraus. Allem voran nannten die Teilnehmenden die Notwendigkeit einer Umorientierung der Lebensweise und eines neuen Lernprozesses als mögliche Ansätze. Zudem äußerten die Teilnehmenden als Anregung für die Organisatoren Ideen für weitere Workshops, die ihnen helfen würden, sich noch vertiefender mit der Thematik des „Guten Lebens“ auseinanderzusetzen. Im Zuge dessen fielen Workshopvorschläge zur „Kommunikation“ im Sinne eines besseren Austauschs auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen. Darüber hinaus äußerten sie den Wunsch nach einer tiefgreifenderen Diskussion, um verstärkt Leitlinien zur Praxis einer solidarischen Lebensweise aufzustellen, die der imperialen Lebensweise entgegenwirken können. „Wir sind alle Mini-Imperialisten,“ sagt eine nachdenklich gewordene Teilnehmerin: „Was die Änderung dieser negativen Lebensweise betrifft, liegt es an uns selbst. Wir können selbst etwas tun!“



Die Förderer



Organisatoren:
Universität Kassel – FB Gesellschaftswissenschaften, Fachgebiet Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien
KulturNetz Kassel e.V.
Katholisches Dekanat Kassel-Hofgeismar
Zentrum Ökumene der evangelischen Kirche Hessen-Nassau
Kopiloten e.V.
Karibu Kassel e.V.
Transition Town Kassel e.V.
StadtZeit Kassel Magazin
Alle Organisatoren arbeiten ehrenamtlich für diese Veranstaltung und verfolgen damit keinerlei Gewinnabsichten.
 
Schirmherrschaft:
Oberbürgermeister der Stadt Kassel
 
 
Ideelle Unterstützung der Veranstaltung durch:
Martina Werner, Mitglied des Europäischen Parlaments
Timon Gremmels, Mitglied des Deutschen Bundestags
Dr. Bettina Hoffmann, Mitglied des Deutschen Bundestags
Karin Müller, Mitglied des Hessischen Landtages
 
Förderer:
Gefördert durch ENGAGEMENT GLOBAL im Auftrag des BMZ
Evangelische Bank eG
Katholischer Fonds


Online: https://de-de.facebook.com/gutes.leben.kassel.region/

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