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Neue Rechtshistorie betreffs Nazi-Urteilen

Es ist eine winzige Nachricht mit, jedenfalls für mich, ungeheuren Ausmaßen. Einige haben vielleicht Filme über den damaligen hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gesehen, die plastisch zeigen, welche Kämpfe dieser Mann mit den Post-Nazi-Besetzungen an deutschen Gerichten (s. Auschwitz-Prozesse) und der Vertuschungspolitik auszufechten hatte. Das "Forschungsjournal Soziale Bewegungen" hat unlängst berichtet über ein Urteil des 3. Strafsenats des BGH, das die Rechtsauffasssung Bauers, es handle sich um direkte Täter, nach Jahrzehnten bestätigt: eine grausame Zeitverzögerung.
Ich darf Ansgar Klein zitieren, der die Details schildert. Anhand der beiden Fälle Gröning und Demjanjuk (der Name ist mir ins Gedächtnis gebrannt) war von den Gerichten "die Sicht, die Täter seien reine Befehlsempfänger gewesen - und die rechtliche Verantwortung liege in der Spitze der totalitären Elite des Nationalsozialismus allein – dominant richterlich vertreten" worden. Und das in der ganzen Republik, die ihre Ruhe haben wollte. Bauer wurde also insofern abgeschmettert; aber so geht es dann: wenn man tot ist. "Insofern also hat der BGH diese Zuweisung aktiver Verantwortung an Funktionsträger in der Breite des KZ-Vernichtungssystems die von Fritz Bauer vertretene Rechtsauffassung bestätigt". Die direkte Mitverantwortung ist also jetzt "rechtlich gegeben" und zwar "höchstinstanzlich".
Was nutzt uns das nun? Bauer nichts mehr. Den Zeiten? Der Idealismus eilt frisch voraus, der Realismus kommt Jahre zu spät. Ich fühle mich erleichtert, dass Gottes und sonstige Mühlen zwar langsam mahlen, aber dann doch noch, überraschend, eine gescheite Frucht hervorbringen. Gröning hat vielleicht den Fehler begangen, eine Revision anzustreben, auf die er jetzt diese Quittung bekommen hat. Sonst wäre möglicherweise die Geschichte in ihrem Orkus gelandet und vergessen worden. Ich bin sehr froh.
Das Heft mit dem Schwerpunkt Fritz Bauer (4/2015) hier.

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Kommentare

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Margot am :

Wer den Film gesehen hat und die Geschichte um die rechtliche Aufarbeitung derTäterschaft im NS-Staat auch nur etwas kennt, kann Deine Frohsein verstehen. Ich freu mich darüber, dass ich das erfahre. Danke.

Marlis Cavallaro am :

Ich danke auch für die Nachricht, die hätte mich ja sonst nicht erreicht.
Meine Kindheit in den 50er und 60er Jahren - als Tochter und Enkelin von Naziverfolgten und -gefolterten - war beherrscht von den regelmäßigen verzweifelten und wütenden Darlegungen meines Vaters zu diesem Thema. "Die Dreck-Schweine" seien überall noch präsent, an Gerichten, in Schulen, in Verwaltungen, sogar früheren Gestapo-Prüglern könne man weiterhin als Polizisten begegnen, und bei Straßendiskussionen zischten ihn Kerle an, ein nächstes Mal werde er als Sozi gewiss nicht überleben, dafür würden sie dann schon sorgen. Aber angeblich sei niemand mehr Faschist, niemand wolle was gewesen sein, die bösen Nazis wären immer andere gewesen, jeder hätte nur Befehle ausgeführt...Und dafür bekäme das Gesocks dicke Pensionen, während kleine Widerständler wie er nicht einmal eine ordentliche Entschädigung zugesprochen erhielten.
Der Name Fritz Bauers fiel damals oft, sodass ich als Erwachsene die Filme über sein Engagement als nachträgliche Erhellung zu einem vertrauten Nachhall begrüßte.
Als noch ziemlich junges Kind - altersgemäß alles wörtlich nehmend - prägte die Aussage sehr mein Alltagserleben, dass überall um mich herum die Bösen, die dem Vater die Zähne ausgeschlagen hatten, durch die Gegend liefen und vollkommen straflos weiter böse sein durften. Wenn es dunkel wurde, sah ich sie in jedem Schatten schleichen. Und falls sie mal wieder "rankämen"...sagte der Vater oft.
Als Kleine konnte ich nicht verstehen, warum die böse waren, weil sie Opa und Vater geprügelt hatten, während wir kleinen Kinder - entsprechend den damaligen Sitten - ständig geprügelt wurden, weil wir so böse waren. Warum waren Opa und Papa geprügelt worden, wenn sie gar nicht böse waren?Und werden wir auch die Zähne verlieren, weil man uns schlägt?
Ich hatte damals Träume, in denen frei herumlaufende "böse Nazis" mich einfach packten und prügelten oder ins Feuer warfen. All das thematisierend ein Erlebnis an einem früh dunkelnden Herbstabend - ich mag sechs Jahre alt gewesen sein. Mir kommt eine Schattengestalt langsam entgegen, als ich vom Kinderturnen auf dem Nachhauseweg durch die Oberzwehrener Wohnsiedlung bin. Die Gestalt verlangsamt ihre Schritte und stiert mit vorgestrecktem Schädel nach mir. Ich laufe erschrocken hinüber zum Trottoir auf der anderen Straßenseite - das ist jetzt bestimmt ein böser Nazi, der mich holen will! Da kommt der schwarze Kerl quer über die Straße auf mich zu! Ich beginne so laut zu schreien, dass sich ringsum Fenster zu öffnen beginnen....
Mein Vater musste dann den Leuten glaubhaft machen, dass er kein "Sittenstrolch" war, sondern mein Vater, und mich vom Turnen hatte abholen wollen. Im Dunkeln hatte er mit vorgerecktem Kopf ergründen wollen, ob der entgegenkommende Schatten eines kleinen Mädchens der seiner Tochter war.
Später schien mir, das Erlebte war wie aus einem mehr als das bewusste Ich verstehenden Traumbewusstsein entstiegen: Der freiheitsliebende heldenhafte junge Antifaschist, der jüdische Menschen versteckt hatte und in Augen von Nazis todeswürdig war, wurde durch seine Prügelpädagogik für die eigenen wehrlosen Kinder selber ein folternder Nazi. Doch niemals hätte das Kind dies aussprechen können oder dürfen. Eine Wahrheit, die erst im Erwachsenenalter aus dem Schatten treten konnte.
Dass die Verbrecher sich als nichts dafür könnende reine Befehlsempfänger, also selber sozusagen Opfer einer die Macht usurpierenden Teufelsbande darstellen und empfinden konnten, hat für Generationen Gift und Schimmel, Ängste, gruselige Gefühle in den Poren des gesellschaftlichen Gewebes gelassen.
Wie Fritz Bauer haben mein Vater und mein Großvater ebenfalls nichts mehr vom Urteil. An Kindheitsschrecken unserer Generation ändert es auch nichts. Aber als ihre Erbin kann ich es erfreulich finden.

Gleichwohl ändert es etwas - möglicherweise nach und nach in die Kapillaren der Wirklichkeit und der Gedanken dringend.

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