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Charlie Parker Is Dead..., aber sein Saxophon lebt

Foto: Karl-Heinz Mierke
Eine Kritik des Fünfpersonenstücks von George Nowak im Theaterstübchen.

Charlie Parker war ein Saxophonist und Komponist, der den Jazz richtungsweisend beeinflusste. Als Miterfinder des Bebops und herausragender Musiker, wurde er berühmt für sein schnelles Spiel, seine Dissonanzen und Rhythmusverschiebungen. Mit 35 Jahren starb er, auch körperlich lebte er zu rasch und zu dissonant. Das Phänomen Charlie “Bird“ Parker wurde vom Saxophon Theater als überirdischer Tonerzeuger und allzu irdischer Fixer auf die Bühne gebracht, mit Saxophon und Schauspiel, arrangiert und inszeniert von George Nowak.
Charlie Parker klingelt bei einer Freundin. Er sieht elend aus. Es ist nichts, meint er und setzt sich auf einen Stuhl. Doch gleich darauf beginnt er zu würgen und spuckt Blut. Die Freundin ruft den Arzt. Eigentlich müsste er ins Krankenhaus: Leberzirrhose und Magengeschwüre. Er weigert sich. Charlie Parker sitzt auf einem Stuhl, reißt Witze, hält inne, dann stirbt er. So beginnt das Stück „ Charlie Parker Is Dead...„. Parker stirbt dezent und in guter Gesellschaft, seine Mäzenin Baronesse Pannonica de Koenigswarter und ihre Tochter Berit sind anwesend. Hinter einer erleuchteten weißen Wand spielt ein Schatten wie wild Saxophon.

Danach beginnt die große Rückschau. Bis in die Jugend werden einzelne, teils kurze Szenen gezeigt, die einen verspielten, lachenden Charlie „Bird“ Parker zeigen, der drogensüchtig, schnorrend und ohne Rücksicht auf irgendwen das durchzieht, was er gerade im Sinn hat. Unvergesslich, wie er Dizzy Gillespie und seine Freundin aus dem Tiefschlaf klingelt, weil er ihm unbedingt „please, Diz, please“ eine Entdeckung auf dem Saxophon vorspielen möchte. Sehr schön gespielt von Michael Mill (Dizzy Gillespie) und Swarna Rautianen (seine Freundin), die schlafend übereinander liegen und deren Körper bei jedem Klingelton hochgerissen werden, bis sie sich missmutig aus dem Bett schälen. Dass es „Bird“( Eddie Jordan) trotzdem gelingt, den verärgerten Dizzy im Schlafanzug mit seiner Begeisterung zu infizieren und die beiden mitten in der Nacht miteinander völlig weggetreten auf ihren Instrumenten spielen, brachte Gillespieechten Ärger mit der Vermieterin ein.
Die Begeisterung spielt Eddie Jordan als Charlie mit leuchtenden Augen, das Saxophon aber spielt ein anderer. Matthias Schubert ist die kongeniale Besetzung für den Saxophonisten Parker. Es ist unglaublich, was dieser außergewöhnliche Saxophonist aus sich und seinem Instrument herausholt. Zu Beginn nur als Schatten sichtbar, improvisiert er frei nach Motiven von Charlie Parker und Thelonious Monk. Sein Saxophon atmet, kreischt, stöhnt, singt, schreit, wird zum Tier, zur Lunge, zum Beischläfer und verwandelt sich wieder in ein Instrument. In einer der wenigen Sexszenen mit einem Groupie (Svetlane Smertin), bei der man außer Parkers nacktem Oberkörper und zwei nackten Armen, die sich um ihn legen, nichts sieht, hört man dafür alles. Schubert pustet und stöhnt bis zur Klimax auf dem Saxophon herum, dass das Publikum wie Vierzehnjährige zu kichern beginnt. Er begleitet sämtliche Szenen mit seinem Saxophon; einmal aber überspielt er sie. Dagegen können sich auch die sonst präsenten Schauspieler nicht durchsetzen. Wenn er im Laufe des Stückes mit auf die Bühne kommt, werden seine Spielwut und Fingerfertigkeit auch sichtbar, was an einigen Stellen so wirkt, als habe er nicht zwei, sondern vier Hände.

Außer Eddie Jordan, der immer Parker bleibt und Matthias Schubert, der immer Saxophon ist und spielt, verwandeln sich alle Anderen ständig in irgendwen. Sie ziehen sich am Rande der Bühne um, bleiben mit dem Rücken zum Publikum stehen und beginnen dann ihr Spiel. Swarna Rautianen und Svetlane Smertin sind nicht nur eifersüchtige Witwen, begeisterte Groupies, die weggetragen werden, Kind, Vermieterin, Geliebte, Ehefrauen, sondern auch zwei Tänzerinnen, die sparsam anmutige Gesten und Bewegungen in die Sequenzen hineintragen. Stimmlich sind sie manchmal zu leise, dafür im Ausdruck stark. Der größte Verwandlungskünstler allerdings ist Michael Mill. Er wechselt nicht nur vom Freund zum Journalisten, Biographen, Club-Besitzer, Manager, Mitmusiker, Kommentator, sondern er tauscht auch das Geschlecht. Mit wenigen Mitteln wandelt er sich ohne Übertreibung zur besorgten, reichen Jazzmäzenin Pannonica und zuletzt zu Charlies Mutter mit dem Gang einer alten Frau. Er ist der, der das Tempo vorgibt, der von Charlie Parker angepumpt und erniedrigt wird, der es nicht mehr aushält mit ihm auf Tournee, weil dauernd Frauen mit Parker im gemeinsamen Zimmer nächtigen, der ausflippt , weil er sich auf nichts verlassen kann außer auf die Unzuverlässigkeit. Igendwann würgen sie sich gegenseitig hasserfüllt. Parker dreht sich um und hat sofort wieder vergessen. Eddie Jordann als Charlie Parker ist lässig, lässt Muskeln spielen, strahlt oder putzt runter, auf Englisch und auf Deutsch, alles durcheinander. Er geht ziemlich unberührt durch das Stück, was vermutlich der Figur Parker am nächsten kommt.
Die Regieeinfälle von Goerge Nowak haben neben der unaufdringlichen Dramatik, die dem Leben von Charlie Parker geschuldet ist, immer auch einen Witz im Detail. Die Requisiten im Stil der 50ziger Jahre sind ausgewählt, das Bühnenbild besteht aus nicht viel mehr als ein paar Stühlen und einen Gaderobenständer, aber man vermisst nichts. Im Theaterstübchen begann das Stück zu langsam und war insgesamt etwas zu lang, denn irgendwann war klar, wie dieser Parker tickt. Eine weite Strecke aber war es richtig tolles Theater mit einer richtig guten Musik.

Nächste Vorstellung von "Charlie Parker Is Dead..." am 20. Mai 20:15 Staatstheater Kassel, TiF

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