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Neulich in der Notaufnahme

Von Schwestern, Ärzten, Wartenden und dem Wischmop.
Um 11.45 stehe ich vor der Notaufnahmeanmeldung. Eine freundlichen Blaugekleidete fragt nach meinen Wünschen...
Ich erzähle ihr, was meine Kollegin Oberärztin gesagt hat. Sie schiebt mir ein Plastikarmband mit meinem Namen, ein Blatt mit Namensaufkleber und die Nummer 126 über den Tresen. Kurz darauf sitze ich im Wartebereich, der aussieht wie im Flughafen. Die Wartenden haben allesamt ihre Köpfe zum Fernseher an der Wand gedreht, den Ton kann man kaum hören. Es gibt Nachrichten am laufenden Band. Ein Lichtkasten schräg darunter zeigt Nummern, die äußerst langsam wechseln. Wenn die oberste blinkt, muss man sich in ein Zimmer begeben. Die Zimmrnummer wird angezeigt. Meine steht nicht da, nicht mal in Warteposition, dafür werde ich nach einer dreiviertel Stunde aufgerufen. Der äußerst angenehme, gar gutaussehende Arzt führt mich in ein Zimmer, untersucht, ist mit mir einig, dass da nichts ist und bittet mich zu warten, bis ich beim Diagnosegerät an der Reihe bin. Die Schwestern haben mich bereits gesucht, die wollen Blut abnehmen, Blutdruck messen, EKG ableiten. Schon wieder ein angenehmes Wesen, ganz in Blau gekleidet, selbst die sterilen Einweghandschuhe sind blau. Sie habe sich einmal einen pinken Stauschlauch aus dem Internet besorgt, zur farblichen Auflockerung, aber der sei verschwunden. Das EKG–Gerät luchst sie sich singend irgendwo ab. Ich erzähle ihr von dem temperamentvollen Herzchirurgen Schranz, den ich im Zug traf und der die herzkranken Säuglinge und Kinder besingt. Deshalb braucht er für sie weniger Beruhigungsmittel. Zurück in den Wartebreich. Zwei Männer mit Sprechhilfen im Hals unterhalten sich, die Stimmen hören sich roboterhaft an, zwischen den Worten wird durch die kleine Öffnung Luft geholt. Bald werden sie weggehen, der eine allein, der andere mit seiner Frau. Überhaupt sind fast alle in Begleitung, nur ich nicht. In der Stunde zwei werde ich ins Diagnosegerät geschoben. In der Stunde drei lese ich mein Geburtstagsbuch „Der letzte Zeitungsleser“ von Michael Angele, das ich in der Straßenbahn begonnen habe, weiter. Es ist eigentlich ein schmales Buch über Thomas Bernhard und Peter Handke, ergänzt durch allzu vertraute Alltagsbeobachtungen. In Stunde vier lese ich immer noch, in Stunde fünf ist es ausgelesen. Jetzt werde ich langsam unruhig. Der im Jogginganzug mit der Krücke, der nichts mehr sieht, wenn er nach unten schaut, hat keine Zeit, um im Krankenhaus zu bleiben. Sollte er aber. Die mit der selbstdiagnostizierten Gallenkolik windet sich auf den Stühlen, weint und wird immer aufgebrachter. Ich gehe zur Anmeldung und bitte darum, dass sie behandelt wird. „Scheiß drauf, „sagt sie, “jetzt nehme ich Opiate“, und kramt in ihrer Tasche. Wenn ich mit ihr spreche, hört sie auf zu weinen. Ich habe mir ein Spiel mit Baumkarten gekauft und lerne jetzt Baumnamen auswendig. Dabei bekomme ich nicht mit, dass meine Nummer blinkt. Eine gereizte weibliche Stimme ruft mich auf, ich muss alles zusammen packen, das dauert. Die Frau schimpft mit mir. Im Behandlungszimmer eröffnet der immer noch angenehme Arzt, dass mir nichts fehle. Er geht nach draußen und kommt wieder zurück. Er könne mich aber trotzdem nicht gehen lassen, weil zwei Blutwerte nicht in Ordnung seien und der Internist mich sehen müsse. Zufallsbefund. Ich sitze im Wartebereich. Eine hochgewachsene, ältere Frau geht mit dem Wischmop als Stütze zwischen den Sitzreihen hin und her. Die Haare leicht karrotenrot gefärbt, erzählt sie, dass der Professor ihr vorgeschlagen habe, doch einen Nordic Walking Stock zu nehmen. „ Aber ich finde den Mop besser, der ist leicht, man kann mit ihm pendeln und gleichzeitig wischen. Mein Mann findet das unmöglich, aber ich finde das gut. Das machen wir Frauen ja sowieso und die Leute freuen sich, das ich gleich damit sauber mache.“ „Obwohl“, mein Einwand, „wir ja nicht mit Schürze und Putzlumpen geboren werden.“ „Nee“, lacht sie, „gewiss nicht. Darauf werden wir trainiert und – noch viel schlimmer- wir trainieren die Nächsten. Mein Sohn putzt nicht. Der nimmt sich lieber eine Putzfrau. Kürzlich hat er doch einmal sein Bad geputzt und ganz empört gemeint, er hätte eine halbe Stunde dafür gebraucht und es sei so là là gewesen.“ Sie wird aufgerufen. Ihr Mann schiebt den Rollstuhl hinter ihr her. Er sieht zerknautscht und strapaziert aus. Ich will nicht krank sein. „Herr Schmidt!“ Antwort: “Welcher?“ „Sie!“ Ein Wartender mit zwei Krücken reimt: „Herr Schmidt, kommen Se mit.“ Am Ende der Stunde 6 kommt ein freundlicher, schmaler Internist auf mich zu, meint, dass Alles nicht so schlimm sei und drückt mir einen Arztbrief in die Hand. Den Zugang im Arm hätte ich auch gerne noch los. Er zieht mir noch den Zugang heraus und klebt ein Pflaster drauf. Ich vergesse auf die Stelle zu drücken. Unten an der Rezeption entdecke ich das Blutrinnsal am Arm. Wieder hoch, nochmal Pflaster. Die Schwester kommt mit einer Schale: „So können sie nicht gehen, ist ja nicht Halloween.“ Und nach einer kleinen Pause: „Scherz muss sein.“ Draußen ist ein schöner Herbsttag gewesen. Ich laufe in der Dämmerung nach Hause. Mein Freund der Arzt meint, das mit der Notaufnahme, das müsse nicht sein. Das seien die Folgen der Sparmaßnamen von Sontheimer. Zu wenig Personal. Selbst Notärzte müssten da mit ihrem Patienten warten. Das sei die Zukunft, meint er wütend und resigniert zugleich.

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