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Brückeneinsturz – Neoliberalismus an der Sollbruchstelle?

Freier Wettbewerb, möge der Bessere oder der Billigere gewinnen! Durch Wettbewerb sinken die Preise, es entstehen Arbeitsplätze, die Innovation wird gefördert, die Investitionen steigen, ebenso der Wohlstand der Massen. Ist das so?

Natürlich, Wettbewerb drückt die Preise und es entstehen dort Jobs, wo sich die Menschen für wenig Geld verdingen müssen, um überhaupt Arbeit zu haben. Das kann man für richtig halten. Muss man aber nicht unbedingt.

Denn: Niedrige Preise werden in aller Regel durch Drücken der Lohnkosten und Senkung der Materialkosten erzielt. Keinesfalls aber durch Reduzierung der Kapitalrenditen, sprich Dividenden und Unternehmerlöhne.
Die Wettbewerbsspirale beschleunigt sich seit geraumer Zeit weltweit und nun kommen wir an den Punkt, an dem die Fliehkräfte die immer schneller drehenden Spirale zu zerreißen beginnen. Von der Unternehmerseite ist kein Einlenken zu erkennen. Die unanständig hohen Managergehälter werden trotz grober Managementfehler munter weiter kassiert, notfalls sogar eingeklagt. Die Arbeitskräfte hierzulande werden wie in den Billiglohnländern weiterhin für einen Hungerlohn schamlos ausgebeutet. Die Rohstoffgewinnung und -verarbeitung geht in allen Veredelungsstufen buchstäblich über Leichen – bei gleichzeitiger massiver Absenkung von Qualitäts- und Sicherheitsstandards.

Qualität und Sicherheit leiden auch in den Planungs- und Entwicklungsprozessen, im Ingenieurwesen und sogar in der Forschung. Denn auch hier ist das oberste Kriterium Kostensenkung. Ergebnis: Sinkende Qualifikation und Motivation der Mitarbeiter, sinkende Qualität des Outputs und damit eines gesamten Projektes.

Alles dies ist die zwingende Folge der Tatsache, dass die Kapitalrenditen nur im äußersten Notfall angepasst werden, andererseits aber durch den deregulierten Wettbewerb immer niedrigere Erlöse anfallen. Aber irgendwo muss die Dividende verdient werden. Wo, das wurde in den beiden vorhergehenden Absätzen grob aber eindeutig umrissen.

Wir sind an dem Punkt, an dem es immer häufiger kracht. Leider auch im wortwörtlichen Sinne: Der Einsturz einer im Bau befindlichen Autobahnbrücke am 15. Juni wird entweder auf Material- oder auf Planungsfehler zurück zu führen sein. Die krassen Planungs- und Kalkulationsfehler beim Berliner Flughafen, bei der Hamburger Philharmonie, beim Stuttgarter Tiefbahnhof, der Einsturz von Fabrikgebäuden in Bangla Desh, die Selbstmorde der Mitarbeiter in chinesischen Handyfabriken – sie alle sind letztlich das Ergebnis des enthemmten Wirtschaftsliberalismus.

Die Finanziers dieser Projekte, ihre Freunde in den Unternehmen und eine willfährige Politikerkaste kommen immer gut dabei weg. Da werden Millionen und Milliarden verdient, egal ob ein Flughafen jemals in Betrieb geht und Gewinne erwirtschaftet, ob die gebrochenen Stahlträger unterdimensioniert und/oder aus billigem China-Stahl gefertigt sind, ob ein paar Näherinnen oder bulgarische Lohnsklaven von Sub-Sub-Unternehmern dabei drauf gehen. Das alles ist freier Wettbewerb, und da ist eben auch immer ein bisschen Schwund dabei (nur nicht bei der Kapitalrendite, versteht sich, denn die zu erwirtschaften ist ja laut Aktiengesetz oberste Pflicht der Vorstände!).

Die dumme Unter- und große Teile der ebenfalls dummen Mittelschicht werden mit Brot und Spielen, immer neuen Trends und Gimmicks ruhig gestellt. „Kauf dich glücklich“, der Markt erledigt den Rest – buchstäblich. Kritische Betrachtung der Vorgänge jenseits des eigenen Konsumhorizonts findet nicht statt. So etwas stört nur die gute Laune. Aktuelles Beispiel: Bei der Übertragung des EM-Spiels Deutschland-Polen in einem angesagten Restaurant tönte der Kommentator samt Stadionlärm in voller Lautstärke aus den Boxen, so dass an Unterhaltung überhaupt nicht zu denken war. Bei den in der Halbzeit gesendeten Nachrichten, u.a. über den entsetzlichen Mord an einer britischen Abgeordneten, wurde der Ton abgedreht. Interessiert keine Sau.

Machen wir uns nichts vor. Diese Ignoranz, diese Oberflächlichkeit und der gravierende Mangel an Bildung sind gewollt. Denn sie stabilisieren das neoliberale System. Überfüttert mit Scheinsensationen und Scheinlösungen für Scheinprobleme hat der Konsument weder Lust noch Zeit, sich mit dem Ernst seiner Lage zu befassen. Und so werden der Tote unter der eingestürzten Brücke und die ermordete Parlamentarierin allenfalls zu einer großformatigen Headline gerinnen, die Frage nach den gemeinsamen Ursachen stellt sich niemand.

Also ist die Sollbruchstelle immer noch nicht erreicht? Offenbar. Die Katastrophen, Unglücke und Kriege werden weiter gehen und zunehmen. Die da unten sind zu dumm, es zu begreifen, die da oben rechnen sich aus, dass ihresgleichen über die Möglichkeiten verfügen, auch den finalen GAU zu überstehen. Sie werden dann die Stammväter und -mütter einer neuen Menschheit nach der zweiten Sintflut. Was werden die wohl ihren Kindern erzählen? Dass sie alles richtig gemacht haben...natürlich.

Da capo al fine, wie der Musiker sagt.

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