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Wir sind berühmt für unser Organisationstalent

Den Deutschen sagt man nicht zu Unrecht nach, dass sie Meister im Organisieren sind. Dafür gibt es auch eine Reihe von historischen Beispielen, die eindrucksvoll oder bedrückend demonstrieren, zu welchen logistischen Meisterleistungen wir fähig sind.

So gelang es uns zwei mal, halb Europa mit unseren Armeen zu überrennen. Dass es letztlich nicht zum gewünschten Ergebnis führte, lag weniger an der Logistik.

In den dreißiger und frühen vierziger Jahren schaffte es das Nazi-Regime, sechs Millionen Menschen aus der Mitte der Bevölkerung heraus zu holen, in Konzentrationslager zu verfrachten und zu ermorden. Eine enorme logistische Herausforderung, die aber so geräuschlos bewältigt wurde, dass die meisten Zeitgenossen nachher behaupteten, davon überhaupt nichts gewusst zu haben!

Ein direktes Ergebnis des zweiten misslungenen Eroberungsfeldzugs war ab 1945 ein gewaltiger Flüchtlingsstrom aus den verlorenen deutschen Ostgebieten. Das Land lag in Trümmern, die Menschen lebten vom Tausch- und Schwarzhandel, es gab Lebensmittelkarten und ansonsten nur Aufräumarbeiten.

Womit wir beim Thema wären: Flüchtlinge...
Zu den rund 65 Millionen Menschen in den damaligen Besatzungszonen kamen in den Nachkriegesjahren noch einmal 12 Millionen hinzu, das sind gut 20 Prozent - wie gesagt: in ein zerstörtes, traumatisiertes Land mit kaputter Infrastruktur. Auch mit dieser logistischen Herausforderung wurden wir fertig (natürlich auch mit Hilfe von außen) und haben es sogar geschafft, zumindest im Westen ein „Wirtschaftswunder“ hinzubekommen.

Die Jahre danach waren gekennzeichnet durch einen permanenten Zustrom von Hunderttausenden von DDR-Flüchtlingen, der im Westen mühelos bewältigt wurde. Ebenso die große Welle der Ostdeutschen, die nach der Wende nicht schnell genug alle Segnungen des Kapitalismus im Westen bekommen konnten.

Ab 1993 hatte das wiedervereinigte Deutschland zusätzlich rund vier Millionen deutschstämmige Spätaussiedler aus der Sowjetunion, Polen und einigen Balkanländern zu verkraften. Hier gab und gibt es bis heute einige Integrationsprobleme, die leider nicht dazu geführt haben, dass der Staat endlich ein Integrationskonzept entwickelt hätte.

Das hat er schon seit den späten 50er Jahren verschlafen, als man begann, „Gastarbeiter“ anzuwerben. Heute machen diese gut sieben Millionen Menschen rund 9 Prozent unserer Bevölkerung aus! Das Zusammenleben klappt überwiegend reibungslos, aber in erster Linie deshalb, weil man weitgehend parallel nebeneinander her lebt. Integration geht anders.

Grob gerechnet kann man feststellen, dass wir seit Kriegsende gut 20 Millionen Menschen in unserem Land aufgenommen haben, und die größte Portion davon in Zeiten, die erheblich schlechter waren als heute. Das sind rund 25 Prozent der Bevölkerung, es wird also kaum jemanden geben, der im weitesten Sinne keinen Verwandten mit Migrationshintergrund hat! Deutschland ist also keineswegs untergegangen, ganz im Gegenteil!

Und nun stehen wieder Millionen vor unserer Tür.

Was ist heute anders?

Uns geht es hervorragend, wir sind eines der reichsten Länder der Erde. Wir haben Platz, wir brauchen junge Menschen, die uns helfen, die Alterspyramide wieder vom Kopf auf das Fundament zu stellen. Wir haben das Geld für ein Wohnungsbauprogramm, eine bessere Konjunkturspritze kann es kaum geben. Wir haben eine Verwaltung, die wohl langsam begreift, dass sie hier auf dem falschen Fuß erwischt wurde und beginnt gegenzusteuern. Wir haben eine Regierung, die zumindest in Teilen ebenfalls begriffen hat, was zu tun ist und welche unglaubliche Chance in diesem Bevölkerungszuwachs mittelfristig steckt. Und die jetzt weiß, dass sie bei der Finanzplanung neue Prioritäten setzen muss. Wir haben eine Wirtschaft, die dringend Arbeitskräfte sucht - man muss sie nur daran hindern, ihre ausbeuterische Lohnpolitik als Spaltpilz in die Gesellschaft zu tragen.

Was uns bevorsteht, ist eine Zuwanderung von vielleicht zwei bis vier Prozent - Peanuts im Vergleich zu früheren Einwanderungswellen. Und je eher wir mithelfen, das von uns mitverschuldete Drama im Nahen Osten zu beenden, desto kleiner wird unser Problem in den kommenden Jahren. Denn dann kommen weniger Menschen und viele sagen schon jetzt, dass sie möglichst rasch wieder in die alte Heimat zurück wollen, wenn dort Frieden herrscht.

Wo also ist das Problem?

Es ist in den Köpfen von erschreckend vielen Menschen in diesem Lande. Es beginnt bei der ungefilterten Empfänglichkeit für völkische, rassistische und schlicht egoistische Parolen. Die Rattenfänger mit den einfachen Botschaften sind wieder unterwegs. Hier wird der Beweis erbracht, dass es selbst bei einem Volk mit unserem historischen Hintergrund jederzeit möglich ist, die dumpfen Massen wieder in Marsch und in Rage zu versetzen. Eine schwer erklärliche Besonderheit liegt darin, dass gerade dort, wo 40 Jahre Diktatur und Unfreiheit geherrscht haben und wo der Migranten-Anteil extrem niedrig ist, das abstoßende und wehleidige Geschrei am lautesten ist.

Die Rechtsradikalen machen uns vor, wie es geht: Einfache Botschaften, triefende Emotionalität und freche Lügen. Genau auf die Zielgruppe abgestimmt. Demonstranten, die befragt werden, sind fast nie in der Lage, in zusammenhängenden Sätzen eine klare Aussage zu ihrer Haltung zu machen. Sie sind mindestens uninformiert, meist krass desinformiert und fast immer ungebildet. Wirres Wutgestammel statt klarer Gedanken!

Nun hat Frau Merkel in den vergangenen Wochen vieles gemacht, was auch der politische Gegner zähneknirschend anerkennen musste. Dass sie und ihr Außenminister jetzt aber als Bittsteller zu den nahöstlichen Potentaten reisen, damit die uns die Flüchtlinge vom Halse halten, ist doppelt fatal. Erstens, weil sich diese Herrschaften ihr vermeintliches Entgegenkommen mit Milliarden vergolden lassen, die ganz sicher nicht dort landen werden, wo sie hin sollten. Und zweitens, weil unsere Politiker durch ihre Visiten im Kriechgang bei diesen archaischen Despoten komplett das Gesicht verloren haben. Türkei, Saudi Arabien, Iran - dort hat man gelernt, dass sich der Krieg in Syrien in jeder Hinsicht auszahlt. Für Russland dito! Mehr als eine kurzfristige Entspannung der Lage darf man nicht erwarten - und dann kommen die nächsten, noch höheren Forderungen. Mit Verbrechern und Mördern kann und darf man nicht verhandeln, und man darf ihnen schon gar kein Geld, keine Waffen und keine Partnerschaft auf Augenhöhe anbieten.

Die Milliarden wären garantiert besser angelegt für ein nationales Flüchtlingshilfe-Programm, mit dem Ziel, die Grundelemente der Integration - Spracherwerb und Unterkunft - so schnell wie möglich zu realisieren. Und ein Teil des Geldes muss sicher aufgewendet werden, dem uninformierten und verunsicherten Teil unserer Landsleute die Situation in so einfachen Worten zu erklären, dass sie es auch verstehen. Und wenn man schon mal dabei ist: Eine grundlegende Reform des Bildungswesens wäre die beste Maßnahme gegen zukünftige Volksverdummung und Radikalisierung!

Wir wär’s, wenn mal wieder ein Ruck durch dieses Land ginge? Die große Welle der Hilfsbereitschaft zeigt, dass das Potential da ist. Nur darf man sie nicht durch Panikmache und pessimistisches Geschwafel abebben lassen. Wenn die Politik mal mit positivem Beispiel voran ginge, dann spräche nichts dagegen, dass die Massen ihr nachlaufen!
Und wie gesagt: Organisationstalent haben wir ja...


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Kommentare

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Wolfgang am :

Tut mir leid, für einen kürzeren Text hatte ich keine Zeit!

MR am :

Ein typisch deutscher Irrtum, dass die Organisation wüsste, was sie organisiert. Man kann dazu zB entsprechende Werke von Dirk Baecker lesen.

MR am :

Ich halte es nach wie vor grauenhaft, in welcher Weise unsere Aufklärungsfraktion (grün/und/oder rot) in ihrer Begierde nach Durchblick sowohl unterinformatiert ist als auch hartnäckig an durchschautem Fehltritt festhält. Es würgt mich körperlich.

Wolfgang am :

Da würgt es mich glatt mit - parteienbezogen.

Hier ist jedoch die Rede von der kommunalen Verwaltung und von Institutionen, die sich redlich bemühen - was man anerkennen sollte. Ohne die und die Freiwilligen könnte man den Notstand ausrufen. Was auch nicht hülfe.

Ein weites Feld. Mir geht's darum zu zeigen, dass - ach Angela - wir es schaffen können.

VB am :

Es nicht schaffen zu wollen, ist aber kurzfristig bequemer - siehe diese Lusche von Innenminister oder die Schwarze Null.

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