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Die Pilgrim Mothers

Der "Spiegel" titelt: "Die Suchtmacher". Das Bild unterstellt plakativ einen Zusammenhang der McDonalds-Fritten-Tüte mit der abgewandelten Raucher-Aufschrift: "Essen kann tödlich sein". Das "kann" kann eigentlich wegfallen. Eine angesehene Essforschungs-Einrichtung hält ein Symposion ab unter der Frage, was Ethik mit Essen zu tun hat. Einfach gesprochen: Was darf ich denn nun noch essen? Ein Nachschlag dieses Themas wird heute verschickt mit der durchsichtigen Dessous-Frage: "Snacks - besser als ihr Ruf?" - Den Geier selbst aber kann nur ein "Spiegel" in die öffentlichen Dünste steigen lassen. Mit seinem Unterwäschen-Untertitel: "Wie Lebensmittelkonzerne uns verführen."
Die Unterstellung kann uns aufgeklärten Bürgern nicht verborgen bleiben, so sehr wir uns auch sträuben: Wir haben Kennedy umgebracht; wir haben die katholische Kirche beauftragt, kleine Jungs zu verführen; und wir, die Gemeinschaft der Esser, hat die Lebensmittelindustrie beauftragt, uns in analoger Weise zu missbrauchen, nur von vorne. Und wir haben die Pilgrim Fathers aus Europa rausgeschmissen, nur um sie jetzt als Pilgrim Mothers, d.h. eine besondere Sorte von Fanatikern, über die atlantische Verbindung wieder einzuführen. Die Schuldigen werden dabei umgekehrt (pervertiert). Nicht WIR sind es gewesen, sondern die ANDEREN. Also die Lebensmittel-Industrie hat uns als große Manipulations-Maschine in den Griff bekommen, ohne dass wir das bemerkt haben. Im 19. Jh. erfunden, um Hunger wegzumachen, macht sie uns jetzt hungrig nach einem Mehr ohne Inhalt.
Ich hatte mir vorgenommen, diesen Artikel unter der nochmal verschärften Innen-Überschrift "Die Menschen-Mäster" zu lesen. Getreu der Luhmann-Devise: Ordentlich arbeiten; nichts besprechen, was man nicht selbst gelesen hat. Ich kam über den ersten Absatz nicht hinweg, den ich hier also wiedergebe, weil ich meine Übelkeit sonst nicht mehr in den Griff bekommen hätte: "Die Tüte öffnet sich mit einem Knistern. Der Duft von Räucherfleisch steigt in die Nase. Hauchdünn, luftig geschwungen, rötlich bepudert locken die Kartoffelchips."
Und so geht es weiter. Für historisch Interessierte: 1957 wurden die "Hidden Persuaders" von Vance Packard veröffentlicht. Da war die Konsumkritik geboren. Damals besorgte man sich über per TV übertragene "unterschwellige Botschaften" jenseits des Wahrnehmungsbereichs - eigentlich auch hier eine verdeckte Paranoia-Theorie. Übrigens damals schon die deutsche Übersetzung interessant: Aus den "Verborgenen Überredern" wurden die "Heimlichen Verführer". Heute hält man es für selbstverständlich, dass der für aufgeklärt erklärte Bürger darüber aufgeklärt werden muss, dass nicht ER ES gewesen ist. Auch hier kann ich nur - wieder und wieder - rezitieren. Ein nach wie vor wunderbarer und -samer Titel von Odo Marquard lautet: "Die Kunst, es nicht gewesen zu sein."

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Kommentare

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Anonym am :

zur Konsumkritik am Beispiel des Films "Taste the Waste":
hxxp://www.agpolitischediskussion.de/2012-06-Tastethewaste.MP3

Anonym am :

bzw. als Ergänzung zum selben Themenkomplex:
hxxp://doku.argudiss.de/?Kategorie=KuA#365

MR am :

Den Film habe ich gesehen und kann ein eigenes Urteil haben. Beim zweiten link sehe ich nicht, wie bzw. über welches Programm er zu öffnen wäre: hxxp... etc.?

Anonym am :

Einfach die das "hxxp" durch "http" ersetzen und in die Adresszeile des Browsers kopieren.

helmut am :

Die statistische Lebenserwartung steigt in Deutschland alle drei Jahre um ein Jahr. So ungesund kann weder unser Essen, noch das Medizinunwesen oder sonst eines der beliebten Aufregeria-Themen sein.

Anonym am :

Gibt so eine Aussage statt für den alles einebnenden Durchschnitt auch für Einkommenshöhe gestaffelt?

MR am :

simplicius simplicissimus wird das Gefangenen-Dilemma-Spiel nicht gewinnen!

Anonym am :

Eine statistische Lebenserwartung kann nicht steigen, weil es eine solche in der Wirklichkeit nicht gibt. Ebenso wie in dem Satz "Der Begriff des Hundes bellt nicht".

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