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Mit dem Funken + Prickel-Starterset in der Milchschaumdestille

"Schlanke, attraktive Zauberin sucht sinnlichen, romantischen Verführer. Ich (49) lebe in Kassel, bin Single, Akad., unkompliziert und unabhängig, suche langfristige prickelnde Beziehung, Zuschr. Z 15561 an diese Zeitung".
So las ich es in der Speerspitze des investigativen Lokaljournalismus vom 12. Februar, die ich von Nachbars immer erst leicht zeitverzögert gereicht bekomme und fand mich spontan stimuliert, nach Lektüre dieses akkurat formulierten Begehrs unverzüglich ein Bewerbungsschreiben aufzusetzen.
Wo mir diese neumodische Tele-Chiffre-Sache mit teuren 0900er-Nummern, bei denen man den Unterversorgten dieser Welt seine Vorzüge und Neigungen auf eine eigens eingerichtete Mailbox hauchen kann, suspekt ist, kommt eine anständige deutsche Chiffre-Anzeige wie gerufen.

Ich mache mich also locker, formuliere einen ersten Entwurf, skizziere und krizzele noch hier und da ein bisschen daran herum und lasse mir was einfallen, wie ich die Zauberin trotz der ein oder anderen neurotischen Störung, die sich in den pseudokreativen Selbstverwirklichungsbiotopen der neuen Bionade-Biedermeier-Bürgerlichkeit quasi zwangsläufig einschleicht, von meiner Alltagsbewältigungskompetenz überzeugen und sie für mich begeistern könnte. Schon tags darauf sitze ich in der Milchschaumdestille meines Vertrauens bei einer gepflegten Latte - leider nur Macciato - und beschrifte einen Nachdruck des Herrn Klee, den ich für das postalische Brautschauanbahnungsszenario aussuchte - von Hand, versteht sich.
Und dann lasse ich es aus dem extra mitgeführten Tintenroller mit beherztem Federschwung fulminant auf's Papier fließen:

Liebe studierte Magierin,
ich bin ein 47-jähriger freischaffender Realitätstransporteur, SMS (Single mit Sohn, 19), ausgestattet mit einem einigermaßen soliden geistigen, körperlichen wie emotionalen Aggregatzustand und großer Lust auf sinnliches Begehren.
Bei gegenseitigem Funkenflug gäbe ich mich gern der rituellen Deregulierung von Sinn und Verstand hin.
Das Funken + Prickel-Starterset lege ich fürs Erste schon mal bei.
So du mit mir ein kleines - besser großes - Feuerwerk abbrennen möchtest, kannst du dich gern unter 0123-456 78 910 beim Zeremonienmeister melden.

Bis dahin grüßt dich herzlich:
Herwig

Das Funken + Prickel-Starterset, das ich akkurat ins Kärtchen drapiere, besteht aus: zwei Wunderkerzen und zwei Päckchen Ahoi-Brause, Himbeere/Orange.
Also nichts wie raus aus der Macchiato-Sphäre, rein in die Postagentur. 90 Cent drauf - der Starterset-Versand fordert seinen Tribut - und ab geht die Post.
Möge die Macht mit mir sein.

Es ist Freitag, der 18., kurz vor sechs. Ich rechne. Angenommen, die Grazien in der Anzeigenabteilung bekämen das Paul Klee-Funken + Prickelstarterset schon am nächsten Tag in die Hände - vorausgesetzt, es verursachte keinen Terroralarm - verpackten es - en direct - zusammen mit den Mitbewerbern in einen Sammelumschlag und schickten es noch am selben Tag zur Zauberin, sie hätte es frühestens am Montag im Briefkasten.
Jetzt ist also Geduld gefragt.

Mittlerweile schreiben wir den Tag Dreizehn nach Versand. Verbrannte sich die Zauberin beim Funkenflug oder war sie Deutschlehrerin und neigte dazu, mein zu Papier gebrachtes Testat als ironische Indirektheitsinszenierung zu interpretieren? Hatte sie sich möglicherweise einem dieser Langweiler mit den anzeigenüblichen Attributen wie NR, NT oder ähnliches an den Hals geschmissen, die vorgeben, mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen und deshalb im Grunde nicht mehr vom Fleck kommen? War die Zauberin doch nicht so unkompliziert, wie sie vorgab? Reichten ihr schon zwei Tüten Ahoi-Brause für die signifikante Erhöhung des Prickelfaktors?
Ich werde es wohl nie erfahren. Dabei fand ich meine Idee so erfrischend.
Darauf eine Ahoi-Brause! Direkt auf die Zunge...

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